Gabriel Felbermayr, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft, sitzt im Treppenhaus des Instituts. Felbermayr.
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Der Präsident, des Instituts für Weltwirtschaft, Prof. Gabriel Felbermayr.

US-Wahl

Top-Ökonom Felbermayr: Darum wäre Biden für Deutschland die bessere Wahl

  • Thomas Schmidtutz
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Der Präsident des renommierten Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Prof. Gabriel Felbermayr, hofft nach der US-Präsidentschaftswahl auf einen Neustart in den Beziehungen mit den USA.

München. Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen den USA und China haben sich zuletzt dramatisch verschlechtert. Auch das Bündnis der Amerikaner mit Europa hat zuletzt schwer gelitten. Merkur.de* sprach vor der richtungweisenden Wahl mit dem Präsidenten des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Prof. Gabriel Felbermayr, über die US-Wahl, die möglichen Folgen für die deutsche Wirtschaft und die künftige Rolle Europas zwischen den Machtblöcken USA und China.

Felbermayr (44) gilt als einer der einflussreichsten Ökonomen in Deutschland. Vor seinem Wechsel nach Kiel leitete der Volkswirt das Münchner ifo Zentrum für internationale Wirtschaft und lehrte Internationale Wirtschaft an der Universität München.

US-Wahl 2020: „Trumps Wirtschaftspolitik war gut für Aktionäre“

Herr Prof. Felbermayr, im Sommer haben Sie mit Blick auf die US-Wahl gesagt, Sie hofften auf eine Wahl von Joe Biden. Haben Sie Ihre Meinung inzwischen geändert?
Nein, Biden wäre für Deutschland und Europa in Summe besser.
Warum?
Weil mit Biden der dringende Neustart möglich wäre. Die Gesprächsbasis zwischen Trump und vielen europäischen Regierungschefs ist massiv gestört, das erschwert Kooperation ungemein. Biden würde in der Sache oft unbequem für Europa sein, aber sein Stil wäre sicher sehr viel verträglicher.
Aber wenn man der Wall Street glauben darf, hat der amtierende US-Präsident Donald Trump einiges richtiggemacht. Immerhin hat der Dow Jones seit der US-Wahl 2016 trotz Corona um gut zwei Drittel zugelegt. Was finden Investoren so gut an Trump?
Trump hat zu Beginn seiner Amtszeit eine große Steuersenkung durchgeführt. Das hat die Konjunktur angeschoben. Er hat eine Agenda der Deregulierung durchgezogen. Das hat die Gewinnaussichten der Unternehmen verbessert. Er hat die Federal Reserve erfolgreich zu einer lockeren Geldpolitik gedrängt. Das ist eine Politik, die für Aktionäre gut war.
Dafür hat Trump in seiner ersten Legislaturperiode einen Handelskrieg mit China vom Zaun gebrochen Das kam an der Börse gar nicht so gut an. Dagegen haben viele Europäer Trumps harte Linie angesichts des immer machtbewussteren Auftretens Pekings insgeheim durchaus begrüßt. Rechnen Sie hier mit einer Kurswende, sollte Trump die Wahl gewinnen?
Viele in Europa haben sich hinsichtlich China umorientiert, zum Beispiel der Bundesverband der Deutschen Industrie. Die Anknüpfungspunkte in der Chinapolitik sind eher mehr als weniger geworden. Ob Europa hier besser mit den USA kooperieren kann, hängt aber eben auch massiv von atmosphärischen Fragen ab. Dazu kommt, dass Europa jedenfalls punktuell auch vom US-chinesischen Handelskrieg profitiert hat. Wenn China kein Schweinefleisch mehr aus den USA kauft, dann gibt es neue Marktchancen für Farmer aus Dänemark oder Niedersachsen.

US-Wahl 2020: Das wirtschaftliche Verhältnis zu Deutschland ist angespannt

Joe Biden: Ein Wahlsieg des demokratische Präsidentschaftskandidaten wäre für Deutschland und Europa besser, sagt IfW-Chef Prof. Gabriel Felbermayr.
Auch das Verhältnis der USA mit der EU ist so angespannt wie selten zuvor. Trump hat Strafzölle auf Stahl und Aluminium-Importe verhängt, auf Emmentaler, Wollpullover oder Schraubenzieher. Auch der Streit um Beihilfen für die Flugzeugbauer Airbus und Boeing ist zuletzt eskaliert. Die EU könnte sich mit Straf-Zöllen auf Ketchup oder Spiele-Konsolen revanchieren. Kommt es zum offenen Handelskrieg zwischen den alten Verbündeten, sollte Trump im Amt bleiben?
Das lässt sich nicht ausschließen und ist unter Trump sicher viel wahrscheinlicher als unter Biden. Man sollte hier aber nicht übertreiben: die Trump-Jahre waren trotz aller Nadelstiche für den transatlantischen Handel keine schlechten, vor allem weil die Konjunktur in den USA bis Ende 2019 gut lief, und der Importsog stark war. Das Handelsvolumen ist riesig, und selbst der Airbus-Boeing Streitfall ist vergleichsweise klein. Im Umkehrschluss heißt das aber auch, dass die Fallhöhe bei einer neuen Eskalation hoch wäre.
Trump hatte in den vergangenen Jahren auch den deutschen Autobauern wie BMW, VW oder Daimler mit Strafzöllen gedroht. Mitte November könnten sie in Kraft treten. Ist das nur Rhetorik oder zündet Trump nach einem Wahlsieg die nächste Stufe?
Die Handelspolitik spielt im Wahlkampf 2020 eine viel geringere Rolle als vor vier Jahren. Trump hat seine Drohungen gegen die EU beispielsweise nicht prominent erneuert. Die deutschen Autobauer haben außerdem auf die Situation reagiert, und ihre Standorte in den USA und die Lieferantennetzwerke gestärkt. Und die EU hat sehr klar gemacht und im Fall der Stahl- und Aluzölle bewiesen, dass sie im Falle eines handelspolitischen Angriffes mit Gegenmaßnahmen reagieren würde, die Trump weh tun können. Ich hoffe, das reicht aus, um eine neue Eskalationsrunde zu vermeiden.
Wie sollten die EU und Deutschland auf eine solche Eskalation reagieren: Mit dem alttestamentarischen Ansatz: Strafzoll um Strafzoll?
Am besten wäre, wenn es bei der Drohung bleiben kann. Wenn diese glaubwürdig ist, dann kommt es erst nicht zur Eskalation. Wichtig ist vor allem, dass sich die EU an die Regeln der Welthandelsorganisation hält und die Verhältnismäßigkeit wahrt.
Die deutsch-amerikanischen Beziehungen und das Verhältnis zwischen der EU und den USA haben sich unter Trump erheblich verschlechtert. Welche Entwicklungen erwarten Sie hier, sollte Joe Biden das Rennen machen?
Dass es zu einer deutlichen Entspannung kommt, vor allem im atmosphärischen Bereich. Biden will die USA bis 2050 klimaneutral machen; da liegt er auf EU-Kurs. Ich kann mir gut vorstellen, dass hier sehr viel mehr Kooperation möglich ist. Im Airbus-Boeing Streit kann ich mir vorstellen, dass man zu einer Verhandlungslösung kommt, die beiden Seiten hilft. Eskalation ist am Ende hier nur gut für die Konkurrenten in China oder Russland.

US-Wahl 2020: Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft

Die harte Linie des US-Präsidenten gegenüber China hat zu einem offenen Handelsstreit zwischen beiden Ländern geführt.
Also dürfte Biden die USA wieder näher an Europa rücken und es auch in den Handelsbeziehungen zu einer Entspannung kommen?
Ja, davon gehe ich aus. Das heißt aber nicht, dass es so wird, wie früher. Biden ist sicher kein Freihändler. Seine Ideen zu „Buy American“ könnten zu neuen Irritationen führen. Die Hoffnung ist aber, dass diese Differenzen mit einer neuen Administration sehr viel besser ausdiskutiert werden können
Aber der Konflikt zwischen den USA und China bliebe auch unter Biden auf der Tagesordnung?
Dieser Konflikt wird noch Dekaden prägen. Und über eine harte Haltung gegenüber China gibt es in Washington einen politischen Konsens über beide großen Parteien hinweg.
Warum?
China wird wirtschaftlich, gemessen an der Größe des BIP, die USA überholen. Gerade beschleunigt sich dieser Prozess, weil die Coronakrise in Amerika zu einer deutlichen Schrumpfung führt, während China wieder wächst. Wirtschaftliche Macht bedeutet auch politischen Einfluss, und diesen wird die USA nicht kampflos aufgeben. Die USA haben dazu noch viele mächtige Instrumente: ein weltumspannendes Netzwerk von Alliierten, den Dollar, und vieles mehr.
Wie sollte Europa auf die geänderte geostrategische Lage aus wirtschaftlicher Sicht reagieren?
Europa braucht zwei Dinge: Erstens muss es mehr für die eigene wirtschaftliche Stärke tun. Für mich steht hier der Binnenmarkt im Vordergrund. Dieser macht Europa stark, auch in Verhandlungen mit Drittstaaten, denn der Zugang zum Binnenmarkt ist ein wichtiger Trumpf. Zweitens muss die EU aber auch Instrumente entwickeln, um handels- oder finanzpolitischer Aggression etwas entgegen halten zu können. Dazu gehört etwa, den Euro zu einer Weltwährung zu entwickeln, oder das eigene Außenhandelsrecht anzupassen, um notfalls glaubwürdig mit Gegenmaßnahmen drohen zu können.
Droht Europa zwischen den USA und China zerrieben zu werden?
Die Gefahr existiert. Sie ist umso größer, je schwächer die EU ist. Daher mein Plädoyer für eine weitere Vertiefung des Binnenmarktes. Wenn wir wirklich strategisch unabhängig bleiben wollen, müssen wir wirtschaftlich stark sein. Aber die Herausforderung ist riesig. Gut möglich, dass eine Entspannung mit den USA zu größeren Problemen mit China führt.

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