Zwischen Trauer und Vorfreude

  • vonUdo Dickenberger
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Wie geht es den Kirchengemeinden in dieser Zeit? Werden wir bald wieder »normale« Gottesdienste feiern können? Und wie könnte ein Neustart aussehen? Pfarrerin Giese aus Niddatal und der Wöllstädter Pfarrer Simba Burgdorf sprechen über die vergangenen Monate, ihre Pläne und ihre Hoffnungen.

Wie ist die Situation in der Kirchengemeinde in Kaichen und Bönstadt? Pfarrerin Evelyn Giese antwortet auf diese Frage, es werde nach dem erfolgreichen Impfen eine Zeit der Wachsamkeit brauchen, sodass es eine Übergangszeit geben werde. Es könne mit Formen, wie man sie bspw. von der Waldweihnacht kenne, also vielleicht mit einer Feier im Grünen oder auf Plätzen, eine Annäherung an die Normalität erfolgen. Aber, und das sei typisch für diese Zeit mit Corona: Feststehe noch nichts.

Ein Defizit sei das Fehlen der Begegnungen mit der Gemeinde. Die Gemeinden hätten seit Erntedank keinen Präsenzgottesdienst gehabt, sondern seien über Video-Andachten im Kontakt geblieben. Ausgefallene Konfirmandenfahrten kämen hinzu, es habe keinen Präsenzunterricht mit den Konfirmanden gegeben, da man nicht draußen sitzen konnte. Treffen mit den Senioren seien ausgefallen, die sonst gerne besucht würden. Pfarrerin Giese habe neben den Video-Andachten sonntags einige wenige Gemeindeglieder anrufen können, doch dabei nicht alle erreicht, die sich ebenfalls über einen Anruf gefreut hätten: »Ich weiß aber, dass sich die Seniorinnen teilweise untereinander angerufen haben, um in Kontakt zu bleiben.«

Die Konfirmanden wurden im September konfirmiert. Da gab es einen Vorstellungsgottesdienst auf dem Sportplatz und für Bönstadt und Kaichen je eine kleine Konfirmation in den Kirchen. In diesem Jahr werde das ähnlich erfolgen. Jubiläumskonfirmationen könnten nicht nachgeholt werden. Alle Jubilare würden angeschrieben. Das werde gerade für 2020 getan, dann sei 2021 dran: »Wir versenden an jeden, dessen Adresse wir ausfindig machen, ein schön gestaltetes Erinnerungsblatt.«

Die gesamte kirchliche Arbeit bestehe aus Begegnung. Die Kinder hätten über ein Jahr gar keinen oder nur verkürzt Kindergottesdienst gehabt. Die Jugendclubs, an denen die Kirchen in Niddatal mitbeteiligt sind, seien geschlossen werden. Verzichtet wurde nach den Beerdigungen auf den anschließenden Kaffee. Doch nun, langsam, gebe es wieder Hoffnung auf Begegnungen.

Pfarrer Simba Burgdorf (Wöllstadt) sagt, er hat das Gefühl, »dass sich die meisten Gemeinden gerade aufspannen wie ein Flitzebogen«. Es würden alte und neue Formate aus dem Köcher geholt und alle warteten eigentlich nur noch darauf, den Angebotspfeil wieder abschießen zu können. Er hoffe, dass die künftigen Angebote der Kirche alle Erfahrungen, den Modernitätsdrang und die Digitalisierungskreativität widerspiegeln werden, die wir in der Corona-Zeit gelernt haben.

Weihnachten sei die große Hoffnung. Wenn bis Weihnachten die Beschränkungen aufgehoben seien, platzten die Kirchen aus allen Nähten: »Da habe ich richtig Bock drauf!«, sagt der Pfarrer. Dann würden wir hoffentlich, vielleicht passend zur Geburt Jesu, auch die Geburt einer völlig neuen Kirche erleben.

Die Kirche sei für die jetzige Situation so gut ausgerüstet wie kaum eine andere Institution in der Gesellschaft. Die Kirche werde es schaffen, die Freude über das Ende der Pandemie mit der Trauer und dem Gedenken an die Verstorbenen auf Waage zu bringen und beides würdig zu begehen: »Wir werden stilles Gedenken mit ausgelassenen Festgottesdiensten mischen, sodass beide Emotionslagen in unserer Gesellschaft ihren Anklang finden.«

Das Schmerzlichste in der Pandemie seien die Seelsorgegespräche und die personenbegrenzten Trauerfeiern. Die Geschichten von Menschen, die ihre Angehörigen in den letzten Stunden, in denen sie verstorben sind, nicht sehen, nicht halten, nicht mehr sprechen konnten, werde er sein Leben lang nicht vergessen. Unermessliches Leid habe sich auf den Intensivstationen und hinter den verschlossenen Türen der Krankenhäuser und Altenheimen in dieser Zeit abgespielt.

Pfarrer Burgdorf sagt, er denke nicht, dass alles nachgeholt werden könne, was im vergangenen Jahr an Veranstaltungen und Festen ausgefallen sei. Der Verlust werde Teil der Identität bleiben: »Wir alle haben irgendwas in der Pandemie verloren und damit müssen wir lernen zu leben.« FOTOS: ARCHIV

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