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Wie es der Zufall so wollte…

  • Sabrina Dämon
    vonSabrina Dämon
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Die Welt ist manchmal doch sehr klein. Ein gutes Beispiel dafür sind die Ereignisse, die Günter Loth aus Bingenheim kürzlich zu Papier gebracht hat. Der Anfang liegt im Jahr 1940. Damals kommen 40 französische Kriegsgefangene in den Ort. Doch mit Kriegsende bricht der Kontakt ab - bis es in den 80er Jahren zu einer glücklichen Fügung kommt.

Günter Loth hält das Schild in die Luft. Das französische Wort »Bienvenue« steht darauf. Herzlich willkommen. Ein Auto nähert sich, drei Franzosen sitzen darin. Felix Darnajou, Paul Ouiviger und Francis Mevel. Es ist der 1. Oktober 1987, und die drei Männer sind nach über 40 Jahren zum ersten Mal wieder in Bingenheim.

1940 kommen rund 40 Franzosen in den Ort; sie sind Kriegsgefangene. Kurz zuvor, am 10. Mai desselben Jahres, hatte die Wehrmacht Frankreich angegriffen. Als Folge werden zahlreiche französische Kriegsgefangene nach Nazi-Deutschland gebracht, wo zu dieser Zeit »die meisten arbeitsfähigen Männer im militärischen Einsatz« waren, wie Günter Loth heute berichtet. Der Bingenheimer ist im Geschichtsverein aktiv. Und hat sich mit der Geschichte der Kriegsgefangenen in seinem Heimatort auseinandergesetzt. Er berichtet: Die 40 Männer, die in den Ort kamen, wurden in der Bingenheimer Mühle einquartiert. Die meisten von ihnen stammten aus der Bretagne oder aus der Normandie.

Der damalige Bürgermeister, Heinrich Schnackenberg, teilte den jeweiligen Höfen im Ort Gefangene zu. Ihr Schlafplatz war die Mühle, von 7 bis 19 Uhr mussten sie auf den jeweiligen Höfen arbeiten.

Günter Loths Großvater Karl Hofmann gehörte zu den Bingenheimern, denen ein Kriegsgefangener zugeteilt wurde. Sein Name war Paul Ouviger. »Mein Opa hat in den 30er und 40er Jahren zusammen mit unseren Nachbarn für das Forstamt Nidda als Holzfuhrmann gearbeitet«, erzählt Günter Loth. »Das Holz wurde als Scheitholz mit den Fuhrwerken vom Wald nach Gettenau zum Bahnhof gebracht und dann in Waggons der Reichsbahn verladen.«

Paul habe auf dem Hof und auf dem Feld gearbeitet, zudem habe er Holz mit dem Pferdefuhrwerk transportiert. Zwar musste ein Kriegsgefangener stets beaufsichtigt werden, »doch da mein Großvater Vertrauen zu Paul hatte, gab er meinem Cousin Wilfried Hofmann, damals 12 oder 13 Jahre, den Auftrag, Paul zu begleiten«.

Kurz vor Kriegsende wurden die französischen Männer aus Bingenheim weggebracht. Sie kamen nach Bad Orb in ein sogenanntes Stammlager für Kriegsgefangene. Der Kontakt war damit abgebrochen.

Wenig später endete der Krieg. Über 40 Jahre vergingen. Dann, so berichtet es Günter Loth: An einem Sonntag im Jahr 1986 kommt ein Ehepaar in die Bingenheimer Gaststätte »Zur Stadt Offenbach«. Nach einem Gespräch stellt sich heraus: Die zwei stammen aus Bierbergemünd, und sie waren im Urlaub in Frankreich, auf einem Bauernhof in der Bretagne. Dort haben sie einen Mann mit dem Namen Paul kennengelernt. Er habe erzählt, dass er in Bingenheim als Kriegsgefangener gearbeitet hat.

Wenig später schickt Günter Loth den ersten Brief nach Frankreich. Adressiert an Paul Ouviger, der zu dieser Zeit 77 Jahre alt ist.

Fröhliches und Trauriges

Am 1. Oktober 1987 ist es so weit. Paul Ouviger sowie zwei weitere Franzosen, die während des Krieges in Bingenheim gewesen sind, kommen zu Besuch. »Die Begrüßung war herzlich«, erinnert sich Günter Loth - und aufgrund der Sprachbarriere sehr gestenreich.

Am zweiten Abend, erzählt der Bingenheimer, wird gefeiert. Gäste aus dem ganzen Ort kommen, um die Franzosen zu begrüßen. Die Frau und der Sohn von Günter Loth dolmetschen, einer der französischen Gäste, Felix Darnajou, spricht relativ gut Deutsch. »Es war ein wundervoller Abend. Unsere französischen Gäste haben gesungen und sich wohlgefühlt«, erzählt Günter Loth. »Wir sagen noch heute: ›Das war die schönste Feier im Hause Loth.‹«

Die Gäste bleiben drei Tage. Auf dem Programm steht auch ein Besuch in Biebergemünd - bei der Familie, die den Kontakt möglich gemacht hatte - sowie ein kurzer Aufenthalt in Bad Orb, wo die Männer 1945 im Gefangenenlager interniert waren. An diesen Besuch erinnert sich Günter Loth noch gut. Er berichtet, dass die drei Männer plötzlich still geworden sind, mit gesenkten Köpfen auf dem Gelände standen. Nachdem sie wieder im Auto waren, haben die Männer nicht darüber gesprochen, was damals, 1945, in dem Lager geschehen war, einer habe nur gesagt: »Dort sind ganz schlimme Dinge geschehen.«

Noch jahrelang Briefkontakt

Vergangenen Oktober hat Günter Loth die Ereignisse rund um den Besuch zu Papier gebracht. Wie er erzählt, haben er und die Franzosen noch einige Jahre Briefkontakt gehabt. Heute leben die Männer nicht mehr. Auch Bingenheimer, die sich noch an sie erinnern konnten, sind gestorben. »Der Zeitpunkt des Besuchs war eigentlich eine glückliche Fügung«, sagt Günter Loth heute. »Denn meine Mutter Ottilie Loth, Onkel Hugo und Wilhelm Hofmann, die sich noch am besten an Paul und seine Kameraden erinnern konnten, sind dann innerhalb eines Dreivierteljahres nach dem Besuch verstorben.«

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