Die Premiere der Autogottesdienste war schon im Frühjahr beim ersten Lockdown. Damals hatte Pfarrer Simba Burgdorf einen Kran, "quasi eine Kanzel", mit dem er über die Dächer der Autos fahren konnte. Diesmal, zum Weihnachtsgottesdienst, wird es ein bisschen anders. Pfarrer und Musiker stehen auf einem Tieflader. FOTO: PV
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Die Premiere der Autogottesdienste war schon im Frühjahr beim ersten Lockdown. Damals hatte Pfarrer Simba Burgdorf einen Kran, "quasi eine Kanzel", mit dem er über die Dächer der Autos fahren konnte. Diesmal, zum Weihnachtsgottesdienst, wird es ein bisschen anders. Pfarrer und Musiker stehen auf einem Tieflader. FOTO: PV

Heiligabend-Autogottesdienst

Weihnachten auf dem Parkplatz

  • vonred Redaktion
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Der Pfarrer steht auf dem Tieflader, die Gottesdienstbesucher sitzen im Auto: So wird es an Heiligabend in Wöllstadt. Pfarrer Simba Burgdorf wird dort einen Auto-Gottesdienst gestalten - inklusive Warnblink- und Hup-Einlagen.

Heiligabend wird laut. Jedenfalls ab 16 Uhr in Nieder-Wöllstadt. Wer zufällig am Rewe-Markt vorbeikommt, darf sich nicht wundern, wenn 150 Autos gleichzeitig hupen. Das liegt dann daran, dass gerade ein Weihnachtslied gesungen wird. Simba Burgdorf lacht. "Ja, wir haben Stellen in die Lieder eingebaut, bei denen gehupt werden kann." So war es schon im Frühjahr, so wird es auch an Heiligabend sein, wenn der Wöllstädter Pfarrer zum Auto-Gottesdienst einlädt.

150 Parkplätze gibt es. "Ich freue mich, wenn wir ein mittelgroßes Verkehrschaos in Wöllstadt auslösen", sagt Simba Burgdorf schmunzelnd. "Das würde zeigen, dass Weihnachten noch aktuell ist."

Der Pfarrer hat schon Erfahrung mit Autogottesdiensten (nein, es gab nicht wirklich ein Verkehrschaos). Bereits im Frühjahr, beim ersten Lockdown, hat er auf dem Rewe-Parkplatz gepredigt, während die Zuhörer statt auf den Kirchenbänken in ihren Autos saßen. Damals stand der Pfarrer allerdings auf einem Kran, teilweise sogar mit Gitarre. Diesmal wird es ein wenig anders: Die Kirchengemeinde hat für den Gottesdienst einen zehn Meter langen Tieflader organisiert, erzählt Burgdorf. Darauf stehen - dank der Feuerwehr in Nieder-Wöllstadt - zwei Weihnachtsmarkthütten. In einer wird der Pfarrer stehen, in der anderen die Musiker.

Kommunikation via Warnblinker

Der Vorteil: Die Bühne ist mobil. Da der Gottesdienst um 16 Uhr beginnt, der Rewe-Markt aber bis 14 Uhr geöffnet hat, können die Organisatoren der Kirchengemeinde die Bühne in einer Scheune in der Nähe startklar machen. Später muss sie dann nur noch an den Ort des Geschehens gefahren werden. Der wird bis dahin bereits zugeparkt sein. Bisher sind schon mehr als zwei Drittel der Plätze durch Anmeldungen belegt. Burgdorf hofft, dass die Autos gut besetzt sein werden - also haushaltsweise. "Wenn im Durchschnitt drei Personen in einem Auto sitzen, erreichen wir 450 Leute, das wäre toll" - zumindest direkt vor Ort. Wer keinen Platz mehr bekommt oder nicht da ist, kann den Gottesdienst via Livestream verfolgen. Was die direkten Teilnehmer angeht, kann man es sich genau so vorstellen, wie es im Autokino läuft, sagt Burgdorf: Er hat ein Mikrofon, und über eine lokale UKW-Frequenz wird direkt ins Autoradio gesendet. Was den Pfarrer daran besonders begeistert: "Im Gegensatz zur Kirche, wo man derzeit nicht singen darf, kann jeder mitsingen." Einmal, weil man im eigenen Auto sicher ist. Und, ein netter Nebeneffekt: "Wer sich normalerweise nicht traut, weil er schief singt, kann das im Auto eher."

Der Pfarrer freut sich auf den Autogottesdienst. Erfahrung hat er ja schon. Im Frühjahr, als zum ersten Mal zig Autos auf dem Parkplatz standen und Burgdorf predigte, war es zuerst etwas ungewohnt: "Weil die direkte Kommunikation gefehlt hat. In der Kirche sehe ich die Menschen, ihre Reaktion auf das, was ich sage." Aber, erzählt er, die Sache mit der Kommunikation war im Autogottesdienst recht schnell ausgelotet: Wer zustimmt, hupt oder gibt ein Lichtsignal. Wer etwas unverständlich findet, aktiviert den Warnblinker.

"Allein das Gefühl, im Lockdown doch Gottesdienste anzubieten, bei denen sich die Menschen sicherfühlen, ist einfach schön." Deswegen sei es auch wichtig, dass die Kirche nun auf die Menschen zugehe, sich alternative Konzepte zum Kirchenbesuch ausdenke. "Gottesdienste können wir als Kirche ohnehin. Jetzt ändert sich nur der Kanal."

Die Botschaft aber nicht. Die, sagt Simba Burgdorf, ist seit 2000 Jahren noch immer aktuell, gerade jetzt, in einer Zeit, in der es viel Angst und auch Aggression gebe. "Ich habe das Gefühl, zurzeit haben die Menschen eine sehr kurze Zündschnur." Deswegen wird er am Heiligen Abend auf dem Tieflader stehen und die zeitlose Botschaft des Weihnachtsfest verkünden: "Friede sei mit Euch." FOTO: NIC

Als der Plan stand, kamen schon die ersten Anmeldungen. Daher ist es gut möglich, dass nicht annähernd so viele Besucher einen Platz bekommen, wie es Anfragen gibt. Für diesen Fall, sagt Simba Burgdorf, gibt es einen Livestream (ev-kirchengemeinde-woellstadt.de/startseite.html) des Gottesdienstes. Außerdem: So lange die Corona-Maßnahmen noch andauern, kann sich der Pfarrer vorstellen, weitere Autogottesdienste anzubieten. "Zum Beispiel bei den Konfirmationen im Frühjahr." Wer noch einen Platz für Heiligabend haben möchte, kann versuchen, sich anzumelden: bei der Vorsitzenden des Kirchenvorstands per E-Mail an Anja.Heier@ekhn.de. sda

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