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Hinrichtungsstätte an der Gänsmühle in Wöllstadt

Keine Gnade für Kindsmörderinnen: »Durch das Schwerdt zum Tod«

  • Sabrina Dämon
    VonSabrina Dämon
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Frauen, die in früheren Zeiten uneheliche Kinder hatten, wurden ausgegrenzt. Manche töteten aus Verzweiflung ihr Neugeborenes. Zwei solche Fälle endeten in Nieder-Wöllstadt vor dem Henker.

Es ist ein Freitag im Mai. Der 23. im Jahr 1727. 4000 Zuschauer aus Nieder-Wöllstadt und Umgebung haben sich auf dem Platz an der Gänsmühle versammelt. Die 24-jährige Anna Margaretha Bach aus Leidhecken wird auf den Platz geführt.

Der Scharfrichter, ein Mann aus Friedberg, nimmt das Schwert und schlägt den Kopf der Frau ab, die als Kindsmörderin verurteilt worden war. Sie hatte ihr Neugeborenes im Assenheimer Schloss getötet.

Vor dem »Peinlichen Halsgericht«

Die Hinrichtung ist ein öffentliches Spektaktel. Für manche Zuschauer bereits das zweite dieser Art. Schon 22 Jahre zuvor, damals an einem Dezembertag, ist an selbigem Richtplatz an der Gänsmühle eine Frau enthauptet worden. Die 20-jährige Elisabeth Maria Emmerich. Das »Peinliche Halsgericht« hatte sie wegen des Vorwurfs des Kindsmordes zum Tode verurteilt.

Ihr Prozess begann am 8. Dezember 1705. Elisabeth Maria Emmerich hatte ihr Neugeborenes getötet und hinter der heimischen Scheune in Nieder-Wöllstadt begraben. Wenig später gestand sie ihrem Vater, was sie getan hatte. Der meldete die Tat der Tochter sofort dem Amtsoberschultheiß.

Die Geschichte der beiden Prozesse und der Hinrichtungen hat der Historiker und gebürtige Wöllstädter Dr. Dieter Wolf aufgeschrieben: »Vom alten Nieder-Wöllstadt« heißt das 1976 erschienene Buch.

Keine Hinweise auf die Väter

Dank akribischer Quellenarbeit konnte Wolf zahlreiche Informationen zu den Hinrichtungen zusammentragen. Er zitiert unter anderem aus dem Todesurteil der Anna Maria Bach, die »wegen des an ihrem ohnschuldigen Kind vorsezlich verübten Mordts ihr zu wohlverdienten Straff, um andern zum Exempel, durch das Schwerdt vom Leben zum Tod zu bringen, und offentlich zu enthaupten seiie«.

Worüber die Quellen über die »Peinlichen Gerichte« und die Hinrichtungen keine Hinweise geben, sind die Väter. Die Männer, die die Frauen geschwängert hatten.

Die Frage wurde sicherlich auch damals gestellt, sagt Wolf - »wenn auch nur heimlich«. Denn Anna Margaretha Bach war als Hausmagd im Assenheimer Schloss angestellt, als sie schwanger wurde.

Angst vor gesellschaftlicher Ächtung

Bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts häuften sich Fälle von Kindstötung. Getrieben waren die Mütter oft von der Angst, aus der Gesellschaft verstoßen zu werden. Ein außereheliches Kind zu haben bedeutete Schande, öffentliche Züchtigung und Pranger; nicht nur die Mütter, auch die Kinder wurden ausgegrenzt.

Friedrich Schiller hat 1782 ein Gedicht mit dem Titel »Die Kindsmörderin« geschrieben - aus der Perspektive einer zum Tode Verurteilten:

Wehe! menschlich hat diß Herz empfunden! -

Und Empfindung soll mein Richtschwerd seyn! -

Weh! vom Arm des falschen Manns umwunden

Schlief Louisens Tugend ein.

(...)

Trauet nicht den Rosen eurer Jugend,

Trauet, Schwestern, Männerschwüren nie!

Schönheit war die Falle meiner Tugend,

Auf der Richtstatt hier verfluch ich sie! -

Ein anderes Beispiel ist Goethes »Faust«; Gretchen bringt ihr uneheliches Kind um und wird deswegen hingerichtet. Goethes Vorlage für die literarische Figur waren zwei Frauen, die zu seinen Lebzeiten hingerichtet worden waren. Susanna Margaretha Brandt und Maria Flint.

Schicksal in Erzählung verewigt

Die Hinrichtung von Elisabeth Maria Emmerich an der Gänsmühle in Wöllstadt diente zwei Jahrhunderte später als Stoff für eine Erzählung, geschrieben von dem Lehrer Wilhelm Berntheusel.

Er verfasste den Text mit dem Titel »Hinrichtung einer Kindesmörderin zu Nieder-Wöllstadt anno 1705« - als Heft erschienen um 1930. Der 1893 in Södel geborene Berntheusel war von 1914 bis 1934 Lehrer in Assenheim.

Seine Erzählung beginnt mit einem Treffen dreier Frauen am Dorfbrunnen in Nieder-Wöllstadt. Die eine sagt: »In ganz Nieder-Wöllstadt pfeifen es die Spatzen von den Dächern.« Dass die Lisbeth »gestern abend ihr neugeborenes Kind umgebracht« hat.

Die andere berichtet weiter: Der Vater fand »seine Lisbeth so verstört und verändert, daß er sich nichts gutes ahnte. Und als er auf sie einredete, gestand sie ihm die grausige Tat. Er machte seiner Frau die bittersten Vorwürfe, daß sie die Tochter nicht besser bewacht habe.«

Erst Richtplatz, dann Zwangsarbeiterlager

Die Erzählung endet so, wie es über 200 Jahre zuvor geschehen ist: Die 20-Jährige wird enthauptet. Ihr Leichnam ohne Sarg verscharrt.

Berntheusels Erzählung endet mit den Worten: »Könnte der Richtplatz an der Gänsmühl reden, er erzählte gewiß von vielen Hinrichtungen aus früheren Zeiten und auch noch von manchen aus späteren Jahren.«

Wenige Jahre, nachdem diese Erzählung veröffentlicht worden ist, 1940, wird die Gänsmühle Zwangsarbeiterlager. Und erneut Schauplatz tragischer Schicksale.

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