"Das macht so unfassbar viel Bock", ruft Pfarrer Simba Burgdorf der Menge zu. Von seiner "Hebebühnen-Kanzel" hat er die motorisierten Gottesdienstbesucher auf dem Rewe-Parkplatz gut im Blick. 	FOTOS: SCHENK
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»Das macht so unfassbar viel Bock«, ruft Pfarrer Simba Burgdorf der Menge zu. Von seiner »Hebebühnen-Kanzel« hat er die motorisierten Gottesdienstbesucher auf dem Rewe-Parkplatz gut im Blick. FOTOS: SCHENK

Jedes Amen wird mitgehupt

  • vonJürgen Schenk
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Wöllstadt (jsl). Die Atmosphäre auf dem Rewe-Parkplatz in Wöllstadt hat an diesem Sonntagmorgen etwas von einem Autokino. Aus dem Radio klingt die Stimme des evangelischen Pfarrers Simba Burgdorf, gelegentlich unterbrochen von live gespielter Kirchenmusik. Alles zu hören auf UKW 96,1.

Die zahlreichen Autos, die sich reihenweise aufgestellt haben, hupen rhythmisch Melodien und jedes »Amen« des Pfarrers mit. Der schwebt währenddessen auf einer »Hebebühnen-Kanzel« in luftiger Höhe. Dies sei heute vermutlich die höchste Kanzel Deutschlands, scherzt er ins Mikrofon. Man spürt, wie viel Spaß es ihm macht. Zwischendurch filmt er sogar seine Zuhörerschaft in den Fahrzeugen. »Das macht so unfassbar viel Bock«, ruft Burgdorf der Menge zu.

Es ist ein völlig anderer Gottesdienst, unkonventionell, aus der Corona-Not heraus geboren. Auf diese Weise hat der Pfarrer mittlerweile große Sympathien gewonnen. Gerade mit der Umsetzung der Autokino-Gottesdienste liegt er goldrichtig. Und dabei kommt auch der Humor nicht zu kurz. »Wir haben auch Startkabel dabei, falls jemand liegen bleibt«, spielt er auf möglicherweise leere Fahrzeugbatterien an.

Einen Dank »für perfektes Autokinowetter« richtet er direkt nach oben. Bei einer Umfrage per Hupsignal stellt sich anschließend heraus, dass einige Gottesdienstbesucher sogar aus den umliegenden Ortschaften angereist sind. Auch dieser Fakt zieht ein freudiges Hupkonzert nach sich.

Der zweite Gottesdienst dieser Art geht auf Fragen zum Selbstwertgefühl in der Krise ein. Wer sind wir, wenn nichts mehr im Leben zusammenpasst? Wenn sich die äußeren Umstände verändert haben? Wie finden wir dann zu unserem Selbstwertgefühl zurück?

Burgdorf bald in Elternzeit

Burgdorf bringt Corona mit einem starken Gefühl des Ausgelaugtseins in Verbindung. Es gehe jetzt darum, verlorene Emotionalität und Identität wiederzufinden. Das Virus sei gerade zur rechten Zeit gekommen, um auf ein normales Energieniveau zurückgefahren. Zur Ruhe kommen und lernen, Dinge neu einzuordnen, wären erste Schritte. »In einer solchen Phase ist es in Ordnung, wenn man nicht die Leistung bringt, die man sonst von sich gewöhnt ist«, legt er in seiner Predigt aus.

Als Beispiel dafür nimmt er die alttestamentarische Geschichte des Propheten Elias, der in die Wüste zum Berg Horeb flieht. Der Bibeltext handelt von tiefer Depression und vom Wiederaufstehen mit Gottes Unterstützung. Eine Welt, die zunächst aus den Fugen geraten ist und dann irgendwie doch wieder zusammenwächst - das wäre eine Vision für die Zukunft, zu der wohl niemand Nein sagen würde. »Stille ist die Antwort auf die Lautstärke der Krise«, glaubt Burgdorf. »Unsere Identität finden wir an einem Ort wieder, der außerhalb des Ichs liegt. Dieser Ort ist bei Gott und in der Stille.«

Die Worte des Pfarrers machen Mut für die nächsten Wochen und Monate. Nach der Predigt wird erneut kräftig gehupt. In den Autos sieht man glückliche und bewegte Gesichter. Auch Stefan Vidovic und seiner Ehefrau gefallen diese speziellen Gottesdienste sehr gut. Dazu ist das Ehepaar aus Bad Nauheim gekommen. Solche Veranstaltungen seien ganz wichtige Zeichen in der Corona-Krise, sagen sie. Ihre Tochter Manuela Kimes hat als Inhaberin des Rewe-Marktes dafür den Platz freigegeben.

Zum Schluss kündigt Pfarrer Burgdorf für die nächste Zeit Veränderungen an, man fahre das kirchliche Angebot wieder langsam hoch. Der Gemeindebrief soll bald wieder in die Haushalte flattern. Gottesdienste sind bis November regelmäßig geplant. Er selbst werde demnächst aber erst einmal in Elternzeit gehen.

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