Das Austauschprogramm ist für alle Beteiligten eine gute Sache: Illia Deviatko (M.) konnte dadurch für ein Jahr in einem anderen Land leben, arbeiten und die Sprache lernen. Und für Kita-Leiterin Maria Geiß und Bürgermeister Adrian Roskoni ist der Einsatz des 23-Jährigen in der Kita Wichtelburg (mittlerweile im Neubau Am Bildstock) eine Bereicherung. FOTO: SDA
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Das Austauschprogramm ist für alle Beteiligten eine gute Sache: Illia Deviatko (M.) konnte dadurch für ein Jahr in einem anderen Land leben, arbeiten und die Sprache lernen. Und für Kita-Leiterin Maria Geiß und Bürgermeister Adrian Roskoni ist der Einsatz des 23-Jährigen in der Kita Wichtelburg (mittlerweile im Neubau Am Bildstock) eine Bereicherung. FOTO: SDA

Freiwilligendienst

Ein Jahr in Wöllstadt

  • Sabrina Dämon
    vonSabrina Dämon
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Hallo, Tschüss, Prost - mehr deutsche Wörter kannte Illia Deviatko nicht, als er aus der Ukraine zu seinem freiwilligen Austauschjahr nach Wöllstadt aufbrach. Mittlerweile ist fast ein Jahr vergangen.

Am schwierigsten ist die Sache mit den Artikeln. Irgendwann, Illia Deviatko war schon einige Monate in Wöllstadt, fragte er, warum es »die Frau« und »der Junge«, aber »das Mädchen« heißt. Eine logische Erklärung konnte ihm niemand geben, und dass es in seiner Muttersprache, Russisch, keine Artikel gibt, macht es nicht unbedingt einfacher. Ja, sagt er, die zwei Sprachen sind teilweise schon sehr unterschiedlich. Dennoch: Nach einem knappen Jahr im Freiwilligendienst in der Ober-Wöllstädter Kita Wichtelburg kann er sich bestens verständigen - sowohl mit den Kindern als auch mit dem Team. »Mir gefällt es hier. Das Team ist perfekt«, sagt der 23-jährige Ukrainer. Und Kita-Leiterin Maria Geiß ergänzt: »Die Kinder mögen ihn sehr. Es wird schwer, wenn er geht.«

In wenigen Wochen endet Illia Deviatkos freiwilliges Jahr in der Kita. Er ist über die internationalen Freiwilligendienste des Vereins »Initiative Christen für Europa/ICE« an die Stelle in der Wöllstädter Kita gekommen. Das Motto des Austauschprogramms: »Ein Jahr Menschen in einem anderen Land unterstützen - und dabei Neues lernen.«

Wie der 23-Jährige erzählt, wollte er ohnehin nach Deutschland - »mein Ur-Ur-Opa stammt aus Deutschland. Und mir gefällt die Sprache.« Nachdem der 23-Jährige sein Studium in der Ukrainischen Stadt Charkiw abgeschlossen hatte, schaute er sich nach Austauschprojekten um - und stieß auf den Verein mit Sitz in Dresden.

Dass der Verein letztlich nach Wöllstadt vermittelt hat, liegt auch daran, dass es bereits seit über 20 Jahren eine Verbindung gibt: Bürgermeister Adrian Roskoni hat 1997/98 selbst bei einem Austausch von ICE teilgenommen - damals in Tschechien.

Für die Dauer des Austauschs wohnt der 23-Jährige in einer Wohnung der Gemeinde. Tagsüber arbeitet er in der Kita, spielt mit den Kindern, liest ihnen vor. Oder, sagt die Leiterin, »er tröstet sie«.

In seiner Freizeit lerne er Deutsch oder gehe laufen; auch Marathons in der Umgebung. Allerdings, sagt er, ist es etwas schwierig, in Deutschland Anschluss zu finden. »Viele sind introvertiert.«

Ob er ab und zu Heimweh hat? Nicht so sehr, sagt er. »Für mich sind die Leute hier wie eine zweite Familie. Ich fühle mich überhaupt nicht einsam.« Nur manchmal gebe es Momente, in denen er gerne Russisch sprechen würde. Doch über WhatsApp habe er Kontakt zu seiner Familie in der Ukraine.

Am Anfang habe er noch das Essen aus seiner Heimat vermisst - vor allem Buchweizen -, doch bald hatte ihn jemand aus dem Kita-Team in den Laden für russische Lebensmittel nach Bad Nauheim gebracht.

In Deutschland, sagt Illia Deviatko, fühlt er sich wohl - zwei Sachen seien allerdings sehr gewöhnungsbedürftig. Einmal die Bürokratie. »Hier bekommt man sehr viele Briefe.« Beispiel Bankkonto eröffnen: »Alleine habe ich das nicht geschafft« - jemand aus dem Kita-Team hat geholfen wegen der vielen verklausulierten und behördensprachlichen Sätze in den Unterlagen.

Das zweite sei die Regelung zu Medikamenten: »Zu Hause muss ich nicht zum Arzt gehen, wenn ich ein bisschen krank bin.« In der Ukraine könne er ohne Rezept Medikamente wie Antibiotika kaufen. Aber sonst? Er lacht. »Ich hatte keinen Kulturschock.«

Wenn das Austauschjahr in eineinhalb Monaten vorbei sein wird, wird es für beide Seiten - sowohl für ihn als auch für das Kita-Team - ein schwerer Abschied. Er überlege noch, ob er ein weiteres Freiwilligenjahr in Deutschland machen möchte. Und auch Kita-Leiterin Maria Geiß, die zum ersten Mal Erfahrungen mit dem Austauschprogramm gemacht hat, ist begeistert. »Für die Kita war es ein positives Jahr. Wir haben alle sehr viel gelernt, auch über die Ukraine«, sagt sie. »Wir würden Illia sofort wieder nehmen.«

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