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Geheimnisvolle Gräber für die Ewigkeit

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Von: Jürgen Schenk

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Man muss sich Zeit nehmen, um die Botschaft auf dem Grabkreuz lesen zu können. 177 Jahre sind seit dem tragischen Unglück in Nieder-Wöllstadt vergangen, an das erinnert werden soll.

Die Inschrift auf dem gusseisernen Grabkreuz auf dem Nieder-Wöllstädter Friedhof ist stark verwittert. Nur langsam setzen sich die Worte zusammen. Buchstabe für Buchstabe. Man muss sich Zeit nehmen, um die Botschaft zu lesen. 177 Jahre sind seit dem tragischen Unglück vergangen, an das die Nachwelt erinnert werden soll.

Das Kreuz ist eines von zwölf meisterhaft gefertigten Grabmalen auf dem Nieder-Wöllstädter Friedhof, die aus alter Zeit übrig geblieben sind. In einer Reihe stehen sie vor der Trauerhalle und fordern den Betrachter zum Verweilen auf – an einem Ort, dessen Stille nur hin und wieder von den vorbeiratternden Zügen unterbrochen wird. Hinterlassenschaften für die Ewigkeit, glücklich gerettet vor der Entsorgung.

WZ-Vorgänger berichtet

»Hier ruht in Gott Friedrich Weith geb. d. 22. Decbr. 1817, gest. auf dem Felde durch einen Blitzschlag d. 3. Juni 1840. Sanft ruhe seine Asche.« – Wer es sich leisten konnte, so wie die angesehene Bauernfamilie Weith, gedachte seiner Toten in Form solcher Monumente. Der Land- und Gastwirt Johann Heinrich Weith II.

, genannt Pfalzgraf, gehörte zu den wohlhabendsten Bürgern Nieder-Wöllstadts, die Familie Weith an sich war begütert und spielte in den sozialen Strukturen innerhalb des Dorfes eine wichtige Rolle. Über den tragischen Unglückstod des dritten Sohnes Friedrich berichtete seinerzeit auch das »Intelligenzblatt für die Provinz Oberhessen« (Vorgänger der WZ) am Sonnabend, dem 6. Juni 1840.

»Am 3. Juni wurde zu Niederwöllstadt ein junger Mann vom Blitze erschlagen. Wir haben zwar hierüber noch keine nähere Nachricht erhalten, glauben aber annehmen zu dürfen, daß derselbe unter einem Baume Schutz gegen den Regen gesucht habe…« Die Richtigstellung folgte dann durch eine kurze Fußnote der Redaktion: »Wir erfahren soeben, daß der junge Mann auf freiem Felde ganz in der Nähe seiner eben sitzenden Arbeiter vom Blitze erschlagen wurde.«

Den Stolls blutet das Herz

Gleich neben dem Grabstein Weiths steht die inzwischen abgebrochene Grabsäule des neunjährigen Luischens, dem »verlorenen Glück« der Familie Stoll (geb. 28. August 1878, gest. 9. Januar 1888). Über die genauen Umstände des Todes erfahren wir in diesem Fall zwar nichts, allein die Inschrift beweist aber schon, wie sehr den Eltern Heinrich Georg Friedrich und Maria Lina Stoll das Herz geblutet haben muss.

Ganz im Stil der damaligen Zeit bereitete man verstorbenen Soldaten eine besonders ehrenvolle Grabstätte. Das zeigt auch das Denkmal des Georg Heinrich Stoll, eines 25-jährigen Leutnants im Infanterie-Regiment Prinz Carl (4. Großherzoglich Hessisches Nr. 118), der laut Kirchenbuch am 21. Juni 1909 in Worms Selbstmord beging. Suizid und christliches Begräbnis passten in dieser Zeit eigentlich nicht zusammen; Selbstmörder wurden in der Regel nicht durch die Pfarrer »nach christlichem Gebrauch« beigesetzt. Allein die Umstände dieser Verzweiflungstat werden wohl eine Veranlassung dazu gegeben haben.

So könnte man noch neun weitere Geschichten erzählen. Mit den Grabmalen, die an der südöstlichen Friedhofsmauer stehen gelassen wurden, wären es sogar dreizehn. Ursprünglich befand sich ein Teil der Gräber auf dem alten »Gottesacker« hinter der evangelischen Kirche (Parzelle zwischen Lindenstraße und Schulstraße). Nach der Einweihung des neuen Friedhofs an der Ilbenstädter Chaussee (heute B 45) wurden die Kreuze, Säulen und Steine an die Friedhofsmauer umgebettet.

Den Grundmanns sei Dank

Als die Gräber abgeräumt wurden, erwarb die Familie Grundmann dort eine Grablegestätte. Ihrer Umsicht ist es zu verdanken, dass einige der Monumente erhalten blieben. Sie bekamen mit Gemeindebeschluss vom Mai 1997 ihren Ehrenplatz gegenüber der Trauerhalle oder zieren weiterhin die südöstliche Umrandung des Friedhofs.

»Solche Kunstwerke werden heute gar nicht mehr hergestellt«, weiß Christel Grundmann, die selbst ein traditionsreiches Bestattungsunternehmen in Nieder-Wöllstadt führt. »Uns war sehr daran gelegen, dass so etwas Wertvolles nicht in Vergessenheit gerät.«

Info

Die Friedhöfe Nieder-Wöllstadts

Bis um das Jahr 1650 wurden die Toten direkt auf dem Kirchhof an der evangelischen Kirche beerdigt, so wie es überall üblich war. Bald aber musste aus Platzmangel ein neuer Friedhof angelegt werden. Eine Stelle dafür fand sich vor dem Haingraben an der Oberpforte (Schulstraße/Lindenstraße). Nach Erweiterungen in den Jahren 1727, 1849 und 1860 musste auch dieser Friedhof geschlossen werden. Der bis heute bestehende Friedhof an der Straße nach Ilbenstadt wurde am 9. Januar 1878 offiziell seiner Bestimmung übergeben. (jsl)

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