Main-Weser-Bahn

Bürgerversammlung zum Gleisausbau: Heftige Kritik an Bahn

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Die Emotionen kochten hoch bei der Bürgerversammlung zum Gleisausbau der Main-Weser-Bahn in Wöllstadt. Der große Streitpunkt: Wie viele Güterzüge werden fahren? Die Meinungen dazu gehen auseinander.

Sollte die Bahn ihr Vorhaben, zwei zusätzliche Gleise für die Mai-Weser-Bahn zwischen Bad Vilbel und Friedberg, umsetzen, würde sich in Nieder-Wöllstadt einiges ändern. Was, das sollten die Planer der Bahn den Wöllstädtern am Montagabend in einer Bürgerversammlung erklären. Da unter den knapp 300 Zuhörern im Bürgerhaus überwiegend Ausbaugegner saßen, drehte sich die Diskussion vor allem um die grundsätzliche Notwendigkeit. Viele Wöllstädter befürchten, dass mit dem Ausbau auch mehr Güterverkehr (und damit mehr Lärm) auf Wöllstadt zukommt. Die Bahnvertreter beteuerten dagegen erneut, der Ausbau komme lediglich der S 6 zugute. Außerdem gebe es erst mit den neuen Gleisen auch ausreichenden Schallschutz.

Noch bis 10. Oktober haben die Bürger Zeit, im Planfeststellungsverfahren ihre Einwände vorzubringen. Auch die betroffenen Kommunen (neben Wöllstadt sind das Friedberg, Karben und Bad Vilbel) werden sich äußern. Wie, steht noch nicht fest. Laut Bürgermeister Alfons Götz (CDU) haben die Kommunen gemeinsam ein Gutachten beauftragt, das die in den Plänen aufgeführten Zahlen zur Lärmbelastung prüfen soll. Mit dem Ergebnis rechne man nächste Woche.

Wenn alle Stellungsnahmen da sind, leitet sie das Regierungspräsidium an die Bahn weiter, die sich dann dazu äußern muss. Sie entscheidet auch, ob es zu Umplanungen kommt. Im Idealfall will die Bahn 2014 mit dem Bau der beiden Gleise beginnen. Dass dieses Ziel sehr "sportlich" ist, wissen auch Klaus Diel (DB Netz AG) und Norbert Wolf (DB Projekt-Bau). Sie ahnen wohl, dass es – wie schon beim ersten Bauabschnitt zwischen Frankfurt und Bad Vilbel – zu Klagen kommen wird. Da die Bahn auf Anordnung das Verwaltungsgerichtshofs Kassel ihre Prognose der Zugzahlen bis 2025 (statt 2015) erweitern musste, habe es "leider bei den Güterzugzahlen eine Erhöhung gegeben", sagte Diel – "welch’ Überraschung" schallte es ihm aus dem am Abend durchweg kritischen Publikum zurück. Nun stehen 52 Güterzüge pro Nacht in der Prognose, wie viele es aber tatsächlich sein werden, könne niemand sagen, sagte selbst Diel. Auch wie viele es derzeit seien, wisse er nicht. "Auf jeden Fall zu viele", meinte eine Wöllstädterin. Sie könne nachts kaum mehr schlafen. Güterzüge? "Wir werden einen Teufel tun!"

Mehrere Redner äußerten die Befürchtung, dass auf den neuen, "Schallschutz-freien" S-Bahn-Gleisen auch Güterzüge fahren werden. Diel räumte zwar ein, es sei technisch möglich, betonte aber, dies gelte nur für den Havariefall – also wenn die andere Strecke durch einen Unfall blockiert ist. "Wir werden einen Teufel tun, auf der S-Bahn-Strecke einen Güterzug fahren zu lassen." Das Geld erhalte die Bahn schließlich für den Ausbau des ÖPNV. Dass im Regelfall nur die S-Bahn auf den neuen Gleisen fährt, werde später auch in einem Realisierungsvertrag zwischen Bahn, RMV und Wetteraukreis festgelegt. "Ich würde Ihnen gerne glaube, aber ich tue es nicht", antwortete ihm eine Anwohnerin.

Viel Kritik kam von Michael Hub vom Frankfurter Aktionsbündnis "Ba(h)nane". So habe eine Studie des Bundesumweltamts gezeigt, dass der Güterverkehrs viel stärker zunehmen werde, als die Bahn glaube. In Zukunft würden weniger Regionalexpress-Züge fahren, der S-Bahn-Verkehr werde nur geringfügig verbessert. Dafür Hunderte Millionen Euro auszugeben sei nicht verhältnismäßig, urteilte er – und erhielt tosenden Applaus.

Hubs Einwand, die Wöllstädter könnten auch ohne Gleisausbau Schallschutz erhalten, versuchte Peter Fritz, für die Bahn Sachverständiger für Schall- und Erschütterungsschutz, zu entkräften. Das stets von "Ba(h)nane" ins Spiel gebrachte Lärmsanierungsprogramm der Bundesregierung sei "nicht einmal in Ansätzen so umfangreich", wie das, was die Hausbesitzer im Falle des Ausbaus an aktivem und passivem Schallschutz erhielten. Werde das Projekt realisiert, würde es in ganz Wöllstadt deutlich ruhiger, versprach Fritz. Andere argumentierten, die berechneten Zahlen seien nicht haltbar. Falle zudem der "Schienenbonus" der Bahn, müsste wieder neu geplant werden. Planer hoffen auf Ortsumgehung Sorgen haben einige Anwohner auch davor, dass die Bahn ihnen im Zuge der Trassenverbreiterung ihre Grundstücke samt Gartenhütten oder Obstbäumen abnimmt. Erst wenn die Pläne baureif seien und die Finanzierung stehe, werde die Bahn mit den Eigentümern verhandeln und Entschädigungen zahlen, versuchte Wolf zu beruhigen "Mein Schwimmbad ist gar nicht in ihren Plänen eingezeichnet", klagte ein Wöllstädter. "Bitte melden Sie das. Dafür ist das Verfahren da", antwortete Wolf.

Interessanter Punkt am Rande: "Wir hoffen, dass die Ortsumgehung bald realisiert wird", sagten die Planer. Denn dass ein sich über Monate hinziehender Neubau der Brücke über die B 3 in Nieder-Wöllstadt derzeit ob des großen Verkehrsaufkommens kaum denkbar ist, hat auch die Bahn verstanden.

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