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Das Brauhaus auf den Quellen

  • vonJürgen Schenk
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Wöllstadt (jsl). In Deutschland gibt es fast 7900 verschiedene Biersorten. Bier steht hierzulande an erster Stelle aller konsumierten alkoholischen Getränke. Seit dem späten Mittelalter hat sich an der Brautradition nichts geändert. Nur das Konsumverhalten ist ein anderes geworden: Als Grundnahrungsmittel für die Bevölkerung spielte Bier früher eine wichtige Rolle. Dünnbier gab man sogar Kindern und Jugendlichen zu trinken. Mit Bier tranken sich Soldaten vor der Schlacht Mut an. Heute gilt es als Genussmittel, auf das man in Gesellschaft nur ungern verzichtet.

Über viele Jahrhunderte oblag das Brauen landesherrlichem Bannrecht. Das verschaffte den älteren Stadt- und Klosterbrauereien, sofern sie die nötigen Privilegien besaßen, zunächst einen wirtschaftlichen Vorteil. In den Städten durfte jeder Bürger gegen Gebühr brauen und das Produkt anschließend selbst ausschenken oder verkaufen. Auf den Dörfern war das nicht möglich. Wenn doch, wurde die Braugerechtigkeit nur Personen von höherem Stand zugesprochen.

Mit Beginn der Neuzeit fand dann ein Umdenken statt. Seitens der Landesherren wurde das Recht zum Bier- und Weinzapfen auch an »normale« Dorfbewohner vergeben. So entstanden im 17. und 18. Jahrhundert überall auf dem Land Brauhäuser, in denen das teure Handwerkszeug vorhanden war. Diese Produktionsstätten gehörten der Obrigkeit. Durch das Einziehen von Steuerabgaben und Gebühren verdienten die Grafen am Umsatz mit. Die Beschäftigten waren in der Regel auch Küfer, das heißt, sie stellten die benötigten Bottiche und Fässer selbst her.

Am 31. Mai 1719 vermaßen fünf Nieder-Wöllstädter Feldgeschworene auf Anordnung von Schultheiß und Gastwirt Wilhelm Servatius Pflug einen Platz im untersten Haingraben. In diesem wasserreichen Areal gab es elf starke Quellen, die für die Wasserversorgung eines Brauhauses mehr als ausreichend erschienen. Pflugs Idee hatte bei den Grafen zu Solms-Rödelheim und Assenheim Beifall gefunden. Noch im selben Jahr ließen sie an Ort und Stelle (heute Kleine Braugasse 12) das Herrschaftliche Brauhaus errichten. Zu dem Anwesen gehörte auch ein kleiner Teich. 1977 schreibt Dr. Dieter Wolf in seinem Heimatbuch »Vom alten Nieder-Wöllstadt«: »Als die Grafen zu Solms-Rödelheim im Jahre 1855 auch auf alle Brauereigerechtigkeiten zu Nieder-Wöllstadt verzichten mussten, wurde das Brauhaus bald darauf an die Familie Reibling verkauft, die in dem Anwesen Landwirtschaft betrieb und später auch die Wirtschaft »Zum feuchten Eck« einrichtete. 1975 wurden die letzten Oberflächenspuren vom ehemaligen Haingraben beseitigt, die direkt am früheren Brauhaus noch sichtbar waren.« Zur Wirtschaft gehörte auch eine Kegelbahn. Die Quellen versiegten in den 1960er Jahren.

Wolf vermutet, dass die größeren Wirte vor 1719 selbst Bier herstellten. »Denn 1715 mussten vier Wirte an die Herrschaft Braugelder entrichten und zwar für jedes Achtel gebrautes Bier zehn Albus.« Das Maleysche Brauhaus (Wirtshaus »Zum Löwen«) produzierte mit rund 64 Achtel die größte Menge Bier, darauf folgten die Wirtshäuser »Zur Rose« und »Zum Hirsch«.

Nachts im Suff ertrunken?

Ein Herrschaftlicher Braumeister in Nieder-Wöllstadt, dessen Name überliefert ist, war Johann Philipp Petri aus der Nähe von Darmstadt. Er heiratete 1724 in die Gastwirtsfamilie Maley ein. Als Erbpächter übergab er das Brauhaus später seinem Sohn, der ebenfalls Johann Philipp hieß. Der ging 1777 von zu Hause weg, um in den Wiesen Lieschgras für die Abdichtung der Bierfässer zu schneiden. Zurück kam er jedoch nicht. Nachdem die Nieder-Wöllstädter eine ganze Nacht mit Fackeln und Stangen nach dem Vermissten gesucht hatten, fanden sie ihn schließlich in der Nidda. Am sogenannten »Hundskopf« war er in den Fluss gefallen und ertrunken. Im Suff, wie nicht wenige vermuteten.

Im 19. Jahrhundert erlangte Nieder-Wöllstadt große Bedeutung. In dem verkehrsgünstig gelegenen Dorf, entlang der Frankfurter Straße, erlebten die Wirtshäuser ihre Hochzeit. Von eigenem Brauwesen hörte man aber nichts mehr. Vielmehr drangen jetzt die Frankfurter Brauereien in die Provinz vor, um in den kleineren Ortschaften Bierniederlagen zu eröffnen.

In Nieder-Wöllstadt wurde diese Strategie zu einem sehr lukrativen Geschäft. Damit war eine weitere Grundlage für den Siegeszug des Bieres gelegt.

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