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So könnte das Rewe-Logistikzentrum an der A 45 laut einem Entwurf aussehen.

An der A45

Letzte Entscheidung getroffen: Rewe darf Logistikzentrum bauen - Chronologie eines umstrittenen Projekts

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Die Gemeindevertretung hat entschieden: Rewe darf das Logistikzentrum bei Berstadt bauen. Die Kritiker hoffen nun auf die Justiz.

Die Gemeindevertreter haben es offiziell gemacht: Rewe kann auf die Fläche an der A45 bei Berstadt ein 110 900 Quadratmeter großes Logistikzentrum bauen. 

In der Sitzung der Gemeindevertreter am gestrigen Donnerstagabend haben die Mitglieder mit großer Mehrheit ihre Hand gehoben, als es um die Zustimmung zum Bebauungsplan ging (ausführlicher Bericht folgt). Damit endet eine zweieinhalb Jahre andauernde politische Diskussion mit einigen Teilentscheidungen. 

Der Bebauungsplan muss nun veröffentlicht werden, um Rechtskraft zu erlangen. Danach steht einem Bau politisch nichts mehr im Wege. Die Bauarbeiten auf der ehemaligen Ackerfläche, die zu einer Gewerbefläche geworden ist, sollen noch in diesem Sommer beginnen, wie es von Rewe-Seite heißt. Zuerst sollen Kanal und Verkehrswege erschlossen werden. 

Rewe-Logistikzentrum bei Berstadt: Die wichtigsten Fragen und Antworten

Seit zweieinhalb Jahren beschäftigt das Projekt die Wölfersheimer Lokalpolitik sowie übergeordnete Behörden. Was Rewe genau plant und warum es Berstadt sein soll? Hier die Eckdaten im Überblick:

  • Warum: Bevor die Waren in den Supermarktregalen ankommen, lagern sie in den Logistikzentren, die es in ganz Deutschland gibt. Zwei der Rewe-Region Mitte stehen aktuell in Rosbach (gekühlte Ware) und in Hungen (Trocken- und Tiefkühlsortiment). Doch, heißt es von Rewe-Seite: Die Standorte seien zu klein – denn der Umsatz des Konzerns steige stetig; der Bedarf der Kunden und damit das Sortiment habe sich in den vergangenen Jahren vergrößert. Weder der Rosbacher noch der Hungener Standort seien erweiterbar – daher will Rewe ein neues Lager.
  • Wie: 300 000 Quadratmeter Fläche sollen zum Rewe-Areal gehören – und entsprechend versiegelt werden. Das entspricht umgerechnet einer Fläche von 42 Fußballfeldern. Das Logistikzentrum selbst soll im "Endausbaustand", wie es von Rewe-Seite heißt, eine Grundfläche von 110 900 Quadratmetern haben (15,5 Fußballfelder). Gestartet werden soll mit einer Lagerfläche von rund 87 500 Quadratmetern. Die Maße des Logistikzentrums: Höhe: gestaffelt, von 13,50 bis zu 36 Meter Länge: 625 Meter Breite: 175 Meter.
  • Wann: Da die Gemeindevertreter nun den Satzungsbeschluss zum Bebauungsplan gefasst haben, steht dem Bau politisch nichts mehr im Weg. Von Rewe heißt es, noch "im Sommer 2019 können die ersten Arbeiten zur äußeren Grundstückserschließung beginnen". Dazu zähle u. a. der Kanalausbau und die Erschließung für den Verkehr. Mit den Bauarbeiten für das Gebäude soll im März 2020 begonnen werden, die Hochbauarbeiten sind für 2021 geplant. Wie es auf der Rewe-Web-Seite heißt, soll das Lager im Januar 2023 in Betrieb gehen.
  • Was entsteht: Von dem Berstädter Logistikzentrum aus will Rewe rund 500 Märkte in Hessen und in Teilen von Bayern und Rheinland-Pfalz mit Waren beliefern. Deswegen hat Rewe nach eigenen Angaben nach einem Standort an der Autobahn gesucht, da zahlreiche Fahrzeuge das Lager täglich verlassen und anfahren werden. In Zahlen (Prognose von Rewe für das Jahr 2025): 1500 Lkw (Ein- u. Ausfahrten), 2000 Pkw (Ein- u. Ausfahrten). Dafür, heißt es, falle der Pendelverkehr zwischen Hungen und Rosbach weg, für Wölfersheim sei keine Verkehrsbelastung zu erwarten. Am Standort Berstadt sollen laut Rewe 550 Menschen arbeiten, die aktuell noch in Hungen und Rosbach beschäftigt sind. Zudem soll es 20 Ausbildungsplätze geben.
  • Wieso Berstadt: Wie Rewe-Vertreter in der Diskussion um den Standort angesichts der Kritik, beste Böden würden zerstört, stets betonten, gebe es für den Konzern keinen besseren Ort für das Vorhaben. Zwar sei nach anderen Standorten Ausschau gehalten und ein externer Dienstleister für die Suche engagiert worden – das Ergebnis sei allerdings nicht zufriedenstellend gewesen. Nur in einem Fall: Für den Standort Gießen (ehemalige Kasernen, eine versiegelte Fläche) hatte Rewe Interesse bekundet. Allerdings: Die Stadt erteilte eine Absage – vor allem wegen der Höhe des Gebäudes. Die Berstädter Fläche ist erst später dazugekommen – ein privater Hinweis hatte Rewe auf das Areal aufmerksam gemacht. 

Rewe-Logistikzentrum bei Berstadt: Eine Chronologie

  • Februar 2017: Die Gemeindevertretung Wölfersheim fasst den Grundsatzbeschluss und spricht sich mit den Stimmen von SPD, CDU und FWG für die Ansiedlung aus. 
  • März 2017: Es wird entschieden, dass die Gemeinde das Land von den Eigentümern kaufen wird und wiederum an Rewe verkauft. Die Rewe-Gegner im Parlament, die Grünen, sprechen von "Enteignung". Offiziell wird mit dem Parlamentsbeschluss das sogenannte Umlegungsverfahren eingeleitet, das nach wie vor läuft. 
  • Januar 2018: Für den geplanten Bau muss nicht nur die Gemeinde grünes Licht geben. Auch übergeordnete Behörden wie der Regionalverband und das Regierungspräsidium reden mit – weil die regionalen Pläne zur Flächennutzung geändert werden müssen. Gegen einen dieser Beschlüsse reicht der BUND Klage ein mit dem Ziel, das Logistikzentrum zu verhindern. 
  • Januar 2019: Das Gießener Verwaltungsgericht (VG) weist die Klage des BUND ab. Einen Monat später klagen die Grünen beim VG. Sie fordern die Errichtung eines Akteneinsichtausschusses. Die Gießener Richter sagen, dieser Ausschuss muss eingerichtet werden. Die Gemeinde geht jedoch in Berufung, der Verwaltungsgerichtshof in Kassel lehnt die Grünen-Forderung letztlich ab. 
  • Juni 2019: Am 14. Juni entscheidet die Regionalversammlung: Der regionale Flächennutzungsplan wird geändert, aus der Ackerfläche darf eine gewerbliche werden. Den vorläufigen politischen Endpunkt markiert nun die Entscheidung der Gemeindevertretung.

Rewe-Logistikzentrum bei Berstadt: Das sind die Kritikpunkte

Schon bald nach der ersten Entscheidung regte sich Widerstand gegen das Projekt. Im Frühjahr 2017 gründete sich das Aktionsbündnis Bodenschutz. Getragen wird es von BUND, NABU, den Wetterauer Dekanaten (sowohl den beiden evangelischen als auch den katholischen), von den Vereinen Regionalbauernverband, Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, Bürger für regionale Landwirtschaft und Ernährung, HGON sowie der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald. 

Die Gründe für die Kritik liegen vor allem im Flächenverbrauch. Zudem gründete sich die Bürgerinitiative "Bürger für Boden". Die BI hatte u. a. eine Reihe von Veranstaltungen auf dem Römerhof angeboten – das ist der Aussiedlerhof, der gegenüber dem geplanten Logistikzentrum liegt und dessen Bewohner in einem WZ-Bericht erzählten, sie hätten aus der Zeitung von dem Vorhaben erfahren. Hauptkritikpunkt der BI ist die Zerstörung "bester Böden" – denn: Ein Großteil des Areals gehört zu den qualitativ besten Böden für landwirtschaftliche Nutzung. 

Wie Prof. Jan Siemens vom Institut für Bodenkunde und Bodenerhaltung an der Uni Gießen gegenüber der WZ sagte, gründet sich die Produktivität des Bodens auf die hohe Wasserspeicherung für Pflanzen. Siemens sagte: "Wenn durch den Klimawandel Wetterextreme zunehmen und die Niederschlagsverteilung variabler wird, dann bieten Standorte wie der in Berstadt aufgrund seiner hohen Wasserspeicherung die besten Voraussetzungen, trotzdem akzeptable Erträge zu liefern."

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