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Alarmstufe Rot fürs Brot: Wie Wetterauer Bäckereien mit der Krise umgehen

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Von: Rebecca Fulle

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In der Bäckerei Ulrich spürt auch Inhaber Tobias Ulrich die deutlich gestiegenen Preise für Strom und Backzutaten. »Ich habe nachts schon mal ruhiger geschlafen.« © Nicole Merz

Bäcker haben aktuell mit höheren Strompreisen zu kämpfen. Aber auch deutlich teurer gewordene Zutaten wie Mehl oder Butter sorgen für steigende Kosten.

Friedberg/Wölfersheim – Ob Teigmaschine, Kühlung, Beleuchtung oder Ausroll-Maschine: All das braucht Strom. Und der wird immer teurer. Viele Bäcker blicken daher mit großer Sorge auf den Winter. »Ich möchte unsere Kunden nicht vergraulen, wir müssen gleichzeitig aber auch überleben können«, sagt der Konditor und Bäckermeister Tobias Ulrich. Er ist Inhaber der Bäckerei Ulrich, die unter anderem in Dorheim und Assenheim eine Filiale hat. Seine Öfen lässt er mit Öl laufen. »Da bin ich etwas unabhängiger als mit Gas«, sagt er. »Selbst wenn es preislich keinen großen Unterschied macht.«

Mehl um 90 Prozent teurer

Was ihm aktuell sogar mehr Sorgen bereite, seien die Preise für die Backzutaten. »Mehl ist in den vergangenen Monaten um etwa 90 Prozent teurer geworden. Zucker kostet mittlerweile doppelt so viel«, sagt Ulrich. Auch Butter sei fast dreifach so teuer, und bei Eiern sehe es laut dem Konditor auch nicht besser aus. Nussecken enthielten viel Zucker und Butter, auch da müssten sie schauen, ob das funktioniere. Ulrich sieht außerdem die Weihnachtsplätzchen gefährdet. »Wir denken aktuell darüber nach, dieses Jahr keine anzubieten. Die Menschen werden es sich nicht leisten können«, sagt er. Nach aktuellem Stand müsste ein Päckchen Weihnachtsplätzchen bei ihm in der Bäckerei acht Euro kosten. Auch bei teureren Brötchensorten bemerkt Ulrich, dass eine geringere Nachfrage herrscht. »Daher produzieren wir aktuell auch weniger davon.«

Neben den Preisen für Backzutaten sind auch andere Dinge teurer geworden. Laut Ulrich haben die Brötchentüten in diesem Jahr bereits zum vierten Mal einen Preissprung gemacht. »Ich bin um jeden Kunden froh, der mit einem Leinenbeutel einkauft.«

Preiserhöhungen nicht geplant

Ulrich schließt aus, für die nächsten Monate planen zu können. Er ist sich aber sicher, die Preise nun erst einmal nicht mehr zu erhöhen. »Ich habe schwer mit mir gekämpft. Die normalen Brötchen hätten wir eigentlich auf 50 Cent pro Stück erhöhen müssen«, sagt er. Davon hätten sie dann aber abgesehen, um die Kunden nicht zu vertreiben. Auf bisherige Preiserhöhungen reagierten manche Kunden mit Verständnis, andere reagierten erschreckt. »Ich komme mir aktuell vor wie ein moderner Raubritter«, sagt Ulrich bedrückt. »Brot und Brötchen würde ich eigentlich gern günstiger verkaufen. Aber das Geschäft muss eben auch überleben.« Das Brot ist laut Ulrich ebenfalls um 80 Cent teurer in der Herstellung geworden. »Umsetzen konnten wir bisher aber nur 50 Cent«, sagt er. Für den Rest zahlten sie aktuell drauf.

Neben den erhöhten Preisen für die Backzutaten sind aber auch die Strompreise ein Thema. Ab Januar 2023 hat sich Ulrich für einen Tarif von der Ovag entschieden. »Ich hoffe auf einen halbwegs gescheiten Preis«, sagt der Bäckermeister.

Aktuell mache er sich viele Gedanken. »Mein Beruf ist für mich meine Berufung. Ich trage die Verantwortung für 35 Mitarbeiter. Auch meine Familie und mein Mann hängen da noch mit dran.«

Zum jetzigen Zeitpunkt ist Tobias Ulrich mit Blick auf die nächsten Monate pessimistisch. »Zu sagen, es wird schon, egal was kommt? Nein, da müsste sich schon bald etwas ändern in Sachen Energie und Preise.« Er kritisiert stark, dass Grundnahrungsmittel wie Weizen über die Börse gehandelt würden.

Bäckereien aktuell nicht rentabel

Auch Til Steinhauer, Junior Manager von Hinnerbäcker, schätzt die Lage als schwierig ein. »Die Preise explodieren. So kann es langfristig nicht weitergehen.« Bäckereien seien energie-, rohstoff- und personalintensive Unternehmen. »Nach jetzigem Stand sind Bäckereien nicht rentabel«, sagt Steinhauer. Die Hinnerbäcker-Filialen sparten aktuell vermehrt an der Beleuchtung. Eigentlich müssten die Preise deutlich erhöht werden. Das sei aber nicht umsetzbar: »Den Kunden kann man so eine Preiserhöhung nicht zumuten. Grundnahrungsmittel wie Brot sollten für jeden erschwinglich sein.«

Steinhauer ist optimistisch: »Wir versuchen alles, um durch die Krise zu kommen.« Er hofft nichtsdestotrotz, dass die Lage sich normalisiert. Auch wünscht er sich mehr staatliche Unterstützung. Besonders energieintensive Produkte mit viel Öl und Fett wie Kreppel bereiteten Probleme. Steinhauer sagt: »Wir überlegen, ob es sich noch lohnt, sie herzustellen.«

Was geschieht mit übrigen Backwaren?

Tobias Ulrich ist Inhaber der Bäckerei Ulrich mit Standorten u.a. in Friedberg. Bei ihm variiere die Menge an übrig gebliebenen Backwaren zu Feierabend. »Natürlich könnte ich weniger backen, aber dann kann die Friedberger Tafel schließen«, sagt Ulrich. Die Tafel holt die Backwaren bei Ulrichs Bäckereien ab.

Beim Hinnerbäcker berichtet Junior Manager Til Steinhauer, dass sie die Mengen nach Möglichkeit so kalkulierten, dass abends wenig liegen bleibe. »Alles Übriggebliebene hat aber einen guten zweiten Zweck.« Laut Steinhauer holten vier verschiedene Tafeln im Wetteraukreis die Backwaren in den Filialen ab.

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Bäckermeister Tobias Ulrich: »Zwei Pfund Brot sind etwa 80 Cent teurer geworden.« © Nicole Merz

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