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Versicherungsmakler durch faulen Trick ruiniert

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Von: Jürgen Wagner

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»Ich bin ruiniert«, sagt Jörg Hey. Der Versicherungsmakler aus Wölfersheim-Wohnbach hat Geschäfte mit einem Kollegen gemacht – und fiel offenbar einem Trick zum Opfer.

Jetzt ist es amtlich«, sagt Jörg Hey und legt ein Urteil des Amtsgerichts Büdingen auf den Tisch: Klage abgewiesen. Auf Prozesskostenhilfe kann der 45-jährige Versicherungsmakler aus Wohnbach auch nicht hoffen: Auch dies wurde abgelehnt. Hey sitzt auf 150 000 Euro Schulden. Verantwortlich dafür sei ein Kollege, dem er vertraute. Mittlerweile vertraut Hey niemandem mehr, nicht einmal der Staatsanwaltschaft. »Ich bin ruiniert.«

Als Versicherungsmakler war Jörg Hey »Alleinkämpfer«. »Ich bin nicht reich geworden, aber ich konnte leben. Momentan versuche ich zu überleben.« Seine Stimme klingt brüchig, immer wieder hat er Tränen in den Augen, wenn er erzählt. Und er erzählt viel. Es sprudelt nur so aus ihm heraus. Alles begann damit, dass er vor einigen Jahren von dem älteren Kollegen Herbert R. (Name geändert, d. Red.) angesprochen wurde. Beide waren früher Vertreter einer großen Versicherungsgesellschaft. R. hat noch immer einen kleinen Stamm an Kunden, kennt diese persönlich, betreut viele in der dritten Generation. Bei diesen Kunden wollte R. die Rentenversicherung umstellen. Dafür verlangte er 85 Prozent der Provision, 15 Prozent sollten an Hey gehen.

Sechsstelliges Auftragsvolumen

Es ging um 16 Kunden und 45 Aufträge mit einem sechsstelligen Volumen. Die ersten drei Monatsbeiträge wurden gezahlt, Hey überwies 85 Prozent der Provisionen an den Kollegen. Den Verdacht, dass irgendetwas an dem Geschäft faul sein könnte, hatte er nicht. Doch genau so war es. Bei allen Verträgen kam es zu Beitragsrückständen, Verrechnungen der Beiträge und Beginnverlegungen. »Dann setzte die Storno-Welle ein.« Die Versicherungsgesellschaft kündigte die Verträge, weil keine Beiträge gezahlt wurden. Was zur Folge hatte, dass Hey die komplette Provision zurückzahlen musste.

Hey kam die Sache spanisch vor, er forschte nach und bekam Einblicke in merkwürdige Machenschaften. Kann es sein, dass der Kollege Unterschriften von Kunden gefälscht hat? Heys eigene Unterschrift habe er ja auch gefälscht. Und wieso lautet der Name eines Kunden einmal »Karlheinz«, dann »Karl-Heinz« und dann »Karl«? Ein anderer heißt einmal »Stefan« und dann wieder »Stefano«. Wird da getrickst?

Versicherung oder "nur ein Test"?

Ein Kunde erzählte ihm, ihm sei von R. mitgeteilt worden, bei der Versicherungsumstellung handele es sich nur um einen Test. Ein anderer war der festen Meinung, es sei um die Kfz-Versicherung gegangen. Bei der Kripo erfuhr Hey, dass der Kollege vor Jahren schon einmal die gleiche Masche durchgezogen haben soll. »Damals hat er die Versicherung um 350 000 Euro gebracht.«

Die Namen der Versicherungsnehmer von damals seien teils identisch mit jenen, die nun wieder Versicherungen stornierten – und dabei ein kleines Zubrot verdienten. Nach dem Storno erhielten sie ihre Einlagen zurück sowie 30 Prozent des Rückkaufswerts der Versicherung. Und der Kollege R. verdiente dank der vereinbarten 85 Prozent Gewinnbeteiligung. Nur Hey blieb auf der Strecke.

Rund 100 000 Euro soll Hey nun zurückzahlen. Da die Kunden weitere Versicherungen stornierten, belaufe sich sein Schaden auf rund 150 000 Euro. Mit einer Versicherung konnte er sich auf Ratenzahlungen einigen. Hey sitzt auf einem Schuldenberg, von dem er nicht weiß, wie er ihn abzahlen soll.

Prämienzahlung in bar

Mehrere Gerichtsverfahren waren oder sind anhängig. Auf Anraten seiner Anwältin klagte Hey gegen die Kunden, um einen Teil seines Geldes zurückzuerhalten. Ohne Erfolg, obwohl im jüngsten Urteil des Amtsgerichts Büdingen die seltsamen Geschäfte des Kollegen beschrieben werden: Da wundert sich eine Kundin, dass Geld von ihrem Konto abgebucht wird. Der Kollege R. soll zugesagt haben, die Abbuchungen würden im nächsten Monat aufhören; die Prämienbeträge steckte R. bar in einem Briefumschlag in den Briefkasten der Kundin.

Auch von gefälschten Unterschriften ist im Urteil die Rede. »Da steckt System dahinter«, sagt Hey. »Ich verstehe das nicht. Das ist Betrug, aber der Leidtragende bin ich.« Hey hat Prozesskostenhilfe beantragt, die Gerichte lehnten dies ab. »Die Ablehnung beruht auf dem Standardsatz, dass ›der Versicherungsmakler für Stornos selbst verantwortlich ist‹.« Dabei hat keiner der 16 Kunden die Versicherung selbst storniert, das war der Versicherer. Und die Masche des Kollegen R. ist aktenkundig. »Das scheint keinen Richter zu interessieren. Denen ist das egal.« Jörg Hey ist verzweifelt. »Ich habe keine Ahnung, wie es weitergehen soll.«

Infobox

"Ein Rattenschwanz an Problemen"

»Ich bin nicht nur finanziell, sondern auch gesundheitlich ruiniert«, sagt Jörg Hey. Er war in Reha, ist in psychologischer Behandlung, lebt von Harz IV. »Ich habe nichts mehr«, sagt er. Die (spärliche) Einrichtung seiner Wohnung in Wölfersheim-Wohnbach stammt von seiner Ex-Frau. »Ich lebe vom Dispo-Kredit.« Solche Situationen zögen »einen ganzen Rattenschwanz an Problemen und Schmach mit sich.« Ob es der Gang zum Jobcenter ist, zu anderen Ämtern oder zum Psychologen – oft müsse er jede Menge Formulare ausfüllen, »ohne die Kraft dafür zu haben«. Auch sei er nicht mehr in der Lage, seine Kunden zu betreuen. »Ich bin oft alleine in meiner Wohnung und weine sehr viel.« Jörg Hey hat Angst vor der Zukunft. Aber er will andere vor solchen Machenschaften und den Folgen warnen. »Das macht den ganzen Menschen kaputt.« Hey wünscht sich Gerechtigkeit. »Aber dieser Wunsch wird sich wohl kaum erfüllen lassen.« (jw)

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