Mitglieder der fünf Solidarischen Landwirtschaften in der Wetterau treffen sich auf dem Acker der Gruppe "Guter Grund" in Wölfersheim zum Erfahrungsaustausch. FOTOS: SAX
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Mitglieder der fünf Solidarischen Landwirtschaften in der Wetterau treffen sich auf dem Acker der Gruppe "Guter Grund" in Wölfersheim zum Erfahrungsaustausch. FOTOS: SAX

Krähen stören

Solidarische Landwirtschaft: Idealistische Gedanken und handfeste Probleme

  • vonOliver Potengowski
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Sich gesund ernähren, ernten und essen, was man selbst gesät und gepflanzt hat. Es sind solche idealistischen Gedanken, die Menschen zur solidarischen Landwirtschaft bringen. Wer sich allerdings ernsthaft mit Ackerbau beschäftigt, lernt sehr schnell auch Probleme kennen.

Besser und intensiver schmecke das selbst angebaute Obst und Gemüse, loben die Anhänger der solidarischen Landwirtschaft (SoLawi) bei einem Treffen der derzeit fünf örtlichen Gruppen im Wetteraukreis (Dorheim, Wölfersheim, Bingenheim, Büdingen und Wallernhausen). Doch nicht nur sie wissen die Feldfrüchte zu schätzen. Obwohl die Teilnehmer des Treffens nur wenige Meter entfernt sitzen, flitzen sichtlich wohlgenährte Mäuse durch die Ackerfurchen am Ortsrand von Wölfersheim.

Die Nager sind noch die kleinere Sorge der im Februar 2020 gegründeten Gruppe "Guter Grund". Yvonne Kretschmar, die als Gärtnerin den Acker betreut, zeigt den Mitgliedern Löcher in den Bewässerungsschläuchen. An manchen Stellen sprühen Fontänen in den Himmel oder das Wasser läuft in kleinen Bächen hangabwärts. Sie berichtet von Krähen, die in Schwärmen auf dem Feld einfallen und Löcher in die Schläuche hacken. Auch auf Kohlrabi, Mais und Blumenkohl hätten es die Vögel abgesehen. "Die Krähen müssen weg", sagen selbst die Veganer in der Gruppe. Über das wie sind sie sich jedoch nicht einig. "Man könnte Krähen- mit Mäuseragout machen", scherzen manche. Andere hadern, ob man wegen der Nahrungskonkurrenz Tiere töten dürfe.

Denn neben dem Wunsch, gesunde, selbst erzeugte Lebensmittel zu essen, steht hinter der Idee der solidarischen Landwirtschaft auch das Ideal einer besseren, gerechten Welt. Man wolle soziale, ökonomische und ökologische Aspekte wieder in eine Balance bringen, wie Wolfgang Kring es ausdrückt. "Wie wir hier leben und uns ernähren, macht uns krank, Menschen in anderen Regionen hungrig und die Umwelt kaputt." Ein Weg zu dieser sozialen Balance ist, dass viele SoLawis unterschiedlich hohe Beiträge, abhängig vom Einkommen der Mitglieder, erheben. Manche überlassen es jedem selbst, wie viel er bezahlt. Andere ermöglichen, einen Teil des Beitrags in Arbeitsleistung abzugelten.

Zusammenarbeit mit Landwirten

So vielfältig wie die Mitglieder sind auch die Organisationsmodelle. Gerrit Jansen berät die SoLawis im Auftrag des Bundesverbandes nicht nur über solche Rechtsfragen, sondern auch über den richtigen Anbau. Viele SoLawis haben eigene Gärtner eingestellt. Denn so sehr sie wieder eine direktere Beziehung zu ihren Lebensmitteln bekommen wollen, so weit hatten sich bei vielen die Lebensverhältnisse von den praktischen Fragen des Anbaus entfernt.

2015 hätten sie sich in ersten Diskussionen "Gedanken gemacht, wie schön es ist Gemüse in einer Menge, dass es zum Leben reicht, anzubauen", berichtet Christiane Rehahn von der SoLawi "Bunter Acker" in Wallernhausen. "Wir wollen das wieder lernen und den Kindern zeigen, wie schön arbeiten im Garten ist."

Wie in Wallernhausen arbeitet auch die SoLawi in Wölfersheim eng mit einem Landwirt zusammen. Jens Diefenbach hat der Gruppe nicht nur einen Acker verpachtet. Auch das Wasser für den Anbau pumpt er aus einem selbst gebohrten Brunnen auf das Feld. Als Ökolandwirt unterstützt er das Projekt auch inhaltlich. Doch es sei nicht immer leicht, zu einer gesunden Landwirtschaft zu stehen: "Die Politik sagt immer, mach Bio, aber niemand will die Produkte", klagt er, dass die Verbraucher nicht bereit seien, entsprechende Preise zu zahlen.

Laut Jansen sollte der Landwirt nicht nur Pachteinnahmen haben, sondern auch für die Unterstützung bei Bewässerung oder Bodenbearbeitung bezahlt werden. "Es muss sich für den Jens auf jeden Fall lohnen. Er lebt davon." Jansen schlägt einen Pauschalbetrag vor. "Es ist doch mehr Arbeit als ich gedacht habe", merkt Diefenbach an.

Es ist diese Mischung aus Problemen und dem Stolz auf die Früchte des eigenen Engagements und zum Teil auch der eigenen Arbeit, die die Gespräche der Mitglieder prägt. Und dann ist da noch die Sehnsucht nach einer besseren Welt. "Es ist mir wichtig, eine Kreislaufwirtschaft zu schaffen", erklärt Annette Wolf. "Es ist einfach traurig zu sehen, wie jemand, etwas, dass er mit Herzblut macht, aufgeben muss", erinnert sie sich an ihren Vater.

In den SoLawis entdecken jetzt auch Menschen aus gut bezahlten Berufen die Landwirtschaft neu. "Wie können wir diese Idee, dieses Herzblut verbreiten", überlegt Jansen. Denn er wünscht sich für jeden Ort eine solidarische Landwirtschaft.

Derzeit fünf Gruppen

Fünf solidarische Landwirtschaften gibt es derzeit im Wetteraukreis. Gruppen gibt es in Dorheim (www.solawi-friedberg-dorheim.de), Wölfersheim (www.solawi-gutergrund.de), Büdingen (E-Mail solawi.buedingen@gmail.com, Wallernhausen (www.bunter-acker.jimdofree.com) und Bingenheim.

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