Jede Worttirade und jeder Akkord sitzen: Peter Fischer erweist sich beim Konzert am Wölfersheimer See als Sprach- und Musikgenie. FOTO: IM
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Jede Worttirade und jeder Akkord sitzen: Peter Fischer erweist sich beim Konzert am Wölfersheimer See als Sprach- und Musikgenie. FOTO: IM

"Schwarz sehen? Weiß nicht."

  • vonInge Schneider
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Wölfersheim(im). "Ich folge meinem Herzen", sagt der brillante junge Kabarettist, Sänger und Pianist Peter Fischer, Jahrgang 1987, gegen Ende dieses lauen Sommerabends auf der Seebühne Und man glaubt ihm aufs Wort. Hat er sein Publikum bei der Veranstaltungsreihe "Sommer am See" doch knapp zwei Stunden lang mit traumwandlerischer Leichtigkeit unterhalten: Scheinbar assoziativ Biografisches mit gesellschaftlich Hochaktuellem, sanften Humor mit beißendem Sarkasmus, Lyrisches mit Deftigem, Dialog und Quizfragen mit einsamen Monologen gemixt. "Zweitastengesellschaft" heißt das Programm, und alles darin kommt spielerisch, manchmal fast improvisiert daher, muss im Detail aber perfekt durchkonzipiert sein, denn jede Worttirade sitzt ebenso wie jeder Akkord, jeder Lauf des Pianos, das in rasantem Wechsel zwischen Dur und Moll, Barock und Jazz, Johann Sebastian Bach und Peter Fischer changiert.

Es geht um die Liebe, um den schönen Schein und die diversen Fake-Ichs, die man von sich selbst kreiert, um den Doppelgänger Paul, dem man eigene Fehler und Missgeschicke in die Schuhe schiebt, bis man ihm schließlich gleicht. Dann folgt der gesellschaftliche Parforceritt, der natürlich nicht an Corona vorbeiführt und der Panik, wie auch sämtlichen Verschwörungstheorien eine deutliche Absage erteilt. Unter dem Motto "Meine Angst ist ein Affe, ich geb ihm keinen Zucker", plädiert Fischer für Vernunft und Augenmaß und, immer wieder an diesem Abend, für Humanität.

"Wie peinlich wär das denn", heißt einer der vielen virtuosen Songs aus der Feder des gebürtigen Münchners. "Wie peinlich wäre es, wenn die Grille erst das Zirpen lernen müsste und die Biene das Bestäuben - und wenn die Menschheit erst lernen müsste, was Menschlichkeit ist." Da bleibt einem das Lachen über die tierischen Vergleiche der ersten Takte auf einmal im Halse stecken. Nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal.

Gnadenlose Abrechnung

Fischer geht gnadenlos mit zögerlicher Klimapolitik und Lobbyismus, mit Verlust an Glaubwürdigkeit aufseiten von Politik und Kirchen, mit persönlicher Engstirnigkeit und dem Verkümmern der Dialogfähigkeit inmitten der eigenen Filterblase ins Gericht, um seinen Zuhörern im nächsten Augenblick einen heiteren Minikurs in Sachen Tonarten und Musik zu gönnen, Mitsingen inklusive, und sich dann kurz auf seinen eigenen Lebensstart als Sechs-Monats-Baby im Brutkasten zu konzentrieren. Überhaupt - die eigene Biografie kommt immer wieder in sympathischer, bescheidener Weise zum Zuge. Fischers bayerische Heimat, eine durch den Beruf des Vaters bedingte Phase in Ägypten, sein Studium der Romanistik und die nicht zuletzt dadurch erworbene Sprachgenialität, das Dasein als Künstler allgemein und speziell zu Pandemie-Zeiten: "Was meine kleine Welt zusammenhält, ist hauptsächlich Applaus", intoniert Fischer mit jungenhaftem Charme und strahlendem Lächeln, macht aber auch keinen Hehl daraus, dass sich vom Beifall allein die Miete nicht bezahlen lässt. Und dass Kultur kein Luxus ist, sondern Herz und Vernunft der Gesellschaft - und ihr Gewissen. Genau darum scheint es dem 33-Jährigen manchmal doch bange zu werden. Engagiert klagt er die Offenheit für Zwischentöne und Zwischenfarben ein, die anstelle der dogmatischen, wenn nicht gar fanatischen Einteilung in Gut und Böse, Schwarz und Weiß treten solle. Nicht alles sei so klar definiert wie die Tonleiter aus schwarzen und weißen Tasten auf seinem Piano, und so endet das Programm mit der offenen Frage: "Schwarz sehen? Weiß nicht."

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