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Sie schlugen und vertrugen sich

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Von: Jürgen W. Niehoff

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Die Anklage gegen einen 21-Jährigen aus Echzell lautete auf Freiheitsberaubung und Vergewaltigung. Hätte seine damalige Freundin ihn zu Recht beschuldigt, hätte dem jungen Mann eine lange Haftstrafe gedroht. So aber stellte sich beim Gerichtsverfahren vor dem Büdinger Schöffengericht schnell heraus, dass an den Vorwürfen nichts dran war.

Die Anklage gegen einen 21-Jährigen aus Echzell lautete auf Freiheitsberaubung und Vergewaltigung. Hätte seine damalige Freundin ihn zu Recht beschuldigt, hätte dem jungen Mann eine lange Haftstrafe gedroht. So aber stellte sich beim Gerichtsverfahren vor dem Büdinger Schöffengericht schnell heraus, dass an den Vorwürfen nichts dran war.

Die Staatsanwaltschaft hatte sich auf die Anzeige des vermeintlichen Opfers bezogen, einer gleichaltrigen Frau aus Wohnbach. Demnach sollte der Angeklagte seine damalige Freundin in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember 2015 nach einem heftigen Streit in seiner Wohnung eingesperrt haben. »Er wollte verhindern, dass ich am ersten Weihnachtsfeiertag mit meiner Mutter und meinem Stiefvater essen gehe«, berichtete die Wohnbacherin vor Gericht. Er habe nicht nur den Wohnungsschlüssel abgezogen und versteckt, sondern sie in dieser Nacht auch verprügelt. »Er war tierisch eifersüchtig und fast schon krankhaft besitzergreifend. Ich durfte mit keinem reden und auch keine SMS an andere verschicken«, berichtete die leicht füllige Rothaarige. Am Mittag habe er sie dann aber doch gehen lassen, allerdings erst nachdem sie mit ihm – angeblich aus reiner Berechnung – Zärtlichkeiten ausgetauscht hatte.

Am 27. Dezember habe sich das Ganze wiederholt. Sie wollte gehen, er wollte das verhindern. Es kam wieder zu einem Streit, bei dem beide Schläge austeilten und auch beide einstecken mussten. Dass sowohl er als auch sie an diesem Tag handgreiflich wurden, kam erst in der Gerichtsverhandlung ans Tageslicht. Der Polizei hatte die Frau nämlich nur von den Gewaltausbrüchen ihres Ex-Freundes berichtet und ihn zudem wegen Vergewaltigung angezeigt. »Er hat mich mit dem Kopf gegen die Küchenmöbel gedonnert, mich anschließend aufs Bett geworfen, mir die Klamotten vom Leib gerissen und mir gegen meinen Willen in den Schritt gefasst.« Von Geschlechtsverkehr habe er an diesem Morgen nur abgelassen, weil sie ihm einvernehmlichen Sex für später am Tag zugesagt habe.

»Alles gelogen, und zwar die Anzeige wie auch die Aussage nun vor Gericht«, behauptete der Angeklagte. Sie seien beide arbeitslos gewesen und hätten fast täglich Drogen genommen. In zugedröhntem Zustand sei es oft zu Handgreiflichkeiten gekommen. Beispielsweise habe sie ihn kurz vor Weihnachten im Drogenrausch mit einer Rasierklinge angegriffen und erheblich am Kopf verletzt. Auch mit Messern, Gabeln und Tellern habe sie nach ihm geworfen.

Er habe einmal eine Strafanzeige gegen sie wegen Körperverletzung gestellt, diese nach der Versöhnung aber zurückgenommen. Auch an Weihnachten sei es so abgelaufen: Sicher hätten sie sich im Streit gegenseitig angegriffen und auch geschlagen, »aber mit dem Kopf gegen den Schrank habe ich sie nie gestoßen. Und wenn wir Sex hatten, dann immer nur einvernehmlich.« Beim Geschlechtsverkehr sei es aber oft zu Gewalt gekommen. »Ich musste sie immer würgen. Ich habe derlei Spielchen gehasst«, sagte der Angeklagte.

Vor allem bei der Vernehmung durch Verteidiger Jürgen Häller wurde deutlich, dass das vermeintliche Opfer andere Motive bei der Erstattung der Anzeige gehabt hatte als die Aufklärung eines Verbrechens. Denn wenige Tage später lagen beide wieder friedlich im selben Bett, hatten einvernehmlich Sex und führten die Beziehung noch ein halbes Jahr weiter.

Auch die Aussage der Frau in einem anderen Prozess wegen räuberischer Erpressung machte sie nun nicht glaubwürdiger: Damals hatte sie ausgesagt, dass es bis zum Mai 2016 keinerlei Vergewaltigung durch den Angeklagten gegeben habe – »und damit auch nicht Weihnachten 2015«, stellte Häller genervt fest.

Nach einer kurzen Unterbrechung sowie gleichlautender Plädoyers erkannte auch das Gericht auf Freispruch. »Es gibt keine Beweise und keine Zeugen, aber jede Menge Widersprüche. Deshalb hat das Gericht gar keine andere Wahl als einen Freispruch«, begründete Richterin Lachmann ihre Urteilsfindung achselzuckend. Die Kosten für den Streit unter Drogenabhängigen trägt nun die Staatskasse und damit der Steuerzahler.

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