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Auf dieser Fläche soll das Logistikzentrum entstehen.

Rewe-Logistikzentrum

Rewe-Logistikzentrum: Kann die Fläche wieder kultiviert werden?

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Das geplante Logistikzentrum bei Berstadt sorgt für Diskussionen. Es geht auch darum, was in einigen Jahrzehnten aus der Fläche wird. Ein Steinfurther Bio-Rosenbauer hat nun einen ungewöhnlichen Einfall.

Die Idee klingt ungewöhnlich. Aber, sagt Werner Ruf: "Wieso soll man das ganze nicht mal weiterdenken?" Der Steinfurther Bio-Rosenbauer ist schon lange involviert in die Diskussion um den geplanten Bau des Rewe-Logistikzentrums bei Berstadt, war zum Beispiel bei Versammlungen vor dem Wölfersheimer Rathaus dabei, um gegen das Vorhaben zu protestieren.

Einmal beschäftigt ihn das Thema, weil er selbst betroffen ist, da er auf dem Areal einen Acker gepachtet hatte. Aber auch, weil er sich mit der Zukunft beschäftigt. Und die Aussichten darauf stimmten nicht gerade optimistisch. "Was ist in 50, 60 Jahren?", fragt er. Ein bisschen zynisch, aber nicht unernst gemeint, sagt er: "Entweder wir schaffen es, die Leute mit Algen aus dem Reagenzglas zu ernähren, oder wir haben ein Problem." Das Problem, das er meint: der Flächenverbrauch - und mit ihm die Zerstörung von Nahrungsgrundlagen. Zurzeit sei das in Deutschland noch kein akutes Problem, aktuell werde ein großer Teil der Nahrungsmittel importiert, Essen gibt es hier genug.

Rewe-Logistikzentrum: Ungewöhnlicher Vorschlag

Doch Ruf ist sich sicher: Das werde sich ändern. Nicht morgen, aber in einigen Jahrzehnten. Daher müsse langfristig geplant werden; und daher hat er einen Vorschlag an das Rewe-Management formuliert: Statt die Flächen bei Berstadt zu kaufen, um ein Logistikzentrum darauf zu bauen, solle Rewe sie pachten. Wenn das Logistikzentrum in einigen Jahrzehnten nicht mehr genutzt werde, solle der Konzern die Flächen in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzen: Also das Gebäude abreißen und den Boden rekultivieren. Da dieser Vorschlag weit in die Zukunft reicht, schlägt Ruf vor, den Pachtvertrag als Erbpacht aufzusetzen - "über 100 Jahre zum Beispiel" -, um langfristig Sicherheit zu gewährleisten. "Zudem sind finanzielle Rücklagen zu bilden, die es zu jedem beliebigen Zeitpunkt ermöglichen, das Gebäude abzutragen und den Ackerboden wiederherzustellen."

Dadurch, dass Rewe nicht der Eigentümer der Flächen wäre, bestünde eine ständige Verantwortung der Allgemeinheit gegenüber.

Wer letztlich Pachtherr sein solle - die bisherigen 13 Eigentümer oder die Gemeinde -, müsse geklärt werden. So oder so: Die Pacht solle sich am Ertragswert orientieren, aktuell betrüge dieser rund 500 Euro pro Hektar.

Experte ist skeptisch

Eine Rekultivierung sei zwar aufwendig, aber: in Anbetracht der Untergrundbeschaffenheit und mit vorausschauender Planung denkbar. "Damit wäre eine Anpassung an sich wieder gänzlich ändernde Zeiten möglich", sagt Ruf. Er meint Zeiten, in denen Ackerboden knapp werde. Diese Anpassung ermögliche "sowohl der künftigen Bevölkerung als auch der öffentlichen Hand, ihre Lebensbedingungen selbst zu bestimmen und Altlasten zu vermeiden". Denn: "Die aktuelle Praxis, kurzfristig maximalen Gewinn in Firmen und öffentlichen Kassen anzustreben, aber nachfolgenden Generationen die Schäden und Altlasten zu überlassen, ist definitiv unsozial."

Theoretisch ist der Vorschlag, Boden zu rekultivieren, umsetzbar, sagt Prof. Jan Siemens vom Institut für Bodenkunde und Bodenerhaltung an der Uni Gießen. Aber: Man müsste dafür sehr kostenaufwändig den Beton sowie alle verlegten Leitungen wieder entfernen. "De facto stelle sich daher die Frage, wer so etwas tun würde. Gerade in Zeiten, in denen ständig Flächen gesucht werden."

Dass beispielsweise Lebensmittelkonzerne größere Flächen brauchen, liegt auch am Konsumverhalten hierzulande. Als einen Grund, ein größeres Logistikzentrum bauen zu wollen, heißt es von Rewe-Seite stets, dass der Bedarf der Kunden und damit das Sortiment gestiegen sei.

Erbpacht-Idee: Rewe winkt ab

Von Werner Rufs Vorschlag hält man bei Rewe nicht viel. Pressesprecherin Anja Krauskopf sagt: "Wir sehen in einem Erbpachtmodell keinen Vorteil und priorisieren daher das Eigentumsmodell." Theoretisch wäre ein Pachtmodell zwar denkbar, "würde in dem Fall für die Beteiligten aber keinen Vorteil bringen, sondern die Sachlage eher verkomplizieren" - zumal man es mit 13 Eigentümern zu tun hätte. Auch ein verpachtetes Grundstück würde bebaut und mindestens 100 Jahre versiegelt werden, sagt sie. Wie sich der Nutzungsbedarf an Logistikflächen in 100 Jahren entwickele, bleibe abzuwarten - "und damit auch die Überlegung eines möglichen Rückbaus".

Prof. Jan Siemens von der Uni Gießen sagt: Auf die Landoberfläche der Erde verteilten sich lediglich elf Prozent Ackerflächen. Gerade der Berstädter Boden, in dessen Zusammenhang immer von "beste Böden" gesprochen wird, sei besonders gut - die Produktivität gründe sich auf die hohe Wasserspeicherung für Pflanzen. Denn: Der Boden habe eine mittlere Körnung und sei sehr mächtig. "Wenn durch den Klimawandel Wetterextreme zunehmen und die Niederschlagsverteilung variabler wird, dann bieten Standorte wie der in Berstadt aufgrund seiner hohen Wasserspeicherung die besten Voraussetzungen, trotzdem akzeptable Erträge zu liefern." Zwar sei die Flächennutzung und Versiegelung von Böden kein Forschungsschwerpunkt des Instituts, dennoch gebe es eine Meinung: "Unsere Position ist, dass die Versiegelung von Boden so gering wie möglich gehalten werden sollte. Damit Böden ihre Funktionen und Dienstleistungen als landwirtschaftliche oder forstwirtschaftliche Produktionsstandorte, als Lebensraum für Pflanzen und Tiere, als Regulatoren von Wasser- und Stoffkreisläufen sowie als Archiv der Landschafts- und Kulturgeschichte erfüllen können."

(Foto: nic)

(Foto: Nici Merz)

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