Hans Bär

Reisefilm voller Freude und Trauer

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Es wird gelacht und es wird geweint. Zur Reise von Hans Bär in seine alte Heimat gehört beides dazu. Vergangenen Mai war der 95-Jährige aus Argentinien nach Wohnbach gekommen.

Sie haben Hass gesät. Weißt Du, was Hass ist?" Hans Bär erzählt von früher, von den 30ern in Deutschland. Sein Großvater, erzählt er, hat weniger im Laden verkauft – "weil er Jude war".

So beginnt der Film. Enkelin Marlene Bär Lamas und Nikolai Sexauer haben ihn gerade fertiggestellt. Es ist ein Videotagebuch von der Reise, die Hans Bär und seine vier Begleiter im vergangenen Mai unternommen haben. Von Argentinien nach Deutschland, in die alte Heimat des 95-Jährigen. Von dort musste er 1938 als jüdischer Junge vor den Nazis fliehen.

Ich habe eine große Freude verspürt und gleichzeitig Traurigkeit

Hans Bär

Heute, 80 Jahre später, ist Hans ein alter Mann, der, wie er sagt, ein gutes Leben in Argentinien gelebt hat. Und doch, der Wunsch, noch einmal zurückzukehren, war immer irgendwie da. "Aber das Geld hat gefehlt." Er sagt es mehrmals im Film.

Doch diesmal war es anders. Diesmal war das Geld da – dank einer Crowdfunding-Kampagne, initiiert von dem gebürtigen Freiburger Nikolai Sexauer, der in Argentinien lebt.

Er war einer aus der fünfköpfigen Reisegruppe. Zudem waren die zwei Enkelinnen von Hans Bär dabei, Marlene Bär Lamas und Barbara Bär Lamas, sowie Federico Faccio, der in all den vielen Situationen übersetzte. Das sieht man übrigens gut im Film: die Sprachvermischung. Hans Bär, der in Argentinien Juan genannt wird, hat nach seiner Flucht nicht mehr Deutsch gesprochen – und das meiste vergessen. Doch bei der Reise kommt vieles wieder. Manchmal spricht er Deutsch. Beim feierlichen Empfang, den die Wohnbacher für ihn organisiert haben, zum Beispiel. Er spricht mit Elly Schenk. Eine Wohnbacherin im selben Alter, die zwei kennen sich von früher. Hans Bär sagt ihr, dass er vielleicht noch einmal nach Deutschland kommen will: "Ich will noch viele Jahre leben. Ich hatte eine Großtante, sie ist mit 104 gestorben. Sie hat ein Konzentrationslager überlebt." Elly Schenk fragt: "Willst Du auch so alt werden?" Er antwortet: "Nein, 110." Sie: "Och, du spinnst."

In einer anderen Szene übersetzt er für die Reisebegleiter das Lied: "Ich habe mein Herz in Heidelberg verloren." Er singt auch. Es wird viel gelacht.

Doch die Fröhlichkeit, mit der die Gruppe durch das sommerliche Deutschland fährt, mal an der Münzenburg hält, mal in Bad Nauheim, ist nur eine Seite der Reise und des Videotagebuchs. Auf der anderen gibt es die traurigen Momente. Einmal zum Beispiel: Das Auto fährt durch Wohnbach, bleibt stehen, ein Fernsehteam kommt (Arte hatte eine Reportage gedreht). Gemeinsam gehen sie ein paar Meter und bleiben vor der Gedenktafel für die ermordeten jüdischen Wohnbacher stehen. Hans Bär liest. "Johanna Meyer geb. Kämer." Und, sagt er: "Sie wohnte an der Ecke gegenüber von meinem Haus." Dann liest er den Namen seines Onkels. Dass er in Majdanek gestorben ist, steht auf der Tafel. "Ich weiß nicht, wo das liegt."

Wenn ich manchmal Fernsehen schaue, zählt gar nicht, was ich gerade anschaue, sondern ich erinnere mich an die Reise

Hans Bär

Der Film ist geprägt von solchen zwiespältigen Gefühlen: Von der Freude, das Elternhaus zu besuchen, einerseits, von der Traurigkeit darüber, dass es gekommen ist, wie es kam, andererseits. "Ich habe eine große Freude verspürt und gleichzeitig Traurigkeit", sagt er einmal. "So viele verlorene Jahre, die man hätte im Dorf leben können."

Ein Anliegen war es für ihn auch, junge Menschen zu treffen. Ein Teil des Films zeigt, wie er mit Singberg-Schülern ins Gespräch kommt. Er spricht ins Mikrofon, begrüßt die vielen jungen Menschen, dann wendet er sich dem Übersetzer zu und fragt leise: "Mache ich es gut?"

Ein Schüler fragt, wie er sich mit 95 fühlt. Er sagt: "Jung! Ich fühle mich noch jung, und ich will noch viele Jahre leben. Und ich hoffe, dass ich noch mal nach Deutschland kommen kann." Das sagt er mehrmals. Aber zuerst, sagt er, möchte er nach Hause nach Argentinien, sich ausruhen.

So endet der Film auch: Der 95-Jährige ist gut zu Hause angekommen. In einer der letzten Szenen sitzt er in seinem Sessel. "Wenn ich manchmal Fernsehen schaue, zählt gar nicht, was ich gerade anschaue, sondern ich erinnere mich an die Reise", sagt er. Und, dass er in der kurzen Lebenszeit, die ihm noch bleibt, immer daran denken wird.

Info

Film auf Youtube

Seit acht Monaten haben Marlene Bär Lamas und Nikolai Sexauer an dem Film gearbeitet, haben Stunden an Material gesichtet und geschnitten. Nun ist das Videotagebuch fertig. "Sicher, dass Du zurückwillst, Opa? Das Reisefilmtagebuch" heißt er, dauert 50 Minuten und ist auf Youtube zu sehen (https://www.youtube.com/watch?v=ZVXYXUPzwqM) – übrigens in zwei Versionen: einmal mit deutschem, einmal mit spanischem Untertitel.

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