1. Wetterauer Zeitung
  2. Wetterau
  3. Wölfersheim

Es kommt (k)ein Bus

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

null
© Sabrina Dämon

Wölfersheim-Södel (sda). Seit vielen Jahrzehnten ist Ruth Pree in Södel zu Hause. Doch mit dem Alter kommen neue Probleme. Vor allem die Arztbesuche in Friedberg sind für die 84-Jährige schwer zu organisieren. Denn: Die Busverbindung orientiert sich überhaupt nicht an den Bedürfnissen von Senioren – sondern nur an Zahlen.

Im Grunde geht das meiste noch. Nicht mehr so einfach wie noch vor zehn Jahren; aber Ruth Pree kommt zurecht. Bald wird die Seniorin 85 Jahre alt. Geht sie vor die Tür, nimmt sie ihren Rollator mit. Zu Hause benutzt sie ihn kaum. »Hier kann ich mich mal am Tisch oder am Schrank festhalten.« Ruth Pree wohnt in Södel. In den 50ern haben sie und ihr Mann das zweistöckige Haus gebaut, erzählt sie. Heute lebt die Witwe alleine im Erdgeschoss.

Vieles ist nicht ganz einfach zu bewerkstelligen, sagt sie. Ihr größtes Problem sind zurzeit die Augenarzttermine in Friedberg. Wegen einer Operation muss sie regelmäßig zum Arzt auf die Kaiserstraße. Es gibt auch einen direkten Bus, der wenige Hundert Meter von ihrer Haustür entfernt ab- und bis zur Kaiserstraße durchfährt. Eigentlich ein gutes Angebot für die Rentnerin, nur: Die Fahrzeiten ergänzen sich gar nicht mit ihren Arztterminen. Egal, wie sie es angeht, sie bekommt Zeitprobleme. Der Bus der Linie 363 fährt von der Haltestelle Mittelwiesenweg um 10.

15 Uhr nach Friedberg (Ankunft um 10.38 Uhr auf der Kaiserstraße). Legt sie sich einen Termin auf 11 Uhr, scheint alles zu funktionieren – alles, bis auf die Heimfahrt. Denn der letzte direkte Bus vorm späten Abend geht bereits um 12.13 Uhr zurück. »Und man kennt das ja: Beim Arzt muss man meistens warten, auch wenn man einen Termin hat.« Früher nach Friedberg fahren, also? Wenn das bloß so einfach wäre. Früher fährt kein Bus, zumindest keiner von der Haltestelle, die Ruth Pree mit ihrem Rollator fußläufig erreicht. Die anderen Möglichkeiten, nach Friedberg zu kommen: Per Zug vom Södeler Bahnhof (1,2 Kilometer Fußweg oder eine Busfahrt), von dort mit dem Zug nach Friedberg (bei manchen Verbindungen mit Umsteigen), von dort auf die Kaiserstraße.

»Mir geht es darum, dass vormittags ein weiterer Bus fährt«, sagt Ruth Pree. »Am besten zwischen 8 und 9 Uhr. Das wäre viel wert.« Hauptsache, sie kommt nach Friedberg: »Ich kann auch früher aufstehen, das ist kein Problem.« Eine Lösung für sie wäre auch ein späterer Bus zurück. Denn mit dem Taxi zu fahren, wie es die Arzthelferinnen angeboten hätten, sei zu teuer. »Ich weiß gar nicht, was ich machen soll.«

Marktinhaber bietet Shuttle an

Wie ein Gespräch mit einer Sprecherin des RMV zeigt, kann Ruth Pree nicht viel tun. Was eine bessere Busverbindung angeht, sagt Petra Eckweiler, »können wir keine Hoffnung machen«. Der RMV setze auf die Bahn, »weil die für die meisten Fahrgäste die günstigere und schnellere Variante ist«. Und: »Wir sind dazu angehalten, keinen Parallelverkehr anzubieten.« Der Bus habe dort, wo es eine Bahnverbindung gibt, nur eine ergänzende Funktion, werde nur aus bestimmten Gründen eingesetzt: Etwa, wenn er für den Schülerverkehr noch eine Bedeutung hat. Wie gut oder schlecht der Bus der Linie 363 genutzt wird, darüber gibt der RMV keine Auskunft. Das Einzige, was die Sprecherin sagt: »Wir haben nicht das Gefühl, es gibt ein Problem.«

Für Menschen, die auf den Bus angewiesen sind, wie Ruth Pree, ist das kein Trost. Mit ihrem Problem ist die Seniorin nicht alleine. Die Gesellschaft wird eine ältere. Immer mehr Menschen auf den Orten haben Probleme damit, sich ohne die Hilfe anderer zu versorgen. Arztbesuche sind nur ein Beispiel. Schon beim Einkaufen wird es oft schwer. Ab und an fährt Ruth Pree mit ihrer Tochter in einen Supermarkt – zu Fuß wäre der Weg zu weit. Warum es keinen im Neubaugebiet in Södel gibt, fragt sie.

Der Bürgermeister, Rouven Kötter, gibt eine Antwort: Zuerst einmal gebe es rechtliche Gründe. In einem reinen Wohngebiet könne kein Supermarkt gebaut werden, eine solche Entscheidung liege ohnehin nicht in der Hand der Gemeinde. Zudem hat die Gemeinde sowohl im nördlichen als auch im südlichen Gemeindegebiet jeweils zwei Märkte: »Was die Einwohnerzahl angeht, sind wir vollkommen ausreichend versorgt.« Unabhängig davon, verstehe er das Problem zwar, weiß aber, dass es einen von allen verschuldeten und unpolitischen Grund hat: »Letztlich haben wir alle als Kunden mit unserem Einkaufsverhalten dafür gesorgt«, sagt Kötter.

»Weil wir alle mit dem Auto einkaufen fahren oder im Internet bestellen.« Früher zum Beispiel habe es auch in Södel einen Penny und einen Rewe gegeben – aber: »Die kleinen Läden dienten zum Schluss den meisten nur noch dazu, das im großen Markt vergessene Päckchen Butter zu kaufen.«

Auf diese Situation reagiert Friedrich Pfeiffer. Er ist der Inhaber des Edeka-Marktes in Berstadt. Seit etwa zehn Jahren bietet er einen Service an: Er lässt seine Kunden zum Einkaufen abholen. Dienstags und mittwochs fährt der »Edeka-Bus« und sammelt die Kunden in einem Umkreis von bis zu 20 Kilometern ein (aus den Wölfersheimer Ortsteilen, aber auch aus Utphe). Nach einer Stunde etwa fährt der Bus die Kunden und deren Einkäufe zurück an deren Haustür. Ein weiteres Angebot: Ware kann per Telefon, Fax oder E-Mail bestellt werden und wird ausgeliefert.

Das Angebot wird gut angenommen, sagt Pfeiffer, drei Viertel der Kunden seien Senioren, denen so zumindest ein Teil ihrer Mobilität erhalten bleibt. Dennoch: Probleme, den Alltag zu regeln, sobald bspw. Arztbesuche anstehen wie bei Ruth Pree, werden nicht gelöst. Und wegziehen, etwa nach Friedberg, ist nur für die wenigsten eine Option. Klar kommen solche Gedanken, sagt die Södeler Seniorin. »Aber ich werde 85. Warum soll ich denn jetzt noch umziehen?«

Auch interessant

Kommentare