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Hans Bär besucht seine Heimat Wohnbach

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Von: Sabrina Dämon

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Die Flüge sind gebucht. Anfang Mai kommt Hans Bär von Argentinien nach Deutschland. Der 95-Jährige möchte Wohnbach besuchen, den Ort, den er als 14-jähriger Junge verlassen musste.

Am liebsten hätte Hans Bär die Reise vorverlegt. Seit 80 Jahren hat er seinen Heimatort Wohnbach nicht mehr gesehen und in der ganzen Zeit nie daran geglaubt, noch einmal zurückzukehren. Als jedoch im Januar feststand, dass es doch klappt, wäre er am liebsten sofort in den Flieger gestiegen.

Flüge gebucht

Doch eine Reise muss geplant werden, außerdem möchte er im Mai kommen – »im Frühling«, wenn es nicht zu heiß und nicht zu kalt ist, wie er im Dezember sagte. Jetzt dauert es nicht mehr lange, die Flüge sind gebucht. Anfang Mai tritt der 95-Jährige die Reise in seine Heimat an, die er als Junge mit seiner Mutter verlassen musste – damals, als die Nazis die Macht ergriffen hatten und die jüdische Familie Bär nicht mehr sicher in Deutschland leben konnte.

Hans Bär war damals 14. Mit seiner Mutter stieg er in Hamburg auf ein Schiff, das die beiden über den Atlantik nach Buenos Aires brachte. Die Mitglieder seiner Familie, die in Wohnbach geblieben waren, sah Hans Bär nie wieder, sie wurden von den Nazis ermordet.

Videotagebuch geplant

In Argentinien begann für den Jungen ein neues Leben. Aus Hans wurde Juan, er lernte eine Frau kennen, heiratete, das Paar bekam Kinder. Deutsch sprach er kaum noch, bald schon hatte er es verlernt. Deswegen wird ein Dolmetscher dabei sein, wenn der 95-Jährige im Mai nach Deutschland kommt. Auch seine Enkelin Marlene Bär-Lamas wird ihn begleiten und ein Videotagebuch der Reise drehen.

176 Unterstützer

Dass Hans Bär diese Reise antreten kann, hat mit einem jungen Mann aus Freiburg zu tun. Nikolai Sexauer, der vor wenigen Jahren nach Argentinien gezogen ist, lernte Marlene Bär-Lamas und über sie Hans Bär kennen. Sie tauschten sich aus, der 95-Jährige erzählte von seiner alten Heimat, und dass es allein aus finanzieller Sicht nie eine Frage gewesen sei, einmal dorthin zurückzukehren. Doch Nikolai Sexauer fand, am Geld darf es nicht scheitern; er initiierte eine Crowdfunding-Kampagne. Auf einer Internet-Plattform wurde Geld gesammelt, um die Reise zu ermöglichen. Innerhalb weniger Wochen waren dank 176 Unterstützern 9319 Euro zusammengekommen – die Reisekosten waren gesichert.

Treffen mit alten Bekannten

Am meisten, sagt Hans Bär, freut er sich auf Gespräche mit alten Bekannten aus Wohnbach. Diese Hoffnung hatte der 95-Jährige von Anfang an, im Dezember sagte er noch: »Vielleicht lebt noch ein alter Bekannter, es ist sehr unwahrscheinlich. Aber vielleicht ein alter Opa oder eine alte Oma.«

Und tatsächlich, kurz nachdem der WZ-Artikel über die geplante Reise erschienen war, meldeten sich einige Wohnbacher, die sich an den Jungen, der mit 14 Jahren wegging, erinnerten. Für Mai sind bereits Treffen geplant.

Viele Pläne

Doch der 95-Jährige möchte nicht nur seinen Heimatort besuchen, er hat zahlreiche Pläne für seinen Aufenthalt. Da seine Geschichte für großes Aufsehen sorgte, wird er von einem Fernsehteam von Arte und vom HR begleitet. Zudem wird seine Enkelin regelmäßig Neuigkeiten auf Facebook und auf einem Blog hochladen. Zum Beispiel, wenn ihr Großvater zum ersten Mal wieder vor seinem Elternhaus in Wohnbach steht. Das Haus gibt es noch immer, auch wenn es ganz anders aussieht als vor 80 Jahren. Doch egal, wie viel Zeit vergangen ist, Wohnbach wird immer Hans Bärs Heimat bleiben, wie er vergangenes Jahr sagte. »Andere vergessen, wo sie geboren wurden. Doch ich vergesse nicht.«

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