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Marsch zum Singberg: In Wölfersheim, ehemals ein Bergbau-Revier, haben Maikundgebungen eine lange Tradition. Der Spielmanns- und Fanfarenzug war stets dabei. Gekämpft wurde für bessere Löhne, mehr Freizeit und die 35-Stunden-Woche.

DGB-Maikundgebung in Wölfersheim

Für Gewerkschafter ist der 1. Mai immer noch ein Kampftag

  • Jürgen Wagner
    vonJürgen Wagner
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Rote Fahnen und Kampflieder: Das war einmal. Maikundgebungen ziehen heute keine Massen mehr an. Obwohl das dringender denn je wäre, meint DGB-Kreisvorsitzender Karl-Otto Waas.

Im vergangenen Jahr fielen die Maikundgebungen aufgrund der Pandemie aus. 2019 seien in Wölfersheim rund 80 Leute gekommen, erzählt Karl-Otto Waas. In diesem Jahr erwartet der DGB-Kreisvorsitzende 50 Teilnehmer. Waas kann sich noch an Zeiten erinnern, als mehr als zehn Mal so viele kamen. Bis 1991 wurde in Wölfersheim Braunkohle abgebaut; für die Kumpels war der Arbeitskampf eine Selbstverständlichkeit. Und heute?

»Viele junge Leute wissen gar nicht mehr, was das ist, Gewerkschaft«, sagt Waas. Für den 57-jährigen Zimmermann, der stets in Arbeitskluft auftritt, ist der 1. Mai auch heute noch »ein Kampftag«. Ein Tag, an dem die Arbeitnehmer für ihre Rechte auf die Straße gehen und den »Bossen« klar machen, dass ohne sie nichts läuft. »Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will«, heißt es in einem Arbeiterlied. Der 1. Mai ein »Kampftag«? Das klingt martialisch, aber Waas macht deutlich, dass es heute wichtiger denn je ist, für Arbeitnehmerrechte auf die Straße zu gehen.

Als Waas 1979 eine Lehre in einem Zimmermannsbetrieb begann, waren »80 bis 85 Prozent« der Beschäftigten organisiert. »Das gehörte sich so. Meine Chef meinte, ich solle in die Gewerkschaft eintreten. Die Arbeitgeber waren damals alle im Arbeitgeberverband organisiert. Heute sind viele ausgestiegen.« Ist dies der Fall, gilt auch kein Tariflohn mehr. Und die Bereitschaft der Mitarbeiter, Gewerkschaftsmitglied zu werden, sinkt rapide.

»Die IG Bau hatte einmal 800 000 Mitglieder. Jetzt sind es vielleicht noch 250 000«, sagt Waas. Und dies, obwohl die Baubranche boomt.

Waas sieht hier eine gesellschaftliche Entwicklung im Gange, die zu Lasten der Arbeitnehmer geht: Eine Welt voller Einzelkämpfer. Der Egoismus greife um sich. »Wer gut ist, kriegt viel und kann das vor dem Chef alleine durchsetzen.« Die anderen gehen leer aus. »Uns ging und geht es um Solidarität«, erläutert Waas, warum Gewerkschaften heute noch wichtig seien. Einstehen für die anderen, keinen zurücklassen, Solidarität - dafür stand die Gewerkschaft.

Gewerkschaften stecken im Umbruch

Heute stecken die Gewerkschaften in einem Umbruch, dessen Ende nicht absehbar ist. Der DGB-Kreisverband Friedberg fusionierte schon 1995 mit Frankfurt, dann schloss man sich mit Gelnhausen zusammen. Als nächstes wird die Wetterau in den DGB Mittelhessen eingegliedert. Der Mitgliederschwund lässt keinen anderen Weg zu. »Ich bin hier Alleinunterhalter«, sagt Waas. Seine Sekretärin gehe in Rente, neues Personal werde nicht eingestellt. Also übernimmt Gießen die Verwaltung. Was einen Vorteil bietet: »Dann können wir uns wieder auf die politische Arbeit konzentrieren.«

Die Erfolge der Gewerkschaft lägen auf der Hand, nur sehe sie keiner mehr, sagt Waas. Er erinnert an den Slogan »Samstags gehört Vati mir« von 1957. Die Gewerkschaft habe auch höhere Löhne und viele andere Erfolge erstritten. Seit 67 Jahren gibt es in Wölfersheim ein DGB-Ortskartell. Elf Kollegen aus sechs Gewerkschaften gründeten es im September 1954. Seither wurde für bessere Löhne gestritten, für Schlechtwettergeld auf dem Bau, für Ausbildungsvergütung, mehr Urlaubstage, für das recht auf Betriebsräte, aber auch für Toiletten auf den Baustellen und für leichtere Zementsäcke. »Wir haben die 35-Stunden-Woche erkämpft«, sagt Waas. Heute seien viele Betriebe wieder bei 40 Stunden.

Die Maifeiern in Wölfersheim begannen früher mit dem Tanz in den Mai am Vorabend. Bei der Kundgebungen am nächsten Tag war das halbe Dorf auf den Beinen. Kinderchöre und Männergesangvereine traten auf, 600 Brezeln für die Kinder wurden gekauft. Das ist alles lange her.

»Auch wer nicht in der Gewerkschaft ist, profitiert von ihr«, sagt Waas. Der Staat alleine sorge nicht für soziale Gerechtigkeit. Dafür brauche es Solidarität, die bei vielen Arbeitnehmern aber nicht mehr vorhanden sei. »Wir erleben ein ›Jeder gegen Jeden‹.« Die Gewerkschaften haben ihre alte Schlagkraft verloren. Bei Tarifverhandlungen würden die Arbeitgeber »mit Samthandschuhen« angepackt. Die Mitgliederzahlen der Einzelgewerkschaften gingen zurück, der DGB als Dachorganisation hänge zuweilen in der Luft. Beispiel Conti Karben: Die Aktionen des Betriebsrats würden von Frankfurt gesteuert, er als DGB-Kreisvorsitzender werde nicht informiert. »Die Leute sind nicht mehr so kämpferisch wie früher«, sagt Waas. Ihn ärgert das. »Wir haben aktuell immer mehr Betriebe ohne Betriebsräte, aber mit vielen Problemen.«

Trotz Corona: Maikundgebung in Wölfersheim mit Abstand

In Wölfersheim, dem ehemaligen Bergbau-Revier, soll die Tradition der Maikundgebungen nicht abreißen. Diesmal wird Corona-gerecht mit Abstand demonstriert. Am morgigen Samstag um 9 Uhr ertönt wie in alten Zeiten der Weckruf des Spiel- und Fanfarenzugs Wölfersheim. Um 10 Uhr beginnt die Kundgebung, allerdings nicht in der Wetterauhalle, wie gewohnt, sondern gegenüber auf dem Parkplatz hinterm Rathaus. Bürgermeister Eike See (SPD) wird ein Grußwort sprechen, die Mairede hält Hans-Joachim Rosenbaum, Regionalleiter der IG BAU Hessen. Der Gewerkschafter aus Friedberg wurde 2018 ins Schattenkabinett von SPD-Spitzenkandidaten Thorsten Schäfer-Gümbel berufen, sollte Minister für Bauen, Wohnen und Landesentwicklung werden.Ob am 1. Mai auch gesungen wird, »Brüder zur Sonne, zur Freiheit«? »Die Gesangvereine dürfen ja nicht einmal proben«, sagt DGB-Kreisvorsitzender Karl-Otto Waas.

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