Beim Wölfersheimer Margarethenhof wird Familie Hofmann am Wochenende den ersten Spargel stechen können. 
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Beim Wölfersheimer Margarethenhof wird Familie Hofmann am Wochenende den ersten Spargel stechen können. 

Probleme bei Erdbeeren?

Ernte von Wetterauer Spargel ist (vorerst) gesichert

  • vonAnnette Hausmanns
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Corona bringt die Versorgung mit Gemüse, Obst und Salat in die Bredouille. Die Gefahr sehen Wetterauer Landwirte, wenn Erntehelfer nicht bald einreisen dürfen. Die Spargelernte läuft derzeit gut an. Eng könnte es aber schon in zwei Wochen bei den Erdbeeren werden

Die Sonne lacht, es duftet nach Frühling. Vor der Holzhütte im Erdbeerdesign spuckt der Schälautomat blendend weiße Spargelstangen aus. Strahlend nimmt eine junge Frau ihre köstliche "Beute" entgegen. "Die Kunden sind so dankbar", erzählt Yvonne Sperling. Seit fünf Jahren arbeitet sie für die "Wetterauer Früchtchen" mit Sitz in Gambach. Die Wertschätzung für das bunte Sortiment regionaler Frischeprodukte erscheine ihr heuer besonders groß. Seit der Verkaufsstand in Nieder-Weisel Freitag öffnete, kann man hier auch den ersten Spargel aus der Wetterau kaufen. Immer nur zwei Leute dürfen die Hütte betreten, um die Corona-Abstandsregel einzuhalten. "Alle sind sehr verständnis- und rücksichtsvoll", berichtet Sperling. Heute erklärt sie Aushilfskraft Aileen Balser die Abläufe. "Ich darf zurzeit nicht in meinem Beruf arbeiten", freut sich die junge Frau über die Möglichkeit, sich nützlich zu machen und etwas hinzuzuverdienen.

Wetterau: Zur Erdbeerernte wird es eng

"Wir hatten Glück", erklärt Landwirt Maximilian Reuhl, dass 40 Erntehelfer aus Polen und Kroatien zu ihnen auf den Hof kamen, kurz bevor die Grenzen dicht gemacht wurden. "Alle sind symptomfrei und fit." Den Erntebeginn könne man gut stemmen. Weitere Verkaufsstände, wie etwa den an der Frankfurter Straße in Bad Nauheim, öffneten sie diesen Freitag. Ab Mitte April zu Beginn der Erdbeerernte werde es aber eng, wenn 100 weitere Helfer aus Rumänien und Polen nicht kommen dürften.

Dankbar sind Reuhl und sein Team für die zahllosen Hilfsangebote in dieser Ausnahmesituation. Ein Kontaktformular für interessierte Helfer hält er auf der Website seines Betriebs bereit.

Bei aller Zuversicht: "Es wird schwer sein, Leute zu finden, die das durchziehen". Die Helfer müssten körperlich fit sein, möglichst mindestens acht Wochen verfügbar sein und im Idealfall ab 5 Uhr morgens acht Stunden täglich an sechs Tagen die Woche arbeiten können.

Hilfreich sei die neue Regelung, dass alle, die nicht als arbeitssuchend gemeldet seien, bis zu fünf Monaten sozialversicherungsfrei arbeiten dürften. Weiterer Anreiz: Das Kurzarbeitergeld wird nicht gestrichen. "Wir sind zuversichtlich, aber es wird nicht einfach."

Der Landwirt gibt aber zu bedenken, dass sich die Hygiene-Maßnahmen bei wechselnden Helfern schlechter managen ließen als bei einer geschlossenen Erntehelfer-Gruppe. Auch habe man mit den Menschen, die seit vielen Jahren unter anderem aus Rumänien kämen, bereits Verträge unterschrieben. "Wir wollen sie nicht hängen lassen." Die politische Einreisesperre für Erntehelfer hält Reuhl für eine fatale Fehlentscheidung, die so bald wie möglich zu korrigieren sei.

"Wir sind schockiert vom Einreiseverbot", hatte Reuhl dieser Tage im Radio-Interview gesagt. Ihn berühre sehr, dass viele langjährige Helfer nun nicht kommen könnten. Auch, da deren Familien fest mit dem Einkommen rechneten. Die Bundesregierung riskiere nicht nur einen Versorgungsengpass in Deutschland, sagt Reuhl, sondern auch in Afrika, wenn Produkte von dort hierher geholt werden müssten.

"Wetterau Bulls" haben geholfen

"Ich sehe eine riesige Versorgungslücke auf uns zurauschen", plädiert Landwirtin Simone Hofmann-Kneiske vom Wölfersheimer Margarethenhof für die kontrollierte Einreise von Erntehelfern, zumal "ihre" Rumänen sowieso schon in Quarantäne säßen. "Wenn das so weitergeht, haben wir im Herbst kein Gemüse", ist Mutter Heide Hofmann überzeugt, die im Hintergrund so gut es geht arbeitet und für alle kocht. Hier gehe es nicht nur um Spargel und Erdbeeren, sondern auch um Salat, Gemüse und Kohl. "Was wir jetzt nicht säen und setzen können, kann später auch nicht geerntet werden", gibt Hofmann-Kneiske zu bedenken. Aus Italien und Spanien werde nichts kommen, Importe aus Afrika machten ihr Bauchschmerzen. Sie sehe die Lebensmittelsicherheit elementar gefährdet, beschreibt sie ihre Angst.

Dank der Hilfe von Familie und den "Wetterau Bulls" habe man den Frühspargel vorbereiten können. Am Wochenende werde ihr erster Spargel gestochen. Dann machten sie und Sohn André Kneiske auch die Dienstpläne. Hiesige Helfer für eine längere Zeitspanne zu finden und sie in den Betriebsablauf zu integrieren, werde schwierig. "Wir haben null Planungssicherheit. Niemand weiß, wann die Unis, Schulen und Geschäfte auf- und die Helfer wieder weggehen." Ihre Schwester nähe, auch mit Rücksicht auf ihre Eltern, seit Wochen Atemschutzmasken für alle, erzählt die Landwirtin. Anders als auf dem Spargelacker sitze man beim Sortieren eng nebeneinander.

Wetterau: "Casting" beim Spargel- und Erdbeerhof Bär in Karben

Eine logistische Herausforderung bei der Ernte sieht auch Heinz Christian Bär aus Karben auf den traditionsreichen Spargel- und Erdbeerhof zukommen, den inzwischen Sohn Marcus und dessen Frau Anne führen. Viele Freiwillige hätten ihre Hilfe angeboten, auch sei zu begrüßen, dass das Beschäftigungsverbot für Asylsuchende gelockert werden soll. Sein Sohn werde die Gespräche führen. Fürs "Casting" gibt Vater Bär neben Fitness und längerer Verfügbarkeit zu bedenken, dass das Spargelstechen gelernt sein will, um weder die Stangen selbst noch die feinen Nachbartriebe und damit die Folgeernten des mehrjährigen Gemüses zu beschädigen. Eine Woche Einarbeitungszeit gehe schnell ins Land. Aber: "Warum sollen unsere Helfer aus Rumänien nach einer Quarantänezeit nicht kommen dürfen?", stellt der Ehrenpräsident des Hessischen Bauernverbandes, bei aller Dankbarkeit für die Hilfsbereitschaft hierzulande, die Einreisesperre für Saisonarbeitskräfte infrage.

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