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»Der Witz muss frei sein«

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Von: Sabine Bornemann

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Den »Flüsterwitz« erzählt man hinter vorgehaltener Hand. »Politisch korrekt« ist nicht weit weg von der Einschränkung der Meinungsfreiheit«, sagt Lisa Fitz. 	FOTO: DOMINIC REICHENBACH
Den »Flüsterwitz« erzählt man hinter vorgehaltener Hand. »Politisch korrekt« ist nicht weit weg von der Einschränkung der Meinungsfreiheit«, sagt Lisa Fitz. FOTO: DOMINIC REICHENBACH © pv

Lisa Fitz sagt, schreibt und singt, was sie denkt. Das gefällt nicht jedem - macht ihr aber nichts aus. Sie hat sich ein dickes Fell zugelegt. Für ihren Song »Ich sehe was« wurde sie scharf kritisiert. Vorwurf: Antisemitismus. Sie möchte sich nicht den Mund verbieten lassen. In ihrem neuen Programm »Flüsterwitz« wird sie genau das in Altenstadt zeigen und dort den umstrittenen Song singen.

Frau Fitz, Sie sind seit Jahren erfolgreich im Showbusiness. Mussten Sie sich zunehmend ein »dickes Fell« zulegen?

Ja, man wird in den Jahren schon etwas wetterfester.

Ich denke an die (mediale) Kritik zu Ihrem Song »Ich sehe was, was du nicht siehst«. Ihnen wurde nach der Kapitalismuskritik Antisemitismus vorgeworfen. Das war sicher hart, oder?

Ich hab ja zuerst drüber gelacht. Dann nicht mehr. Aber das würde hier zu viel Raum einnehmen. Es gibt dazu ein Statement von Sarah Wagenknecht und Oskar Lafontaine - für mich persönlich! - auf meiner Website (und eins von mir zum Thema). Und alles wegen acht Zeilen in einem Lied. Man kann gerne alle meine 16 Kabarettprogramme und etwa 230 Songs durchforsten. Wer - außer den umstrittenen respektive missverständlichen acht Zeilen in dem Lied »Ich sehe was« - in meinem Werk seit 1985 auch nur einen Hauch von Antisemitismus findet, dem spendiere ich einen Flug nach Israel.

Als Kabarettistin können und dürfen Sie Missstände aufzeigen. Haben Sie das Gefühl, dass die Kritik im Anschluss an einen Auftritt in Zeiten von Social Media härter geworden ist?

Nein, nicht die Rezensionen in den Medien. Aber alle sind hysterischer geworden. Die Aufregungen über geballtes Nichts hinsichtlich Satire ist riesengroß. Es ist alles etwas konfus. Früher hat man Hysterie ja als typische Frauenkrankheit diagnostiziert, aber hier haben die Männer deutlich gleichgezogen.

Haben Sie persönliche Anfeindungen erlebt?

Nicht wirklich. Es hält sich in Grenzen. Ich bin ja auch nicht wirklich fies. Ich lese allerdings auch nicht alles, weil es mich nicht interessiert. Ich weiß ja, wer und wie ich bin, ich brauche keine Interpretationen von berufsfernen Amateuren. Bei Facebook können sich nur die äußern, die als Freunde akzeptiert worden sind. Und wenn einer frech wird, lösch ich ihn.

Geht Ihnen das nah?

Ich nehm’s nicht persönlich. Shitstorm heißt ja, dass es im Grunde Scheiß ist.

Wie gehen Sie mit einem Shitstorm um?

Och, relativ entspannt. Ich bin ja nun schon über 40 Jahre in dem Geschäft und auf der Bühne, mit sage und schreibe in der Summe 4500 Solo-Abenden. Erst reg ich mich zwar auf, aber letztlich ist hier der Dalai-Lama mein Vorbild. Zu dem hat mal einer gesagt: »Sie sind ein Vollidiot mit Ihrer blöden Dauer-Grinserei. Ich hasse Sie!« Und er hat nur gelächelt und gesagt: »Ach, das ist sehr interessant, so sehen Sie das?«

Das bringt mich auf Ihr neues Programm, das »Flüsterwitz« heißt. Welche Witze werden denn noch hinter vorgehaltener Hand erzählt?

Es geht darum, dass man sich mittlerweile auch im Kabarett fragen muss: Was darf man sagen, was muss man sagen, was darf man nicht mehr sagen? Aber der Witz muss frei und anarchisch sein dürfen, auch und vor allem der politisch unkorrekte Witz, der macht doch viel mehr Spaß. Politisch korrekt« ist nicht weit weg von der Einschränkung der Meinungsfreiheit. Nicht nur Steimles Ausschluss sondern auch der wiederholte Shitstorm gegen Dieter Nuhr zeugen davon. Im Grunde wegen nichts! Sagen wir’s mal so: Der Kabarettist muss sein freches Maul behalten dürfen. Egal nach welcher Seite er gerade schnappt.

Haben Sie einen Lieblings-»Flüsterwitz«?

Angela Merkel war früher ein Mann und der Toyboy vom Honecker.

Was dürfen die Zuschauer im neuen Programm erwarten?

Freie Rede, heiße Themen, Begriffserklärungen zu Tittitainment, Populismus, Thema Europa, Thema Angst und Mut - und Songs zur Gitarre, und auch den Song »Ich sehe was«.

Sie sind vielseitig kreativ: Schauspielern, Singen, Bücher schreiben und auf der Bühne stehen. Gibt es etwas davon, dass Ihnen besonders am Herzen liegt?

Das Schöne beim Kabarett ist ja, dass sich das alles zu einem Programm und einer Show vereinbaren lässt.

Ihr Terminkalender scheint randvoll. Tourneetermine bis Dezember quer durch Deutschland. Wie entspannen Sie sich und schaffen Ausgleich zum Bühnenleben?

Gute Frage, Spazierengehen, Sauna, Training, Natur, oder einfach mal einen Tag im Bett rum liegen und Kinderprogramme anschauen.

Sie haben schon zahlreiche Preise für Ihr Wirken bekommen. Was bedeuten Ihnen Auszeichnungen?

Mir bedeuten Sie viel. Über den Bayerischen Verdienstorden zum Beispiel hab ich mich riesig gefreut. Das heißt schon was, wenn einem in der bayerischen Heimat, die man ja auch oft genug auf die Schippe genommen hat, Sympathie und Respekt entgegengebracht und die satirische Kritik akzeptiert wird. Dass also die Prophetin im eigenen Land doch was gilt - und auch geehrt wird.

Sie waren vor einigen Jahren bei den Bad Vilbeler Burgfestspielen zu Gast. Jetzt kommen Sie nach Altenstadt und im November nach Schöneck. Unterscheiden sich Auftritte in kleinen Orten von denen in größeren Städten?

Nein, nicht wirklich. In kleineren Städten lachen die Zuschauer oft vorsichtiger, weil man sich da kennt und Angst hat, dass der Nachbar auch drinsitzt und sagt: »Der Huber ist vielleicht blöd, der hat an der falschen Stelle ganz laut gelacht.«

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