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Charlotte Lenz-Niollet

Wie sage ich das auf…

  • Sabrina Dämon
    vonSabrina Dämon
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Weltweit gibt es 7000 Sprachen. Manche davon sind miteinander verwandt, andere haben sich gegenseitig beeinflusst. So oder so haben sie alle eine Gemeinsamkeit: Sie dienen dazu, miteinander zu sprechen und sich auszudrücken. Zum morgigen Tag der Muttersprache erzählen Wetterauer von den Sprachen, mit denen sie aufgewachsen sind, und wie sie eine neue Sprache gelernt haben, als sie nach Deutschland gekommen sind.

Englisch

Am Anfang sind die Gemeinsamkeiten: So hat Sharon Rieck es gelernt, als sie vor 42 Jahren aus den USA nach Deutschland gezogen ist, so gibt sie es heute ihren Sprachschülern weiter. Gemeinsamkeiten gibt es im Englischen und im Deutschen einige: butter und Butter, bread und Brot, book und Buch. Aber, sagt die Englisch-Lehrerin aus Nidda: Aufpassen bei den »falschen Freunden«: Kind und kind (kind heißt liebevoll). Oder, eines von Riecks Lieblingsbeispielen: become. Das heißt nicht »bekommen«, sondern »werden«. Wer zum Beispiel sagt: »I become a cheeseburger«, will vielleicht gerne einen Burger bekommen, sagt aber: »Ich werde ein Cheeseburger.« Die Englischlehrerin lacht. »Mit solchen Beispielen lernen meine Teilnehmer am besten.«

Beim Deutschlernen, sagt sie, sind die Artikel kompliziert. »Das Schlimmste war, meine Tochter ›das Mädchen‹ zu nennen. Sie ist kein das, sie ist eine die.«

The longest journey begins with a single step.

Die längste Reise beginnt mit einem einzigen Schritt.

Finnisch

Lars Nieminen ist zweisprachig aufgewachsen - und genau genommen ist Finnisch seine Vatersprache. Seine Mutter stammt aus Deutschland, sein Vater aus Finnland. Der Sohn, der in Burg-Gräfenrode lebt, hat daher beide Sprachen gelernt. Unterschiede gibt es viele, sagt er. Ein großer: »Die finnische Sprache fasst sich kurz. Manchmal, wenn man im Deutschen einen ganzen Satz braucht, reicht im Finnischen ein Wort.« Überhaupt sei Finnisch weniger förmlich. In der Regel wird geduzt - »außer im Militär, wenn man den Präsidenten oder ganz alte Leute trifft.« Vor allem vom Aufbau her sind Finnisch und Deutsch unterschiedlich. So gibt es zum Beispiel kein grammatikalisches Geschlecht. Für die deutschen Wörter »er« und »sie« hat das Finnische nur ein Wort: »hän« - kann »er«, kann aber auch »sie« heißen.

Aamu on iltaa viisaampi.

Übersetzung: Der Morgen ist klüger als der Abend.

Bedeutung: Lasst uns da eine Nacht drüber schlafen.

Spanisch

In Deutschland studieren und zurück nach Spanien. In den Norden, nach Oviedo - am Meer und bei den Bergen. Das war zumindest der Plan von Belén Fernández-Linhart, als sie mit 18 Jahren nach Deutschland gekommen ist. Heute ist sie 61 und lebt in der Wetterau. Der Liebe wegen ist sie geblieben, erzählt sie. Als spanische Muttersprachlerin gibt sie Kurse an der VHS und kennt dadurch die Tücken, die es in beiden Sprachen für Lernende gibt. Die spanische Aussprache sei für Lernende zwar recht einfach, dennoch gebe es Ausnahmen. Das doppelte und gerollte R zum Beispiel. So wie in Zorro. »Das ist für Deutsche nicht ganz leicht.«

Wenn sie sich an die Zeit erinnert, in der sie Deutsch gelernt hat, fallen ihr als größte Schwierigkeit die vier Fälle ein: Nominativ, Dativ, Genitiv, Akkusativ - und die damit einhergehenden Veränderungen von Wörtern: Heißt es einem, eines oder einen? »Das gibt es im Spanischen nicht.« Andersherum gebe es aber auch knifflige Grammatikregeln: »Wir haben Verbformen, die gibt es in keiner anderen Sprache.« Dennoch: Wer Spanisch lernen möchte, dem macht die Lehrerin Mut: »Deutsche lernen schnell Spanisch.«

No se puede hacer una tortilla sin romper los huevos.

Wörtlich: Man kann kein Omelett machen, ohne die Eier zu zerbrechen. Bedeutung: Man muss Opfer bringen, wenn man etwas erreichen möchte.

Tigrinya

Alganesh Kifle ist mit zwei Sprachen aufgewachsen: Tigrinya und Amharisch. Beide Sprachen werden in Eritrea, ihrem Heimatland, gesprochen und gehören zu den äthiosemitischen Sprachen. Tigrinya hat ein eigenes Schriftsystem. Überträgt man die Zeichen in das lateinische Alphabet, steht jedes Zeichen für eine Silbe oder einen Vokal. »Es gibt auch Buchstaben, die es im Deutschen nicht gibt« - und die daher schwer auszusprechen sind. Zum Beispiel der Laut, der mit den Buchstaben »qie« transkribiert wird. Es gibt aber auch Lehnwörter aus dem Italienischen, sagt Alganesh Kifle. Das liege daran, dass Eritrea in der Kolonialzeit von den Italienern besetzt war.

Hade seb bzey imnet kem hade feres bzey luguam iyu.

Ein Mensch ohne Glaube ist wie ein Pferd ohne Zügel.

Tschechisch

Guten Tag, wie geht’s, tschüss - viel mehr konnte Simona Pachl nicht auf Deutsch sagen, als sie mit 13 Jahren von Tschechien nach Deutschland gezogen ist. Doch mit dem Umzug begann sie einen Sprachkurs. »Wir hatten einen wundervollen Lehrer. Er hat einfach drauflosgebabbelt. Am Anfang musste wir erahnen, was er sagt, irgendwann haben wir es verstanden.« Heute, erzählt sie, »denke ich auch auf Deutsch. Aber eine Sache macht mir immer noch Probleme.« Die Zahlen. Im Deutschen wird bei zweistelligen Zahlen zuerst die hinten stehende genannt - fünf-und-zwanzig. Im Tschechischen ist es andersherum: Zuerst kommen die Zehner, dann die Einer: 25, dvacet (20) pet (5). »Im Kopf zähle ich noch auf Tschechisch.« Ein großer Unterschied, sagt Simona Pachl, ist die Sprachmelodie. »Tschechisch ist oft wie ein Lied, die einzelnen Satzbestandteile greifen ineinander über.«

Kolik recí mluvíš, tolikrát jsi clovekem.

So viele Sprachen wie du sprichst, so oft bist du ein Mensch.

Kurdisch

Mit seiner Familie hat sich Abdulaziz Youness in seiner Muttersprache unterhalten, Kurdisch. In der Schule hat der gebürtige Syrer Arabisch gesprochen. »Dort ist es nicht erlaubt, Kurdisch zu sprechen«, sagt er. In vielen Ländern, in denen kurdischsprachige Menschen leben, gebe es Sprachbeschränkungen, zum Beispiel in der Türkei oder im Iran.

Zwar gebe es Unterschiede zwischen der kurdischen Sprache, die zum Beispiel in Syrien gesprochen wird, und der, die von kurdischen Muttersprachlern im Iran gesprochen wird. Dennoch ist die Verständigung kein Problem, sagt Abdulaziz Youness. Als er 2015 nach Deutschland gekommen ist, hat er schnell Deutsch gelernt. Ein Unterschied zwischen seiner Muttersprache und dem Deutschen ist die Satzstellung. Deutsche Sätze haben die Reihenfolge Subjekt, Verb, Objekt, bei kurdischen steht das Objekt vor dem Verb:

Deutsch: Ich (Subjekt) trinke (Verb) Wasser (Objekt).

Kurdisch: Ez (Ich) avê (Wasser) vedixwim (trinke).

Doch, sagt er: So etwas prägt man sich ein, »mit der Zeit wird es immer leichter, eine fremde Sprache zu sprechen.«

Agirek bê dûman tune.

Es gibt kein Feuer ohne Rauch.

Chinesisch

Unterschiede zwischen Chinesisch und Deutsch gibt es viele. Der auffälligste ist aber wohl die Schrift. Doch im Grunde folgt das chinesische Schriftsystem einer Logik, sagt Dong Xu. Wer sich damit auseinandergesetzt habe, werde schnell merken: Es ist zu schaffen. Zwar gibt es mehrere Zehntausend Zeichen, viele davon seien jedoch seit langer Zeit nicht mehr in Gebrauch. »Normalerweise nutzt man um die 3000«, sagt Dong Xu. Die gebürtige Chinesin lebt in Bad Vilbel. 1996 ist sie nach Deutschland gekommen. Am Anfang, sagt sie, war vor allem der Klang der deutschen Sprache eine Herausforderung.

Überhaupt, und das habe auch schon einer ihrer Sprachschüler gesagt: Die durch die Ausdrucksart bedingte Denkweise ist anders. Deutsche Sätze seien bspw. viel länger, weil sie alles benennen. Chinesische seien kürzer, das Subjekt (zum Beispiel »Ich«) kann, wenn der Kontext klar ist, weggelassen werden. Und, das sagt Dong Xu als Muttersprachlerin und das sagen die Teilnehmer ihrer Sprachkurse: »Die chinesische Grammatik ist einfacher.«

Wissen verändert dein Schicksal.

Französisch

Charlotte Lenz-Niollet war eine der wenigen, die in der Schule in Frankreich als erste Fremdsprache Deutsch gewählt hat. Das war eher ungewöhnlich, sagt sie. Kaum jemand habe sich in den 60ern dazu entschieden. Zu präsent waren noch die Erinnerungen an die Kriege, an die »Erbfeindschaft«. Doch mit der Unterzeichnung des Élysée-Vertrags habe sich das zum Glück geändert, sagt die in Paris geborene Französin, die nach ihrem Germanistikstudium der Liebe wegen nach Deutschland gezogen ist. Heute lebt sie in Bad Nauheim und gibt Französisch-Kurse. »Ich bin immer wieder unheimlich glücklich, wenn ich mit Menschen zu tun habe, die schon mal in Frankreich waren und Freude an meiner Muttersprache haben.« Die Verbindung und der Austausch beider Kulturen sind ihr ohnehin sehr wichtig. Ihre vier Kinder sind zwar in Deutschland aufgewachsen, haben aber von klein auf Französisch gelernt und waren regelmäßig zu Besuch bei der Familie in Frankreich. »Heute leben zwei in Deutschland und zwei in Frankreich.«

Was beim Französischlernen häufig Probleme bereite, sei die Aussprache, sagt die Lehrerin. Da Wörter oder Buchstaben oft ganz anders ausgesprochen werden als im Deutschen. »Aber viele deutsche Sprachschüler sind da begabt und lernen es schnell.« Ihr Tipp: Chansons hören.

Tout finit par des chansons!

Somali

Am Schwierigsten waren die Fachbegriffe, erzählt Qadar Abdi Nuuh. Als der gebürtige Somalier nach Deutschland gezogen ist, hat er schnell mit dem Sprachelernen begonnen und eine Ausbildung gemacht. In der Berufsschule und in der Prüfungsvorbereitung seien dann Begriffe aufgetaucht, die er nie zuvor gehört habe. Doch alles lief gut, heute lebt Qadar Abdi Nuuh in Butzbach und ist Busfahrer. Ein Vorteil beim Lernen, wie er sagt: »Meine Muttersprache hat auch das lateinische Alphabet.« Doch von der Grammatik seien die Sprachen unterschiedlich. Auch deswegen hat er mit anderen in der Wetterau den Somalischen Verein gegründet - um bei sprachlichen Schwierigkeiten zu helfen. Zum Beispiel aktuell, wenn es neue Corona-Regeln gibt, jemand aber gerade erst nach Deutschland gekommen ist und nicht alles versteht. Oder wenn jemand mit der Behördensprache in Anträgen Schwierigkeiten bekommt. »Wir wollen gerne helfen, so gut es geht.«

Italienisch

»Mein Leben war in Italien, dort bin ich geboren und groß geworden. Deutschland war nicht in meinen Gedanken«, sagt Rita Cascio-Piscitello. Doch dann, sie war Anfang 30, änderte sich das: »Liebe ist Liebe. Und ich bin nach Deutschland gezogen.« Heute lebt sie in Bad Nauheim. Was ihr beim Deutschsprechen noch immer ein wenig schwerfällt, wie sie sagt: die Aussprache. »Italienisch ist sehr musikalisch und weich. Das Gegenteil von Deutsch, das sehr stark klingt.« Hinzukommen die Vokabeln: Wenn sie spanische oder französische Texte liest, versteht sie viel; die Sprachen leiten sich, ebenso wie Italienisch, von Latein ab. Deutsche Wörter jedoch sind oft ganz anders.

A caval donato non si guarda in bocca!

Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul!

Belén Fernández-Linhart
Rita Cascio-Piscitello
Lars Nieminen
»Wer fremde Sprachen nicht kennt, weiß nichts von seiner eigenen« - so hat es Goethe einmal geschrieben. Das sagen auch viele Muttersprachler, die mit ihren Umzug nach Deutschland eine neue Sprache gelernt haben - es gibt viele Unterschiede ebenso wie Gemeinsamkeiten, vor allem aber hat jede Sprache ihre Eigenheiten.
Dong Xu
Simona Pachl
Abdulaziz Youness

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