In einer Behinderteneinrichtung in der Wetterau ist einem 24-Jährigen eine Pizza zum Verhängnis geworden. Eine Betreuerin und die Teamleiterin haben sich deshalb vor Gericht verantworten müssen. 
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In einer Behinderteneinrichtung in der Wetterau ist einem 24-Jährigen eine Pizza zum Verhängnis geworden. Eine Betreuerin und die Teamleiterin haben sich deshalb vor Gericht verantworten müssen. 

Vor Gericht

Tödliche Pizzastücke: Behinderter Mann stirbt bei tragischem Vorfall

  • vonJürgen W. Niehoff
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Es ist ein Vorfall, den man sich kaum vorstellen mag: Ein 24-jähriger behinderter Mann beißt in eine Pizza und verschluckt sich daran. Die Betreuerinnen versuchen alles, der Notarzt kommt, doch der junge Mann stirbt. Dieser tragische Vorfall aus der Wetterau wurde am Dienstag am Amtsgericht in Friedberg verhandelt.

War der Tod eines 24-jährigen behinderten Menschen ein bedauerlicher Unglücksfall ohne Verschulden des Betreuungspersonals oder hat ein Augenblick der Unaufmerksamkeit bei der Betreuerin fahrlässig den Tod des jungen Mannes herbeigeführt? Laut Anklage der Staatsanwaltschaft hat sich der Vorfall am 29. Juni 2018 in einer Behindertenwohnstätte in der Wetterau abgespielt. Die Betreuerin hatte um 6 Uhr morgens ihren Dienst angetreten. Gegen 11.30 Uhr bereitete sie das Mittagessen für zwei ihrer Schützlinge zu. Es gab Pizza, angeliefert von der Küche der Behindertenwerkstatt.

Plötzlich fehlen Pizzastücke

Da einer der beiden zu Betreuenden keine Schweinesalami verträgt, waren die beiden Pizzen unterschiedlich belegt. Weil der 24-Jährige dafür bekannt war, alles Essbare sofort für sich in Beschlag zu nehmen, schnitt die Angeklagte zunächst seine Pizza in kleine Stücke und schob ihm den Teller dann hin. Der andere behinderte Mensch saß währenddessen auf der anderen Seite der aneinandergeschobenen Tische und wartete auf seinen Teller.

Als die Angeklagte den beiden den Rücken zukehrte, muss einer der beiden den Teller des 24-Jährigen in die Mitte geschoben oder gezogen haben. Jedenfalls stand er in der Mitte beider Tische, und es fehlten auf ihm die ersten Pizzastückchen, als sich die Angeklagte wieder ihren beiden Schützlingen zuwandte. Kurz darauf sei der 24-Jährige vom Tisch aufgestanden und im Zimmer auf und ab gegangenen. Der Bitte der Betreuerin, sich doch wieder an den Tisch zu setzen, sei er nicht nachgekommen. "Wenn er einem Befehl nicht nachkam, war dies ein Zeichen, dass er nach mehr Aufmerksamkeit verlangte", berichtete die Angeklagte vor Gericht. Bekannt sei aber auch gewesen, dass er sich zwar das Essen in den Mund gesteckt und darauf herumgekaut, es jedoch nicht hinuntergeschluckt habe. "Um diesen Umstand zu beheben, ist extra eine Logopädin bestellt worden, die ihm das Schlucken beibringen sollte", berichtete eine andere Betreuerin, gegen die ursprünglich ebenfalls Anklage wegen des Todes des 24-Jährigen erhoben worden war. Die Anklage wurde aber fallen gelassen, weil sie erst kurz vor Eintreffen des Notarztes in das Geschehen verwickelt worden war.

Als alle Bemühungen, den Grund für das eigenartige Verhalten des jungen Mannes zu erfahren, gescheitert waren und er sich auch nicht dazu hatte bewegen lassen, den Mund zu öffnen, rief die Angeklagte nach ihrer Teamleiterin, die im Nebenzimmer mit Büroangelegenheiten beschäftigt war. Aber auch gemeinsam schafften sie es nicht, dass der junge Mann den Mund öffnete.

Auch zu dem Zeitpunkt sei nicht klar gewesen, was wirklich mit ihm los gewesen sei, sagte die Teamleiterin. "Er hatte weder Atembeschwerden, noch hat er gehustet oder sich in den Mund schauen lassen." Die Teamleiterin ist ebenfalls wegen fahrlässiger Tötung angeklagt gewesen.

Als auch das Klopfen auf den Rücken und das Hinlegen des Behinderten auf eine Bank an dessen Widerstand gescheitert seien, habe die Teamleiterin schließlich den Notarzt gerufen, zumal die Lippen des 24-Jährigen inzwischen blau angelaufen seien und er kurz danach zusammengebrochen sei. Der Notarzt wies den jungen Mann zwar noch ins Hochwaldkrankenhaus ein. Doch zu spät, denn auch dort waren alle Reanimationsversuche vergeblich.

Staatsanwalt: Staat in Verantwortung

Weil im Totenschein ein natürlicher Tod vermerkt wurde, erstattete die Schwester des Verstorbenen Anzeige gegen die drei Betreuerinnen. Während die Anklage gegen die dritte Betreuerin schon im Vorfeld fallen gelassen wurde, da sie im letzten Moment erst dazugekommen war, beantragte der Staatsanwalt Freispruch für die Teamleiterin. Ihr sei kein Fehlverhalten vorzuwerfen, da die andere Angeklagte die Essenausgabe für die beiden Behinderten allein übernommen und damit die Verantwortung nur bei ihr gelegen habe.

Für diese Betreuerin beantragte der Staatsanwalt auf Vorschlag des Gerichts eine Einstellung des Verfahrens gegen Zahlung von 3000 Euro an eine gemeinnützige Jugendeinrichtung - wegen zu geringer Schuld und weil dies so auch im öffentlichen Interesse sei. Es sei ein für alle Betroffene tragisches Geschehen. Jedoch gehörten auf die Anklagebank nicht die beiden Betreuerinnen, sondern der Staat, weil der für mehr Betreuer zu sorgen habe, sagte der Staatsanwalt. Sicherlich hätte die Angeklagte beide Pizzen zunächst aufschneiden und sie gleichzeitig den Behinderten zum Essen hinstellen können. Doch habe sie sicherlich das Beste gewollt, und deshalb reiche die geringe Fahrlässigkeit nicht für eine Verurteilung aus, zumal sie das Geschehen so mitgenommen habe, dass sie sich seither in psychiatrischer Behandlung befinde.

Den Anträgen des Staatsanwaltes folgte das Gericht denn auch, weil es sich hier um einen Grenzbereich zwischen gutem Willen der Betreuerinnen und der Suche nach Gerechtigkeit der Angehörigen handele.

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