In Bad Nauheim traut Mosayeb Amiri sich, auch in der Öffentlichkeit zu tanzen. Im Iran wäre das nicht möglich gewesen. Dort mussten er und andere Tänzer sich im Untergrund verstecken.	FOTO: NICI MERZ
+
In Bad Nauheim traut Mosayeb Amiri sich, auch in der Öffentlichkeit zu tanzen. Im Iran wäre das nicht möglich gewesen. Dort mussten er und andere Tänzer sich im Untergrund verstecken. FOTO: NICI MERZ

Bad Nauheim

Wenn Tanzen ein Verbrechen ist

  • vonNici Merz
    schließen

In Bad Nauheim muss er sich nicht mehr verstecken, denn was im Iran nicht erwünscht ist, ist hier normal: Tanzen. Der 30-jährige Mosayeb Amiri flüchtete vor fünf Jahren, um seinen Traum zu leben.

Mosayeb Amiris Pose ist merkwürdig verdreht, doch sein Lachen könnte gar nicht breiter sein. Euphorisch blickt er in die Kamera. Eine Hand auf dem Boden, die andere siegessicher in die Luft gestreckt. Bei seiner Choreographie scheint er sich von nichts stören zu lassen. Stattdessen genießt er einfach den Augenblick. Amiri mag dieses Foto gern, denn es zeigt einen ganz alltäglichen Moment, der in seiner alten Heimat so nicht ohne Weiteres möglich gewesen wäre.

Amiri wuchs in Buschehr auf. Einer Stadt am Persischen Golf im Südwesten des Landes. Mittlerweile lebt der 30-Jährige in Bad Nauheim, vor etwa fünf Jahren floh er aus dem Staat in Vorderasien. Grund ist die politische Lage dort und eine Situation, die vage an den Film Footloose aus dem Jahr 1984 erinnert. Seit der Revolution von 1979 herrscht im Iran ein Tanzverbot, das tänzerische Bewegungen in der Öffentlichkeit untersagt. Viele Muslime, so erklärt es Amiri, sehen darin den ersten Schritt zum Glaubensabfall und darüberhinaus eine Störung des gesellschaftlichen Friedens.

Doch überall dort, wo es Regeln gibt, existieren Menschen, die sich dagegen auflehnen. So auch in Amiris Heimat. »Wir haben trotzdem getanzt«, sagt er. Im Verborgenen. Auf Dächern und im Untergrund. Für ihn und viele andere junge Iraner sei das auch Ausdruck des Protests. Ein Streben nach Freiheit. Doch anders als in Footloose sind die Strafen in Amiris Welt echt. »Ich war mehrmals im Gefängnis«, sagt er. Von der Polizei dort sei er auch misshandelt worden. Dem konnte er zukünftig nur entgehen, indem er aufgab, was ihm am wichtigsten war: »Ich musste unterschreiben, dass ich nie wieder tanze.«

Dem nachzukommen wäre für Amiri dem Verkauf seiner Seele gleichgekommen. »Ich bin mit der Hip-Hop-Kultur aufgewachsen«, sagt er. Die Einführung des Satellitenfernsehens im Iran Anfang der 90er brachte seine Idole ins Wohnzimmer. Amerikanische Rap-Größen wie 2pac, N.W.A und Eminem. Ihre Musik weckte in dem jungen Amiri das Verlangen, sich im Tanz auszudrücken. Seit jener Zeit praktiziert er Breakdance und sei - bevor alles unfreiwillig sein Ende nahm - auch sehr gut darin gewesen. Er habe Unterricht gegeben, an Wettkämpfen teilgenommen und zeitweise sogar einen eigenen Club im Untergrund geführt.

»Ich musste einfach gehen«, sagt Amiri. Als er die Flucht plante, habe er kurz vor dem Abschluss seines Sportstudiums gestanden, aber nicht länger warten können. »Der Iran ist ein Gefängnis«, sagt er, und daraus wollte er entfliehen. Drei Versuche habe es gebraucht und eine dreimonatige Reise, bis er Deutschland schließlich erreichte. »Was ich bei der Ankunft gefühlt habe?«, fragt Amiri. Die Antwort sei leicht: »Freiheit.«

Amiri will tanzen, am liebsten Tag und Nacht - doch so einfach ist es auch hier nicht. Bei seiner Ankunft in Deutschland sei ihm das ziemlich schnell klar geworden. »Ich musste zuerst die Sprache lernen und dann einen Job finden«, sagt er und beschreibt, wie schwierig es zunächst war, irgendwo den Anfang zu machen. Allein in einem fremden Land, ohne Freunde, ohne Geld, ohne Perspektive. Doch er hätte Hilfe bekommen: Von der freien evangelische Kirchengemeinde in Büdingen etwa, wo er sich auch habe taufen lassen. Dem Tanzsportclub Schwarz-Gelb Nidda, in dessen Arbeit er integriert sei, und der Mittelaltertanzgruppe »Danzeliut«, mit denen er schon in der ganzen Wetterau aufgetreten sei. »Bei ihnen habe ich Freunde gefunden«, sagt er, »und ich konnte wieder tanzen.« Vom Plan, als professioneller Tänzer sein Geld zu verdienen, hat Amiri sich inzwischen verabschiedet - vorerst. Stattdessen ist sein Ziel nun, mit Kindern zu arbeiten. Aktuell macht er eine Ausbildung zum Erzieher und will später noch Sozialpädagogik studieren. Dann könnte er sich vorstellen, das Tanzen auch in seine Arbeit einfließen zu lassen. »Tanzen hilft, Kontakte zu knüpfen«, sagt er, »Tanzen ist Freiheit.« Das will er jungen Menschen vermitteln, vor allem solchen, die in einer ähnlichen Situation sind, wie er es einst war und teilweise immer noch ist.

»Leider erlebe ich hier immer wieder Alltagsrassismus«, sagt Amiri. Mehrmals schon sei er verbal angegangen worden. Ein Busfahrer habe ihm einst die Fahrt trotz Ticket verweigert. »Sie sagen, ich soll zurück in mein Land.« Doch der Iran sei das nicht mehr: sein Land. »Dort musste ich verstecken, wer ich bin«, sagt er. »Das will ich nicht mehr.«

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare