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»Wenn Blut zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort in einem Blutgefäß gerinnt, entsteht eine Thrombose«, erklärt Gefäßspezialist Dr. Karlfried Kainer.

Gesundheit

Wenn das Blut in der Vene gerinnt: Symptome, Ursachen und Risiken von Thrombosen erklärt

  • vonPetra Ihm-Fahle
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Noch nie dürften Thrombosen so oft ein Gesprächsthema gewesen sein wie aktuell. Woran liegt das? Und wieso sind Thrombosen so gefährlich? Die WZ sprach darüber mit dem Gefäßspezialisten Dr. Karlfried Kainer aus Bad Nauheim.

Wieso sind Thrombosen momentan in aller Munde?

Das liegt an Corona, da das Virus auch die Innenhaut der Gefäße befällt, wodurch es gehäuft zu Thrombosen kommt. Wir haben mittlerweile sogar Thrombosen, die gleichzeitig in beiden Beinen auftreten. Es gibt Patienten, die mit Covid-19 nicht einmal selten Lungenarterienthrombosen entwickeln, ohne dass der Thrombus vom Bein in die Lunge fliegt. Das ist der eine Gesichtspunkt. Dann besteht der Verdacht, dass die Vektorimpfstoffe Astrazeneca und Johnson & Johnson Gehirnvenenthrombosen begünstigen können. Das hat mit der klassischen Thrombose wenig zu tun. Hinweise der Vermehrung klassischer Beinvenenthrombosen gibt es aber eigentlich nicht. Wir hatten in den letzten Wochen mindestens 130 Patienten, meistens Frauen, im Harvey-Gefäßzentrum, die uns vorgestellt wurden. Sie waren mit Astrazeneca geimpft und hatten ein komisches Gefühl im Bein, aber ihnen allen fehlte nichts.

Was ist eigentlich eine Thrombose?

Wenn Blut zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort in einem Blutgefäß gerinnt. Die Blutgerinnung ist dafür da, das Gefäß bei Verletzungen abzudichten - dann beginnt die Wunde zu verheilen. Gerinnt in einer Beinvene das Blut, beispielsweise nach einer Operation, ist das die klassische Thrombose.

Sind Thrombosen ein Problem des Alters?

Ja. Es ist ein klassisches Problem des älteren Menschen. Aber in der Regel kommt ein weiterer Faktor dazu, wie Bettlägerigkeit oder ein Beinbruch und infolgedessen Unbeweglichkeit. Deshalb gibt es für diese Patienten eine Prophylaxe, eine Thrombosespritze oder Tabletten.

Thrombosen: „Hoher Prozentsatz führt zu Lungenembolien“

Wieso sind Thrombosen so gefährlich?

Ein hoher Prozentsatz der Thrombosen führt zu Lungenembolien. Die Embolien können von nicht bemerkbar bis tödlich durch ein Rechtsherzversagen verlaufen. Es ist die dritthäufigste kardiovaskuläre Todesursache, wir rechnen mit circa 40 000 Toten in Deutschland pro Jahr. Eine häufig übersehene Diagnose - schätzungsweise werden etwa 50 Prozent gar nicht diagnostiziert. Man rechnet damit, dass rund 10 Prozent der plötzlichen Herztode in Wirklichkeit Lungenembolien sind. Das Tragische daran ist, dass häufig Jüngere betroffen sind: Leute mit Ende 30 oder Mitte 40, die einen Beinbruch haben und dann an einer Lungenembolie versterben.

Woran erkennt man eine Thrombose?

Klassisch sind die Beinschwellung und ein Gefühl von Spannung und Druck. Ein eindeutiges Thrombosezeichen gibt es aber nicht. Liegt jemand im Bett und steht nicht auf, schwillt das Bein auch nicht an. Die klinischen Zeichen sind sehr vage. Es gibt Menschen, die haben keine Schmerzen.

Thrombosen: Therapie mit Kompressionsstrümpfen wichtig

Wie behandelt man eine Thrombose?

Durch gerinnungshemmende Mittel. Heute ist es möglich, sofort mit Tabletten anzufangen. Die Therapie mit Kompressionsstrümpfen spielt in Deutschland eine große Rolle und ist meines Erachtens nützlich. Dann ist ganz wichtig, die Patienten aufstehen zu lassen, damit sie sich bewegen.

Gibt es Spätfolgen?

Bei der Beinvenenthrombose ist ein postthrombotisches Syndrom mit Hautveränderungen bis zum Geschwür und offenem Bein möglich. Das ist inzwischen aber selten, weil Thrombosen sehr konsequent behandelt werden. Nach Lungenembolien kann es außerdem zum Lungenhochdruck kommen, der potenziell lebensbedrohlich ist. Die Kerckhoff-Klinik ist eines der führenden internationalen Zentren in der Behandlung dieser Erkrankung. Für die Entwicklung eines Medikaments dagegen hat Professor Ardeschir Ghofrani 2015 den Zukunftspreis des Bundespräsidenten gewonnen.

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