Wenig Geld, viel Gottvertrauen

Die Gründer, die 1846 in Kloster Arnsburg ein Rettungshaus für gefährdete Kinder ins Leben riefen, hatten wenig Geld, aber viel Gottvertrauen. Die Einrichtung gibt es noch immer, sie heißt heute ESTA, Evangelische Stiftung Arnsburg. Zum 175-jährigen Bestehen gibt es einen Festakt, ein Sommerfest und ein Buch: »Gestärkt in die Zukunft - Eine Geschichte der Heimerziehung.

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Die Männer der ersten Stunde hatten nicht genug Geld. Doch das Comité, das 1846 die Gründung eines Rettungshauses für gefährdete Kinder in Kloster Arnsburg auf den Weg brachte, legte einfach los. »Die Mittel zur Gründung und Erhaltung der Anstalt wachsen auf dem Boden freiwilliger Liebe«, schrieben die Gründer in ihre Statuten. Sie sollten Recht behalten. 175 Jahre später gibt es das Rettungshaus immer noch.

Es heißt nur anders: Evangelische Stiftung Arnsburg, kurz ESTA. Und die Kinder und Jugendlichen leben nicht mehr im Arnsburger Gartenhaus, sondern in dem Neubau, den das Kinder- und Jugendheim 1962 in der Höhlerstraße in Lich bezogen hat. Aber die Zuversicht, die den Gründervätern eigen war, prägt bis heute die DNA der Einrichtung. So sieht es jedenfalls Fabian Scharping, der Geschäftsführende Vorstand der ESTA. »Einfach mal anfangen«, das sei eine Haltung, die man den Bewohnern mit auf den Weg geben wolle. »Man muss Dinge ausprobieren. Sie klappen nicht immer. Aber manchmal klappen sie eben doch.«

Scharping hat in den vergangenen Monaten viel über die Einrichtung nachgedacht, die er seit 2014 leitet. Gemeinsam mit der Historikerin Annette Neff hat er ein Buch über die ESTA geschrieben. »Gestärkt in die Zukunft - Eine Geschichte der Heimerziehung« lautet der Titel der Festschrift, die zum Jubiläum erscheint. Die eigene Geschichte zu bewahren, sich Traditionslinien und Kontinuitäten bewusst zu machen und künftige Generationen zu inspirieren: dabei soll das 200 Seiten starke Buch helfen. Es beschäftigt sich mit der Entwicklung der Heimerziehung seit Mitte des 19. Jahrhunderts und nimmt dabei stets auch die historischen Rahmenbedingungen in den Blick.

Der Initiator des Rettungshauses, der Taubstummenlehrer Johann Peter Schäfer aus der Wetterau, hatte 1846 nichts Geringeres im Sinne als ein »lebendes Denkmal« für Pestalozzi, dessen 100. Geburtstag man damals gedachte, zu errichten. Unterstützung fand er nicht zuletzt beim Laubacher Grafen Otto, der das Arnsburger Gartenhaus für das Projekt zur Verfügung stellte. Bis heute hat das Haus Solms-Laubach einen festen Sitz im Stiftungsrat.

Tägliche Andachten, Schulunterricht, Arbeiten in Haus und Garten prägten das Leben im Rettungshaus. Die Kost war karg; die Kinder sollten zu guten Christen und tüchtigen Mägden und Knechten erzogen werden. Man müsse diese Rahmenbedingungen im Kontext der Zeit sehen, sagt Scharping. Arnsburg sei die erste Rettungsanstalt im Großherzogtum Hessen gewesen; zuvor seien notleidende Kinder in Armenhäusern gelandet. Regelmäßige Mahlzeiten, Bildung und später eine feste Anstellung seien ein Privileg gewesen in Zeiten, in denen viele Menschen ohne jegliche soziale Sicherung ihr Leben als Tagelöhner fristen mussten.

1877 wurde in Arnsburg ein neues Kapitel aufgeschlagen: Die Führung wurde den Darmstädter Diakonissen übertragen, Arnsburg wurde die einzige Mädchenanstalt im Großherzogtum Hessen. Ob es den Mädchen, die teils aus schwierigen Verhältnissen kamen, dort gut ging? Diese Frage hat sich auch die Vorsitzende des Stiftungsrats gestellt. »Wir wissen es nicht«, schreibt Dr. Christiane Prinzessin zu Solms-Hohensolms-Lich im Vorwort zur Festschrift. »Wir können nur ahnen, was sich hinter Mauern von Aufbewahrungsanstalten gestrauchelter Kinder für kleine und große Tragödien, aber vielleicht auch kleine Freuden und Lichtblicke abgespielt haben.«

Die Quellenlage stimmt Scharping optimistisch. Manche ehemaligen Bewohnerinnen hätten ihr Erspartes dem Kinderheim zur Aufbewahrung anvertraut und seien immer wieder zu Besuch gekommen. Andere hätten in wirtschaftlich schwierigen Zeiten wie der Hyperinflation in den 1920-er Jahren Geld geschickt. »Das tut man nicht, wenn es einem schlecht ergangen ist.«

Zwei große Krisen überstanden

Zweimal in seiner langen Geschichte stand das Kinder- und Jugendheim kurz vor dem Aus. Einmal im Februar 1945, als man sich den raren Platz und die mindestens ebenso raren Kohlen zum Heizen mit der ausgebombten Gießener Frauenklinik teilen musste. Der Reichsverteidigungskommissar hatte bereits die Auflösung des Heimes befohlen, aber dazu kam es nicht mehr. Mit dem Einmarsch der Amerikaner am 27. März 1945 war der Krieg im Landkreis Gießen zu Ende. Auf die Unterstützung des US-Militärs konnte sich die Einrichtung in den folgenden Jahren stets verlassen.

Mangelnde Belegung durch die Jugendämter führte Mitte der 1990-er Jahre zur zweiten existenzbedrohende Krise, die durch eine konzeptionelle Neuausrichtung gemeistert wurde. Das Team unter dem damaligen Leiter Reiner Philipp habe in einer ungeheuren Gemeinschaftsleistung »den Karren über den Berg gezogen«, sagt Scharping. Ihr 175-jähriges Bestehen kann die ESTA deutlich unbeschwerter feiern als das 150. Jubiläum 1996 - trotz Corona.

Am Sonntag fand für geladene Gäste ein Festakt in Kloster Arnsburg statt. Zum Sommerfest, das am 18. September ab 16 Uhr auf dem Außengelände in der Höhlerstraße gefeiert wird, sind dann alle Interessierten willkommen.

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