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ZUM NACHDENKEN

Weigerung zu singen

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Dieses Jahr werde ich dieses Lied zum Advent nicht singen: »Seht, die gute Zeit ist nah, Gott kommt auf die Erde.« So beginnt dieses Adventslied im evangelischen Gesangbuch. Es ist gerade keine gute Zeit und sie wird auch absehbar nicht kommen. So empfinde ich es. Und ich möchte keinen frommen Zuckerguss darüber gießen. Um nicht missverstanden zu werden, ich liebe auch frommen Zuckerguss - aber nicht dieses Jahr.

»Wo sind denn alle hin, sie haben mich hier ganz allein gelassen, das kann man doch mit einem Menschen nicht machen«, sagt eine Bewohnerin in einem der Altenheime, in denen ich als Seelsorger arbeite.

Es ist Mittagsruhe, die anderen Bewohner sind in ihren Zimmern. Die Bewohnerin ist tatsächlich allein auf dem weiten Flur. Meine Versuche, ihr die Mittagsruhe zu erklären, scheitern. »Ich weiß ja, dass ich Ihr Mitgefühl habe«, sagt sie, »aber helfen können Sie mir auch nicht.« Nein, ich kann ihr heute nicht helfen.

»Nur, die im Bett liegen, denen kann man mal die Hand halten.« So erfahre ich, dass sie sich manchmal in andere Zimmer schleicht, um eine Hand zu halten. Andere denken, die Dame sei dement und gehe in andere Zimmer, weil sie orientierungslos sei. Die kleine Dame weint bitterlich und schmiegt sich in meine Arme. Ich spüre gerade keine gute Zeit in der Nähe.

Und doch warte ich auf Weihnachten. Ich denke an den, für den die Tore hoch und die Türen weit gemacht werden sollen. Ich denke an den, dessen Geburt wir feiern: Jesus.

Er endete wehrlos wie ein Ehrloser am Kreuz. Es ist der, der die Verfolger segnete und schließlich sagte: »Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.« Der Satz ist mir gerade viel näher als eine gute Zeit.

Ernst Rohleder , Pfarrer für Altenseelsorge im Dekanat Wetterau

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