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Die Kunstinstallation: Über allem schwebt bedrohlich ein Monster-Oktopus mit Jeans-Tentakeln.

Wasserfälle aus Jeans

  • VonHanna von Prosch
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Was findet man in einem Kleiderschrank? Ausgehsachen, Alltagsklamotten, Lieblingsstücke, Überflüssiges. Der »Mobile Kleiderschrank« der KulturRegion FrankfurtRheinMain, der bis Ende Juli im Foyer des Hotel Dolce in Bad Nauheim Station macht, ist bestückt mit rund 70 Jeans. Aber anders als bisher ist er diesmal ein Gesamtkunstwerk.

Denim for Life« - spontan kam der Bad Nauheimer Künstlerin Patrizia Zewe der Ausstellungstitel in den Sinn, als die Projektleiterin des Mobilen Kleiderschranks, Magdalena Zeller, und Beatrix van Ooyen (Mitveranstalterin Ernst-Ludwig-Buchmesse) ihr die Idee vorstellten. »Kleidung, Freiheit, Identität« ist das Motto des Wanderschranks und der Begleitveranstaltungen. Was passt besser dazu als Jeans! Und weil Zewe auch in ihren Bildern oft das Thema Umwelt einbaut, war die Kunstinstallation mit Nachhaltigkeitsgedanken und Interpretationspotenzial geboren.

So ergießt sich jetzt von oben über den Schrank ein gewaltiger Wasserfall aus Denim-Blue-Jeans, ergänzt durch skulptural gemalte Stoffbahnen. Über allem schwebt bedrohlich ein Monster-Oktopus mit Jeans-Tentakeln. Die Pflanzen in jeansbespannten Blumentöpfen treiben in »bluejeans« oder sind, je nach Sichtweise, schon am Absterben. Doch es gibt auch bunte Steinkissen. Brücken in eine bessere Umwelt.

Das Material stammt aus Restbeständen einer früheren Ausstellung der Künstlerin und Spenden getragener, nicht mehr benötigter Jeans. An den Seitennähten auseinander geschnitten, zu Stoffbahnen zusammengenäht, ergibt sich durch unterschiedliche Länge, Struktur und Farbnuance ein lebendiger Stofffluss. Die Wellen sind dicht und fest, es gibt kaum ein Durchkommen, während die farbgetupften anderen Stoffe eine ermutigende, hoffnungsvolle Stimmung erzeugen. Ähnlich wie das daneben hängende Bild »Toxische Blumen«.

Hoffnungsvolle Stimmung

»Jeans kann man ewig tragen«, sagt Zewe und zeigt ihre auf dem Knie aufgeplatzte enge Hose. »Das ist keine absichtlich quergerissene Fabrikware. Die hat echtes Leben hinter sich.« Für sie, die von den 68ern geprägt ist, bedeuten Jeans Freiheit, Unangepasstsein, Lebensgefühl.

Das kann man verstehen, wenn man bedenkt, dass sie in der Lioba-Schule noch zum Umziehen nach Hause geschickt wurde, weil sie einen Hosenrock trug.

Ihre erste Jeans-Erfahrung hatte sie bei einer Modefotografie für Ferrucci, als sie sich im Liegen in die Hose des mit Steinchen veredelten Anzugs zwängen musste. »Die waren wahnsinnig eng, obwohl ich damals so schlank war«, erinnert sie sich. In ihrem Schrank gibt es noch Schlagjeans und Röhrenjeans. Die mit Strass mag sie nicht. »Eine Jeans ist fast wie eine Uniform. Sie gibt Statur und stärkt den, der sie trägt«, reflektiert sie.

»Ich bin kein klassischer Jeanstyp, ich mag lieber das neutrale Schwarz«, gibt Beatrix van Ooyen zu. Aber von der Idee der Kunstinstallation war sie, ebenso wie Projektleiterin Magdalena Zeller, sofort begeistert. Vor allem die Komplexität, die sich durch die Themen Mode, Übersättigung, Ökobilanz, Massenproduktion ergeben, eröffnet den Betrachtenden individuelle Sichtweisen. Das vielseitige Begleitprogramm ergänzt den Gedanken. Außerdem will van Ooyen täglich anwesend sein und persönliche Jeans-Geschichten von Besucherinnen und Besuchern sammeln.

Und wer es noch nicht wusste: Der Begriff Denim kommt nicht etwa aus Amerika, wo Levi Strauss im 19. Jahrhundert die Jeans aus Europa als strapazierfähige Arbeitshose einführte. Bereits im 16. Jahrhundert webten die Hugenotten in Nîmes kräftige Stoffe und färbten sie in Gênes blau. Als die Hugenotten nach Deutschland flohen, nahmen sie das Handwerk »de Nîmes« in die neue Heimat im Rhein-Main-Gebiet mit. Aus »Bleu de Gênes« wurde Bluejeans.

Das gesamte Programm ist online zu finden unter www.ernst-ludwig-buchmesse.de. Die Ausstellung »Denim for Life« ist geöffnet bis Samstag, 31. Juli, täglich von 10 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei. Es gelten die derzeit üblichen Corona-Regeln, ein Testnachweis ist aktuell nicht nötig.

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