Der Gießener Rechtsanwalt Alexander Hauer (r.) hat Zweifel an der Wahrnehmung eines Polizisten, der Hauers Mandanten als einen der Angreifer auf die Shishabar in Offenbach identifiziert haben will. FOTO: SCHEPP
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Der Gießener Rechtsanwalt Alexander Hauer (r.) hat Zweifel an der Wahrnehmung eines Polizisten, der Hauers Mandanten als einen der Angreifer auf die Shishabar in Offenbach identifiziert haben will. FOTO: SCHEPP

Wahrnehmungen und Hörensagen

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Noch immer ist der Nebenkläger im Prozess um den Angriff auf eine Shishabar in Offenbach vor Gericht nicht aufgetaucht. Am fünften Verhandlungstag sagte deshalb der Polizist aus, der ihn vernommen hatte. Dabei wurde der Beamte vom Anwalt eines der sieben Angeklagten in die Mangel genommen.

Die Reaktionen von einem Menschen können ganz unterschiedlich sein, wenn er mit Verfehlungen aus der Vergangenheit konfrontiert wird: Er lacht zum Beispiel, ist desinteressiert oder blickt ernst. Ein 27 Jahre alter Angeklagter im Bahoz-Prozess vor dem Landgericht Gießen zeigt all diese Verhaltensweisen, als Richter Andreas Wellenkötter am Donnerstag von dessen Vorstrafen berichtet. Der heute in der Gastronomie tätige Mann hatte als 16-Jähriger mit Kumpels über 20 schwere Diebstähle begangen. Sie waren in Kitas, Moscheen, Bars und Privathäuser eingestiegen, hatten Geld gestohlen und teilweise die Einrichtung demoliert. Seine Strafe für diese Vergehen hat er verbüßt.

Dem Angeklagten und sechs weiteren Männern wird nun vorgeworfen, im Juni 2016 als Teil einer 18-köpfigen Gruppe in Offenbach eine Shishabar gestürmt und Gäste angegriffen zu haben. Auslöser sollen Rivalitäten zwischen der kurdischen rockerähnlichen Gruppe Bahoz, aus deren Umfeld die Männer stammen sollen, und den türkisch-nationalistischen Osmanen Germania sein. Die Staatsanwaltschaft Gießen wirft den Angeklagten gefährliche Körperverletzung und Landfriedensbruch vor.

Nur gestaltet sich die Wahrheitsfindung in der Außenstelle "Stolzenmorgen" des Landgerichts Gießen schwierig. So schweigen nicht nur die meisten Zeugen des Vorfalls. Sogar der Nebenkläger, der beim Angriff mit Messerstichen schwer verletzt wurde, erscheint auch am fünften Verhandlungstag nicht. Die Polizei, die ihn am Donnerstag vorführen will, trifft ihn zu Hause nicht an. Auch im Gerichtssaal sind mittlerweile die Schilder auf den Plätzen des Nebenklägers und seines Anwalts entfernt worden.

Ziel ist Freispruch

Dabei hatte der Nebenkläger kurz nach dem Sturm auf die Bar der Polizei noch gesagt, vor Gericht werde er "Ross und Reiter" nennen, erinnert sich jetzt ein Kommissar vom Polizeipräsidium Mittelhessen im Zeugenstand.

Dieser Polizist hatte den Nebenkläger nach der Tat zweimal vernommen. Neues kann er dem Gericht nicht sagen; er bestätigt Aussagen, die bereits der Barbesitzer am dritten Verhandlungstag gemacht hatte: Auch der Nebenkläger habe erzählt, dass vermutlich der Streit um eine Frau in einer Disco Auslöser für die Aktion von Bahoz gewesen sein könnte. Und dass einige Teilnehmer des Angriffs im Nachhinein mittels Hörensagen sowie über den Abgleich von Facebook-Profilen und den Aufnahmen der Überwachungskamera identifiziert worden seien. Er betonte aber, dass er kaum etwas habe sehen können, weil die Angreifer zu Beginn der weniger als eine Minute dauernden Attacke Pfefferspray eingesetzt hätten.

Dass er dabei zwei heute 26 Jahre alte Brüder identifiziert haben will, bezweifelt selbst Staatsanwalt Rouven Spieler. Deshalb regte dieser an, die Ermittlungen gegen die beiden Männer einzustellen. Deren Anwälte sehen das anders: Sie wollen einen Freispruch - und damit ihre Mandanten voll rehabilitiert wissen.

Der Polizist hat dem Gericht außerdem einen Vermerk zukommen lassen. Er habe sich nach seiner ersten Aussage in diesem Prozess noch einmal die Videoaufnahmen angesehen. Dabei habe er festgestellt, dass er den heute in der Gastronomie tätigen 27-Jährigen fälschlicherweise identifiziert habe. Von dessen Beteiligung geht er dennoch aus: Er sei schließlich der gewesen, der in der Disco in den Streit um die Frau verwickelt gewesen sei. Stattdessen will der Ermittler nun einen 22-Jährigen auf dem Video erkannt haben.

Das bezweifelt dessen Anwalt Alexander Hauer stark: "Erst waren Sie sich vor vier Jahren sicher, dass der eine Angeklagte zu sehen war. Und nun sind Sie sich sicher, dass Sie meinen Mandant erkennen?" Alleine optisch gebe es in der Sequenz mindestens drei Leute mit gleicher Frisur und Statur, die Richtung Shishabar liefen, betont der Strafverteidiger. Der Kommissar antwortet auf den Einwand: "Ich habe auch nur von einer Ähnlichkeit gesprochen."

Der Prozess wird fortgesetzt.

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