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Die bisherige Schulsozialarbeit soll fortgeführt werden - so wünschen es sich betroffene Schulsozialarbeiter und Schüler an Butzbacher Schulen.

Von Brücken, die einstürzen

Nach den Sommerferien steht die Schulsozialarbeit im Wetteraukreis unter neuer Trägerschaft. Das Angebot soll nun flächendeckend an allen Schulen ausgebaut werden. Doch Eltern und Sozialarbeiter äußern ihren Unmut: Der Trägerwechsel geschehe gerade zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt.

Neuer Träger, neues Glück? Die Trägerschaft für Schulsozialarbeit im Wetteraukreis ist kürzlich neu ausgeschrieben worden. Ausgewählt wurde der Verein Regionale Dienstleistungen Wetterau (RDW) in Friedberg, der damit die Jugendberatung und Jugendhilfe (JJ) als Träger ablöst. Es wurde jedoch Kritik laut, RDW sei als günstigerer Anbieter aus wirtschaftlichen Gründen gewählt worden. Der Verein habe das wirtschaftlichste Angebot gemacht, heißt es von der Ersten Kreisbeigeordneten und Sozialdezernentin Stephanie Becker-Bösch. Damit sei aber nicht das günstigste Angebot gemeint - geforderte und eingereichte Konzepte hätten bei der Auswahl des neuen Trägers ebenfalls eine relevante Rolle gespielt.

Wertschätzung der Arbeit fehlt

Wetterauer Schulsozialarbeiter fürchten, dass der Träger- und eventuelle Personalwechsel negative Auswirkungen auf die Schüler haben könnte. In einem Brief an die WZ greifen zwei Sozialarbeiterinnen eine von Becker-Bösch verwendete Metapher auf: dass die Schulsozialarbeit Brücken zwischen Schülern, Eltern und Lehrern schaffe. »Um Brücken zu bauen, die auch benutzt werden, braucht es die gute Erfahrung mit diesen Brücken, dass sie halten, was sie versprechen - und Vertrauen, dass sie stabil sind, Bestand haben und nicht wegbrechen«, schreiben die Pädagoginnen. In den letzten Jahren hätten genau das Sozialarbeiter in Wetterauer Schulen sehr erfolgreich umgesetzt. »Jetzt endlich stehen stabile Brücken an vielerlei Orten: in den Kollegien, in der Schülerschaft und bei den Eltern.«

Der Wert der etablierten Schulsozialarbeit sei während der Pandemie besonders spürbar gewesen. Die Vertrauensbasis, die es brauche, damit Angebote angenommen und genutzt würden, könne nicht einfach durch Einarbeitung neuer Kräfte oder eine Übergabe ersetzt werden. »Das dauert. Wir haben keine Zeit zu verlieren mit Kennenlernen und Einarbeiten.« Ein Trägerwechsel, der bestehendes Personal womöglich nicht übernehme, reiße die Brücken ein. »Neue Kräfte müssen die Fäden neu aufnehmen und werden mühsam Hängebrücken knüpfen, auf die sich oftmals die Menschen nicht trauen.«

Dass der Zeitpunkt des Wechsels mitten in der Pandemie schlecht ist, räumt auch Becker-Bösch ein. Ein Verschieben der Ausschreibung auf die Zeit danach sei besprochen worden. »Eine Rückfrage bei der zuständigen Stelle für Ausschreibungen im Wetteraukreis hat aber ergeben, dass trotz der Pandemie nach wie vor unverändert ausgeschrieben werden muss.« Eine Rücknahme der Vergabe sei rechtlich nicht möglich.

Das Team der Schulsozialarbeiter aus Butzbach ist seit vier Jahren an den ansässigen Schulen und seinen Ortsteilen aktiv und will auf seine aktuelle Lage aufmerksam machen. Betroffen sind Jana Wagner (Hausbergschule, Haingrabenschule), Martha Akyüz (Schrenzerschule), Domenica de Haas (Degerfeldschule), Patrick Thienelt (Stadtschule Butzbach, Gönser-Grundschule), Maria Albert (Berufsschule) und Selina Trachte mit Schulhund Sam (Weidigschule). Die Wahl eines günstigeren Trägers zeige eine fehlende Wertschätzung ihrer Arbeit und ein im Vordergrund stehendes wirtschaftliches Interesse, bemängeln sie. Auch die Butzbacher Schulsozialarbeiter sehen »Beziehungsbrücken« gefährdet. Stabile und konstante Beziehungen seien für die Kinder gerade jetzt sehr bedeutsam. »Leider mussten die Pädagogen feststellen, dass dieser elementare Aspekt bei der Entscheidung keinerlei Beachtung gefunden hat.« Die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter stünden nun vor der Wahl: »Entweder wir bewerben uns bei dem neuen Träger zu anderen Bedingungen oder entscheiden uns für einen anderen Weg.« Letzteres würde nicht nur den Einsturz der Beziehungsbrücken bedeuten, sondern auch das Ende etablierter, geschätzter Angebote und Projekte.

Die Kritik hat auch die Politik erreicht: Die Linke hat eine Anfrage im Kreistag eingereicht; unter anderem mit der Frage, ob RDW den Sozialarbeitern als neuer Träger »Dumpinglöhne« zahle. »Bisherigen erfahrenen und eingearbeiteten Trägern von Schulsozialarbeit wurde gekündigt. Die dort beschäftigten Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen müssen sich eine neue Arbeit suchen. Und wenn sie sich bei RDW für die gleiche Tätigkeit bewerben, die sie bisher geleistet haben, müssen sie offenbar Lohneinbußen von etwa 600 Euro brutto hinnehmen«, schreibt die Vorsitzende Gabi Faulhaber. Dem widerspricht jedoch RDW-Geschäftsführerin Heidi Nitschke: Durch eine Tariftreueregelung sei der Auftragnehmer eines öffentlichen Vergabeverfahrens verpflichtet, den Arbeitnehmern ein tariflich festgelegtes Entgelt zu zahlen. Ein »Lohndumping« könne es so nicht geben. Über mögliche Übernahmen von Sozialarbeitern werde bereits gesprochen.

Kinder als Leidtragende

Trotzdem sind die Sozialarbeiter an Butzbacher Schulen sich sicher, dass die Leidtragenden des Trägerwechsels vor allem die Kinder sein werden. »Nach den Sommerferien werden sie sich allein gelassen fühlen - und das vor dem Hintergrund der Pandemie, wo sowieso schon viele Schicksalsschläge und einschneidende Erfahrungen in Kauf genommen werden mussten.«

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