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Peter Menke (hinten vor der Präsentation) stellt sich den Fragen der Ausschussmitglieder und ermutigt sie, kreative Lösungen zu finden.

"Es gibt immer eine Möglichkeit"

Streit um Stadtgrün in Bad Vilbel

Seit im Frühjahr Bäume am Niddaufer gefällt wurden, tobt eine Debatte: Fällt die Stadt Bad Vilbel zu viele Bäume? Im Planung-, Bau-, und Umweltausschuss sprach nun ein gefragter Experte zum Thema "Stadtbegrünung".

 Bad Vilbel - Es ist kompliziert. Daraus macht Peter Menke keinen Hehl. Der Experte der Stiftung "Grüne Stadt" aus Düsseldorf kennt die Probleme, mit denen sich nicht nur Bad Vilbel auseinandersetzen muss. Eng bebaute Straßen, jede Menge Infrastruktur im Erdreich und eine Fülle an Sicherheitsaspekten. Die Zeiten, in denen man mal eben so eine altbewährte Baumart am Straßenrand aufstellen kann, sind längst vorbei – wenn nicht aus baulichen Gründen, dann weil der Klimawandel für ständig neue Schädlinge sorgt. 

Doch eines macht Peter Menke unmissverständlich klar: "Nicht zu pflanzen ist keine Alternative!" Seit die Bürger den Politikern in Bad Vilbel Dampf machen und jede Fällung in der Stadt kritisch hinterfragen, lässt der Vorsitzende Jens Völker (CDU) die Mitglieder im Planungs-, Bau- und Umweltausschuss nachsitzen. Sitzung für Sitzung spricht ein neuer Experte und bietet Hintergrundinfos zum schier unerschöpflichen Thema "Stadtbegrünung in Zeiten des Klimawandels". Die Stadtpolitiker sollen so das nötige Know-how erlangen, um fundierte Entscheidungen rund um die Stadtbäume treffen zu können. 

Bäume als Identifikation 

"Nur 16 Prozent der Menschen wollen in einer Großstadt leben", erklärt Menke und kommt zur Schlussfolgerung: "Die Menschen wollen grün leben." Aus zahlreichen Studien präsentiert er Erkenntnisse und alle sprechen eine Sprache: Bäume in der Stadt sind nicht nur gut für das Stadtklima und die Luft, sie sorgen auch für sozialen Zusammenhalt, schaffen Begegnungsräume und stärken die Identifikation mit der eigenen Stadt. 

Um genau dieses Zugehörigkeitsgefühl zu stärken, schlägt Menke vor, die Stadt solle ein Leitbild entwickeln. Dieses solle nicht nur die sachliche Frage beantworten, wie sich Bad Vilbel entwickeln will, sondern auch Orientierung geben, in welchem Ausmaß das Thema Stadtgrün dabei eingebunden werden soll. "Wir müssen wegkommen von kleinteiligen Fragen wie "Ist da zu wenig Wurzelraum?" oder "Ist das der richtige Baum für diesen Ort?", betont Menke. 

Diese Fragen seien zwar auch richtig und wichtig, jedoch müsse der Ansatz ein größerer sein: "Es geht um nicht weniger als die Stadt der Zukunft", postuliert der Experte. Dafür bräuchte es integrierte Stadtentwicklungskonzepte, die die Stadtbegrünung auf Augenhöhe mit anderen Disziplinen behandeln. Die Zeiten seien vorbei, in denen erst ein Platz geplant und anschließend geschaut wird, wo man noch einen Baum hinstellen kann. Weil Bäume im Stadtbild für den Menschen elementar wichtig sind, sollten sich die Politiker auf die besonderen Funktionen von Stadtgrün berufen: "Sie müssen die Bäume für ihre Stadtentwicklung instrumentalisieren", ist Menkes Empfehlung. 

Im Vorfeld der Sitzung sind er und Völker eine kleine Runde durch die Stadt gefahren. Das Bild des unbegrünten Niddaplatzes habe sich tief in ihm eingebrannt: "Einen Platz ohne Grün, das geht gar nicht", betont er sichtlich entsetzt. Im Großen und Ganzen sieht er in der Stadt jedoch, "einen guten Bestand und viel Potenzial". 

Eine Frage des Geldes 

In der Diskussion nach seinem Vortrag wollen die Stadtpolitiker Einschätzungen zu verschiedenen Standorten in der Stadt. Menke muss ausweichen: "Das kann ich so allgemein nicht beantworten, das muss man überall individuell sehen." Doch er gibt den Politikern eine Gewissheit mit: "Es gibt immer eine Möglichkeit!" So sei der limitierende Faktor nicht etwa die Frage des Machbaren, sondern einzig die des Geldes. 

Solange die Stadt wisse, wie viel Grün sie will, gäbe es immer eine Möglichkeit, dieses Ziel umzusetzen. Schlimmstenfalls, das will der Experte nicht ausschließen, könne man auch mal eine Kübelpflanze aufstellen, doch die technischen Mittel und die Vielzahl der Pflanzenarten seien so enorm, es gäbe immer eine Möglichkeit zu pflanzen: "Man muss es nur wollen." 

Im Wissen, dass sich die Bürger mit den Bäumen ihrer Stadt verbunden fühlen, könne man etwa über Konzepte nachdenken, die die Bürger einbinden, wie etwa Pflege-Partnerschaften. Menke empfiehlt dem Ausschuss, den Austausch mit anderen Kommunen zu suchen, Berater hinzuzuholen oder auf Gartenmessen kreative Lösungen kennenzulernen: "Der Ausschuss muss sich die Kompetenz wie auch immer besorgen", betont der Experte. 

Der Applaus zum Ende des Vortrags ist groß, nicht nur bei den rund 30 Zuhörern, sondern auch bei den weitgehend interessierten Ausschussmitgliedern. "Wir müssen das Grün in der Stadtplanung auf Augenhöhe behandeln", betont auch Magistratsmitglied Udo Landgrebe (SPD): "Es ist nun ein Arbeitsauftrag an uns alle, dieses Leitbild zu entwickeln."

Dominik Rinkhart

Ein Kommentar zum Thema: Keine Ausreden mehr

Geht nicht, gibt’s nicht! Die Parole des Stadtgrün-Experten ist eindeutig: Es gibt immer eine Möglichkeit, um für wohltuendes und notwendiges Grün in der Stadt zu sorgen. Nun liegt es an den progressiven Geistern der Stadtpolitik, sich Wissen und Kreativität anzueignen, um auch jene, die dem Thema keine Priorität beimessen, mit Alternativen zu überzeugen. 

Der Vortrag von Peter Menke mag zwar keine klaren Antworten für die einzelnen Problemstellen in der Stadt gegeben haben, doch er hat jene beflügelt, die grüne Lösungen finden wollen. Sie wissen nun, auch wenn man ihnen den Geldhahn zudreht, ist es möglich, für Stadtgrün zu sorgen. 

Je weniger Unterstützung sie dabei aus der Stadtkasse bekommen, desto größer muss die Unterstützung der Bürger sein. Der Blick geht in die Zukunft. Es gilt nun nicht mehr, jede einzelne Fällung und Baumscheibe zu diskutieren, sondern gemeinsam die Stadt der Zukunft zu entwickeln.

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