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Betroffene Eltern wollen verhindern, dass die Spiel- und Lernstube in Bad Vilbel in zwei Jahren geschlossen wird. Sie sammeln Unterschriften für den Erhalt. Sollte ihre Initiative ins Leere laufen, planen sie, den Hort selbst weiter zu betreiben – ohne die Stadt.

Verzweifelte Eltern

Bad Vilbel: Eltern starten Petition für Hort-Erhalt

Betroffene sammeln Unterschriften gegen die Schließung der Spiel- und Lernstube. Ihr Notfallplan: Den Betrieb übernehmen.

Bad Vilbel - Das geplante Ende der Spiel- und Lernstube 2021 schlägt weiter hohe Wellen in Bad Vilbel. Die betroffenen Eltern machen jetzt Druck auf die Stadt und den Wetteraukreis. Mit einer Unterschriftenaktion sind sie auch am Sonntag beim Straßenfest präsent. Sollte das nicht helfen, sehen sie nur einen Ausweg. 

Der Widerstand gegen die angekündigte Schließung der Spiel- und Lernstube formiert sich. Betroffene Eltern haben nun begonnen, Unterschriften für den Erhalt des Grundschüler-Horts zu sammeln. Ende des Monats wollen sie die Petition an Bad Vilbels Bürgermeister Thomas Stöhr (CDU) und die für Soziales zuständige Wetterauer Kreisbeigeordnete Stephanie Becker-Bösch (SPD) übergeben. 

Die Eltern fordern, die Einrichtung so lange am Leben zu erhalten, "bis es an der Saalburgschule eine Nachmittagsbetreuung bis 17 Uhr und eine zusätzliche Ferienbetreuung gibt", wie Mitinitiatorin Ayse Isik erklärt. 

Die zweifache Mutter, die mit ihrer Familie in Massenheim wohnt, fühlt sich von der Politik alleingelassen. Sie kritisiert, es fehle an Alternativen zum Angebot des Horts für Grundschüler. Das zwinge Eltern im Zweifel, sich im Job einzuschränken. 

Mitstreiter für ihr Anliegen gibt es laut Isik viele – vor allem aus der direkten Nachbarschaft. Sie haben alle das gleiche Problem wie die Personalberaterin: Isiks Söhne sind der Saalburgschule in der Kernstadt zugewiesen, die gemäß Wetteraukreis eine Ganztagsschule nach Profil eins, also dem niedrigsten, ist. Eltern müssen ihre Kinder spätestens um 15 Uhr abholen, in der Ferienzeit gibt es keine Betreuung. Sozialer Träger ist die AWO. 

"Um das klarzustellen. Ich hab kein Problem mit der Qualität der AWO-Betreuung", sagt Isik. Es sei allein der Umfang des schulischen Angebots, der ihr und anderen nicht ausreiche. "Ich brauche eine gesicherte Ferienbetreuung ganztags mit gleichen Erziehern. Denn ich hab keine 74 Tage Urlaub." 

Stand beim Straßenfest 

Wann die Eltern damit rechnen können, dass das Ganztagsangebot an der Saalburgschule ausgebaut wird ist unklar. Dem Kreis als Schulträger zufolge befindet man sich in Gesprächen mit der Schulleitung. Zuletzt hatte beispielsweise die Bad Vilbeler Sozialdezernentin Heike Freund-Hahn (FDP) dafür plädiert, dass die Eltern bei der Schulleitung auf eine schnelleren Ausbau hinwirken. 

"Wir können der Schule keinen Druck machen. Wir haben Verständnis für ihre Situation", entgegnet Isik. Der Saalburgschule fehlten die Räumlichkeiten, um eine entscheidend ausgeweitete Nachmittagsbetreuung stemmen zu können. Die Schulleitung bestätigt auf Nachfrage die Platzprobleme. 

Mit einer Kerngruppe will Ayse Isik nun beim Bad Vilbeler Straßenfest am Sonntag, 16. Juni, ihre Unterschriftenaktion bewerben. Auch in den Kitas, deren Kinder der Saalburgschule zugewiesen sind und die mit dem Gedanken gespielt hatten, diese in die Spiel- und Lernstube zu schicken, hat sie Verbündete gefunden. Sie helfen, weitere potenziell betroffene Mütter und Väter über das Hort-Ende zu informieren. 

Kurzfristige Lösung nötig? 

Mit dem öffentlichen Druck hoffen die Eltern um Isik, die Stadt umzustimmen, oder den Kreis zum Handeln zu bewegen. "Im Moment will niemand verantwortlich sein", sagt Isik. "Ich kann aber nicht ewig warten." Bis die Ganztagsschulen endlich flächendeckend da seien, seien ihre Söhne längst mit der Grundschule fertig, vermutet sie. Sie brauche eine kurzfristige Lösung. Der Stadt Bad Vilbel wirft sie vor, ihrem Ruf der Familienfreundlichkeit nicht gerecht zu werden. Auch auf den Fall der Fälle bereiten die Eltern um Isik sich vor. Sollte sich tatsächlich abzeichnen, dass keine öffentliche Institution die Spiel- und Lernstube weiterführen möchte, wollen sie den Betrieb mit einer Initiative selbst in die Hand nehmen. Einen Kostenvoranschlag hat Isik sich bereits geben lassen, bestätigt die Stadt. 

Doch die Zeit drängt. Ein Schlachtplan für die Übernahme müsste im Zweifel schon nach dem Sommer stehen, sagt Ayse Isik , die erst vor kurzem nach Bad Vilbel gezogen ist. "Das ist aber nur der absolute Notfallplan. Eigentlich wollen wir das nicht. Wir haben schließlich alle schon einen Job." 

Alexander Gottschalk

Infobox

Stand jetzt wird die Stadt Bad Vilbel die Spiel- und Lernstube nicht über den Sommer 2021 hinaus betreiben, wie Stadtsprecher Yannick Schwander auf Nachfrage bekräftigt. Knapp 30 Schüler von der ersten bis zur vierten Klasse werden in der Homburger Straße 66b derzeit beaufsichtigt. Es seien "Sachzwänge", die dazu geführt hätten, dass man das Angebot auslaufen lasse, sagt Schwander. Geld sei da, es fehle aber Personal. Die im Hort beschäftigten Erzieherinnen stehen vor der Rente. Sollte es dem Fachbereich Soziales gelingen, auf dem umkämpften Markt Fachkräfte für sich zu gewinnen, sollen diese bevorzugt in den Kitas eingesetzt werden. Anders als die Schülerbetreuung ist die Kita-Betreuung kommunale Aufgabe. Eine städtische Alternative zum Hort ist nicht geplant. Die Kleinkindbetreuung ist im Gegensatz zur nachschulischen kommunale Aufgabe. 

Im Rathaus setzt man stattdessen darauf, dass die Grundschulen ihre Nachmittagsbetreuung, vor allem über das Landesprogramm "Pakt für den Nachmittag", ausbauen. Das Land Hessen, der Wetteraukreis und die Stadt Bad Vilbel fungieren dabei als Geldgeber. Das pädagogische Konzept und der Wille zur Umsetzung müssen aus der Schulgemeinschaft kommen, auch die Eltern sind gefragt. Zuletzt forderte Stadträtin Heike Freund Hahn (FDP) die Eltern dazu auf, in dieser Sache auf die Schulleitungen einzuwirken. 

Stadtsprecher Schwander glaubt daran, dass alle Beteiligten gemeinsam eine Lösung finden könnten. "Es ist ja glücklicherweise noch Zeit, bis die Spiel- und Lernstube schließt", sagt er. "Die Nachfrage nach Betreuungsplätzen hätte unsere Kapazitäten so oder so in absehbarer Zeit überstiegen." 

Den Ruf Bad Vilbels als familienfreundliche Stadt sieht er nicht in Gefahr. "Das sind wir weiterhin", sagt er. "Wir tun einiges für unser Image. Aber irgendwann stößt auch die Stadt an ihre Grenzen." Rein rechtlich liege die Verantwortung für die Betreuung der Kinder letztlich bei den Eltern. 

Alexander Gottschalk

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