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Etwas verwildert ist die Grabstätte der berühmten Bad Nauheimer Familie Groedel. In seinem Testament hatte der in die USA emigrierte Dr. Franz Groedel verfügt, dass auch seine Urne auf dem Bad Nauheimer Friedhof beigesetzt wird.

Verbittert ab ins Exil

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Bad Nauheim . Wird über die glanzvolle Zeit des Weltbads Bad Nauheim gesprochen, fällt stets der Name Dr. Franz Groedel. Er gilt als der bedeutendste Mediziner, der in der Kurstadt tätig war. Der am 23. Mai 1881 geborene Groedel hätte in diesem Jahr seinen 140. Geburtstag gefeiert. Aus diesem Anlass blickt der Bad Nauheimer Lokalhistoriker Martin Fink in einem zweiteiligen Beitrag auf das Wirken des berühmten Kardiologen zurück.

Im heutigen zweiten Teil geht es um die Gründe für Groedels Emigration in die USA.

Prof. Franz Groedel wanderte um den 1. Oktober 1933 nach New York aus. Seine Mutter Rosa soll Deutschland kurz nach der sogenannten Machtergreifung der Nazis Richtung USA verlassen haben.

Rückkehr-Bitte zweimal abgelehnt

In dem bereits in Teil eins erwähnten Brief an den ersten Nachkriegs-Bürgermeister Bad Nauheims, Adolf Bräutigam (SPD), schrieb Groedel unter anderem: »Die Jahre 1930 bis 1932 machen allerdings eine Ausnahme. In diesen Jahren fand ich, während ich das Kerckhoff-Institut aufbaute, soviel Anfeindung und Charakterlosigkeit seitens der Regierung, gewisser Behörden und seitens einzelner Personen, dass es mir schwerfiel, das Werk zu Ende zu führen (…). Diese drei zermürbenden Jahre können nicht vergessen werden.«

Bräutigam hatte sich 1945 an Groedel gewandt, um ihn zur Rückkehr zu bewegen. Doch der Mediziner lehnte ab. Im Entnazifizierungsverfahren 1947 nannte Bräutigam den Arzt Karl Barth, der die Hauptschuld am Gang Groedels ins Exil trage. »Dieser im In- und Ausland hochgeschätzte Herzforscher musste nach Amerika auswandern und ging so für Bad Nauheim verloren.« Barth soll in vorderster Linie gestanden haben, als die Aktion der Nazis gegen Groedel einsetzte.

Nur schwer durchschaubar ist die Rolle, die Groedels Stellvertreter am Kerckhoff-Institut, Eberhard Koch, spielte. Er übernahm 1933 quasi die Leitung der Forschungseinrichtung, auch wenn Groedel auf dem Papier weiter Direktor blieb, da er 1931 »auf Lebenszeit« ernannt worden war. Groedel hatte Koch zunächst vertraut. Wie Koch 1940 gegenüber dem Kuratorium der Kerckhoff-Stiftung erklärt haben soll, sei bei ihm nach einiger Zeit im Institut die Überzeugung gewachsen, dass diese Einrichtung nur zur »Reklame« für Groedels Sanatorium diene. Auch habe er erst nach einiger Zeit erfahren, dass Groedel Jude sei.

Franz Groedel war bereits im Jahr 1910 als Jude zum Christentum übergetreten. Auch sein Vater war Christ. »Eine geradezu verhängnisvolle Rolle spielte ein evangelischer Pfarrer (Hermann Knoth, Anm. des Verf.), der bei den Vorbereitungen des lokalen Boykottausschusses die Groedels einbezogen haben wollte. Als sich verhaltene Proteste einiger Bürger gegen etwaige Aktionen vor dem Hause Groedel wegen des Umstands erhoben, dass Groedel doch kein Jude mehr sei, unterdrückte der Pfarrer diese Einwände mit dem Ausruf: ›Ein Taufschein liegt hier nicht vor.‹ Darauf wurden auch die bereits getauften Juden in die Boykottaktion einbezogen.« Das schreibt Stephan Kolb in seinem Buch »Die Geschichte der Bad Nauheimer Juden«.

In Bad Nauheim fast vergessen

Nicht nur Bürgermeister Bräutigam (1945-1948) wusste, dass Bad Nauheim Groedel braucht, um weiterhin wissenschaftliche Bedeutung und internationale Beachtung zu haben. Bürgermeister Dr. Karl Ahl (1927-1935) hatte schon in der Frühphase der Nazi-Diktatur versucht, den Mediziner zur Rückkehr zu bewegen.

Stifterin Luise F. Kerckhoff, die 1929 das Geld für den Bau des Instituts an der Usa bereitgestellt hatte, sah wohl aufgrund der politischen Verhältnisse das Ende des gemeinsamen Werks schon früh kommen. Der Arzt und Wissenschaftler war empfindlich getroffen, als Kerckhoff 1946 starb und ihre Erben Bad Nauheim nicht mehr mit Geld bedachten. Nur so hätte die weitere Selbständigkeit des Instituts gesichert werden können. Als Rettungsanker erwies sich die Übernahme des Instituts durch die Max-Planck-Gesellschaft 1951, im Todesjahr von Dr. Franz Groedel.

Der Mediziner hatte, obwohl in den USA abermals klinisch wie wissenschaftlich erfolgreich, seine Präsenz in Bad Nauheim völlig verloren. Und dies, als er auf dem Höhepunkt seines Erfolgs war. Er starb in den USA. Sein letzter Wunsch war, seine letzte Ruhe in einer Stadt zu finden, die ihn einst vertrieben hatte.

In den folgenden Jahrzehnten gerieten Franz Groedel und andere Persönlichkeiten, die von den Nazis vertrieben oder ermordet worden waren, in Bad Nauheim fast in Vergessenheit. Erst durch die Recherchen von Stephan Kolb und des Engagement von Bürgermeister Bernd Rohde wurde dieser Teil der lokalen Historie wieder stärker in den Fokus gerückt. Das galt vor allem für die Rolle von Franz Groedel, dessen Namen ein Forschungsinstitut der Kerckhoff-Klinik und eine Straße tragen.

Bürgermeister Bernd Rohde (l). übergibt das Franz-Groedel-Porträt an die Kerckhoff-Professoren Wolf-Peter Klövekorn und Wolfgang Schaper(r.).
Blieb seiner Heimatstadt emotional eng verbunden: Franz Groedel.

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