Helmut Brück ist Vorsitzender des Arbeitskreises Stadtgeschichte. Er zeigt auf das Tor im zweistöckigen Heiligenhäuschen in Heldenbergen, das unten mit einem Kreuz geschmückt ist, hinter dem Metalltor befindet sich eine Zeichnung. Brück möchte, dass das stark verwitterte Heiligenhäuschen von der Stadt restauriert wird. FOTO: JÜRGEN W. NIEHOFF
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Helmut Brück ist Vorsitzender des Arbeitskreises Stadtgeschichte. Er zeigt auf das Tor im zweistöckigen Heiligenhäuschen in Heldenbergen, das unten mit einem Kreuz geschmückt ist, hinter dem Metalltor befindet sich eine Zeichnung. Brück möchte, dass das stark verwitterte Heiligenhäuschen von der Stadt restauriert wird. FOTO: JÜRGEN W. NIEHOFF

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Unscheinbar im Schatten überlebt

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Ein kleines Heiligenhäuschen, nur wenige Meter entfernt von der ehemaligen Bundesstraße 45 in Heldenbergen, legt heute noch Zeugnis ab über einen heftigen Streit um die Gebietshoheit über die Ortschaften des heutigen Nidderaus in früheren Zeiten. Das Häuschen ist eine Station der neuen Nidderauer Geschichts- wege.

Cuius regio, eius religio." Dieser in Latein formulierte Grundsatz, "wessen Gebiet, dessen Religion" war seit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 eine politische Tatsache. Ab diesem Zeitpunkt veränderten sich die Machtkonstellationen. Statt einer Universalmonarchie mit Kaiser Karl V. an der Spitze, entstand eine Vielzahl regionaler Mächte mit gegensätzlichen konfessionspolitischen Interessen.

Die Grenze zwischen katholischen und evangelischen Glauben verlief deshalb oft mitten durch gewachsene Ortschaften. Wie beispielsweise zwischen Heldenbergen und Windecken.

Die Herren von Hanau, in deren Hoheitsgebiet Windecken lag, waren schon früh zum lutherischen Glauben gewechselt. Das Gleiche taten die Burggrafen von Friedberg. Auch sie wechselten nach der Reformation zum evangelischen Glauben über und damit auch ihre Untertanen.

Heldenbergen blieb katholisch

Eine Ausnahme bildete allerdings Heldenbergen. Dessen Bevölkerung blieb katholisch. Schuld daran war das Mächteverhältnis bei den Friedbergern. Der Erzbischof von Mainz hatte zu dem Zeitpunkt das Patrozinium, also die Schutzherrschaft über die Heldenberger Kirche. Und da der Erzbischof über mehr Macht verfügte als die Friedberger Burggrafen, blieb Heldenbergen katholisch.

Später jedoch arrangierten sich Erzbischof und die Burg-Friedberger Territorialherren. Es kam zum fast 100 Jahre währenden "Simultanaeum" in Heldenbergen. Das heißt, der katholische Pfarrer von Heldenbergen musste auch die wenigen evangelischen Christen der Gemeinde seelsorgerisch mitbetreuen. Dabei wurde er aber von dem evangelischen Glöckner und Schulmeister im Auftrag der Burg Friedberg überwacht. Die evangelischen Christen durften nicht in ihren Glaubensgrundsätzen "beschädigt" werden.

Glaubensgegensätze zwischen katholischer und evangelischer Kirche spielen heute kaum noch in der südöstlichen Wetterau, zu der geografisch die Stadt Nidderau gehört. So gibt es in Heldenbergen doch hier und da noch Zeugnisse aus jener längst vergangenen Zeit mit dem erbitterten Streit um den rechten Glauben. Da gibt es noch die Wegekreuze und das Heiligenhäuschen. Es steht direkt an der ehemaligen B 45, am Ortsausgang zur Neuen Mitte hin. Heute fristet es ein eher unscheinbares, kaum beachtetes Dasein. Der Bildstock ist von drei mächtigen Kastanienbäumen umrahmt, früher waren es noch vier. Der vierte Kastanienbaum ist vor Jahren einem Blitzschlag zum Opfer gefallen.

Die Geschichte des gemauerten kleinen, einem Häuschen ähnlichen Bildstocks liegt im Dunklen. Es misst etwa 1,30 mal 1.60 Meter in der Grundfläche ist 2,20 hoch. Aus kirchlichen Unterlagen geht hervor, dass es schon vor 1886 da stand. Damals war die Familie des Grafen Rohde noch Eigentümer des Ackers, an dessen Rand es seinen Platz irgendwann im Mittelalter bekommen hat. Ein Bildstock wird im Hessischen als Heiligenstock bezeichnet. In katholisch geprägten Gegenden wie in Bayern oder Österreich nennt man sie Materl. Das sind religiöse Kleindenkmäler, die mit einem Andachtsbild geschmückt sind. Sie gelten als Zeichen der Volksfrömmigkeit.

Früher stand ein Kreuz obendrauf

Ursprünglich soll dieses Geschichtskleinod am Ortsrand von Heldenbergen von einem Kreuz bekrönt gewesen sein. Aus einem Bericht über eine gründliche Renovierung im Jahre 1902 geht hervor, dass an Stelle der heute hinter einem schützenden Eisengitter stehenden Pietà, einem Vesperbild, sich ursprünglich ein Bild Mariens mit dem Jesuskind befand.

Nachdem die Bundesstraße das Heiligenhäuschen endgültig von dem Besitz der Freiherren von Leonhardi, die Obernburg samt dem dazugehörigen weitläufigen Grundstück 1886 erwarb, abgetrennt hat, verfiel das kleine Heiligenhäuschen immer mehr. Da es nun in die Reihe der Sehenswürdigkeiten als Teil des Nidderauer Geschichtswege-Projektes aufgenommen und mit einem QR-Code versehen wird, hält es Helmut Brück, der auch Vorsitzender des ehrenamtlichen Arbeitskreises Stadtgeschichte ist, für wünschenswert, wenn sich die Verantwortlichen aufseiten der Stadt zu einer möglichst zeitnahen Sanierung dieses erhaltenswerten Kleindenkmals entschließen würden.

Da die Stadt Nidderau mit dem Logo "Stadt Nidderau, lebendige Stadt mit Geschichte" wirbt, will sie diese Geschichten von und um die Stadt mit der Aktion "Geschichtswege" der Öffentlichkeit stärker bekannt machen. Das ist ein Aspekt, um Nidderau mit seinen Stadtteilen für Tourismus attraktiver zu gestalten.

In diesem Zusammenhang soll das vorhandene, unsystematische und nicht mehr zeitgemäße Gebäudebeschilderungssystem, das lediglich aus grünen Blech- tafeln bestand, durch ein digitales QR-Code-System abgelöst werden. Vorteil solch eines per Handy zu bedienenden QR-Code-Systems ist, dass über das Internet viele Querverweise zu historischen, kulturellen oder auch wirtschaftlichen Aspekten gemacht werden können. Und das alles direkt vor Ort.

Gestartet wird demnächst mit fünf großen Übersichtstafeln sowie 70 kleinen Schildern, die an ausgewählten Gebäuden angebracht werden, auch am Heiligenhäuschen an der alten B 45 in Heldenbergen. jwn

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