Kunst in Zeiten von Corona: Patrizia Zewe wohnt in der Stresemannstraße 5. Immer sonntags von 12 bis 19 Uhr möchte sie auf den vier Balkonen ihrer Wohnung das Kunstprojekt "Balcony Art" realisieren. Sie stellt eigene Bilder aus, vielleicht kommen Werke anderer Künstler dazu.
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Kunst in Zeiten von Corona: Patrizia Zewe wohnt in der Stresemannstraße 5. Immer sonntags von 12 bis 19 Uhr möchte sie auf den vier Balkonen ihrer Wohnung das Kunstprojekt "Balcony Art" realisieren. Sie stellt eigene Bilder aus, vielleicht kommen Werke anderer Künstler dazu.

Überleben in Farbe

  • vonPetra Ihm-Fahle
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Ungewöhnliche Zeiten bedürfen besonderer Aktionen. So denkt jedenfalls Patrizia Zewe aus Bad Nauheim, die ihren Balkon in der Stresemannstraße 5 an ausgewählten Tagen mit Kunst bestücken will. Die Wetterauer Zeitung war beim ersten kreativen Test dabei.

Dass Patrizia Zewe Farben liebt, zeigt sich schon beim Betreten ihrer Wohnung in der Stresemannstraße 5. An den Wänden hängt Kunst, himbeerfarbene Stühle stehen in der Küche. "Ein Freund hat mal zu mir gesagt: ›Wo du bist, ist es immer bunt‹ - obwohl ich stets Schwarz trage, jedenfalls im Winter", lacht sie. Im Hintergrund läuft Popmusik.

Kürzlich nun kam Zewe auf die Idee, auf den vier Balkonen ihrer Wohnung künftig ein "Kunstprojekt in der Corona-Zeit" zu realisieren: sonntags von 12 bis 19 Uhr und sporadisch an anderen Wochentagen, vorausgesetzt, das Wetter ist schön und trocken. "Das werde ich ›Balcony Art‹ oder ›Galerie Balcony‹ nennen", sagt sie. Täglich kann sie die Ausstellung nicht aufbauen, da die Werke sonst von der Sonne ausbleichen würden. Angeregt dazu wurde Zewe durch Videos auf Instagram, in denen Menschen aus der Quarantäne heraus auf Balkonen singen. "Das hat mich inspiriert." Sie möchte eigene Bilder ausstellen, eventuell aber auch die Werke anderer Künstler.

Seit 40 Jahren ist Zewe kunstschaffend, viele Jahre führte sie Galerien, unter anderem in Düsseldorf und München. Sie stammt ursprünglich aus Bad Nauheim und lebt seit einigen Monaten wieder in der Kurstadt (diese Zeitung berichtete).

Während der aktuell sehr ruhigen Zeit hat sich für sie nicht einmal sehr viel geändert. "Ich gehe jeden Tag mit meinen Hunden spazieren, und ansonsten mache ich Kunst in meinem Atelier. Das ist mein normaler Tagesablauf." Ihre Salonveranstaltung "Green, green grass of home", die für Samstag, 18. April, geplant war, hat die Künstlerin allerdings abgesagt.

Lichtblicke in der Einsamkeit

"Es sind meditative Bilder, das passt gut in die Zeit", beschreibt sie ihre Exponate. "Man entschleunigt und denkt über sein Leben nach." Viele Bürger seien momentan allein in ihren Wohnungen, gingen maximal zu zweit auf die Straße. Mit der Balkonkunst möchte sie die Menschen aus der Einsamkeit in die symbolische Gemeinsamkeit bewegen. "Ich glaube an die Kraft der solidarischen Einsamkeit", sagt sie. Wer zum Einkaufen geht, könne sich für einen Moment an den Kunstwerken erfreuen. Und für Personen, die derzeit melancholisch sind, will sie Farbe, Freude und Fröhlichkeit ins Leben bringen. "Es soll ein kleiner Trost sein - halb Spaß, halb Trost." Es sei aber auch ein Trost für sie, sie habe sich die Welt schon immer schöngemalt. "›Überleben in Farbe‹ ist ein Satz, der mir dazu einfällt."

Auswahl an Bildern hat Zewe ausreichend, an vielen Stellen ihrer Wohnung stehen bemalte Leinwände. Sie tragen Titel wie "Kleid der verlorenen Träume", "Surface to the water" und "Handtaschen-Sehnsuchtsbild". Kräftige Farben dominieren dabei. "Früher hatte ich den Wahlspruch ›Colour your life beautiful‹", erzählt sie.

Zewe sucht nun einige Kunstwerke aus, stellt sie testweise auf den Balkon und geht nach unten auf die Stresemannstraße. "Ich denke, ich werde noch größere Bilder hinstellen", überlegt sie. Thorsten Stöber, Inhaber von Foto Stöber, kommt vorbei. Er ist auf dem Weg in sein Geschäft, "Büroarbeit fällt trotz Corona an", sagt er. Die Idee von Zewe gefällt ihm, weil es einen farbigen, freudigen Aspekt in die Zeit bringe.

Passantin Melanie Kayrakci aus Bad Nauheim findet die Aktion ebenfalls gut, meint allerdings: "Ich hätte die Bilder nicht bemerkt. Ein Hinweisschild, dass dort oben etwas ist, wäre gut." Kirsten und Jürgen Heller aus Bad Nauheim sind angetan. "Es ist eine sehr schöne Aktion, um die Hauswand farbig zu gestalten", lobt Kirsten Heller. Sie fühle sich animiert, auch etwas auf ihren Balkon zu stellen - und schon ist die nächste Idee geboren: "Vielleicht können wir ja einen Bad Nauheimer Flashmob anstoßen."

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