Erstes Fotoshooting der Mini-Bullterrier: Nachdem die »Statisten« sich die Hände desinfiziert haben, dürfen die Hauptdarsteller vor die Kamera. FOTO: SCHEPP

Tierpatient der Woche

Turbulenter Start der »Mini-Bullis« in Gießener Klinik

Zwei Welpen wurden in der Nacht kurz nacheinander geboren. Dann tat sich nichts mehr. Gegen 5 Uhr war dem Ehepaar Jäger klar: Wir brauchen Hilfe. Sie fuhren aus der Rhön in die Klinik für Geburtshilfe nach Gießen. Dort wurden weitere drei Hundekinder per Kaiserschnitt auf die Welt geholt.

Sie sehen und hören noch nichts, aber sie robben schon munter auf der Wärmematte im Inkubator umher. Etwa 280 Gramm wiegen die winzigen Wesen, die noch so gar nicht nach Hund, sondern eher nach Meerschweinchen aussehen. Wenn sie in etwa zehn Tagen die Augen öffnen, werden sie schon »richtige« Welpen sein, die sich so oft es geht an Mamas Milchbar einen guten Platz sichern. Doch bereits jetzt, kurz nach der Geburt, darf die Hündin ihre Welpen säugen. Dem fröhlichen Mini-Bullterrier geht es nach all den Strapazen gut. Sie ist schon wieder erstaunlich fit. »Mutter und Nachwuchs sind wohlauf«, sagt Maren Sievert und lacht.

Die Tierärztin hat am frühen Morgen die Entscheidung getroffen, die Kleinen per Kaiserschnitt zu holen. Bei der Untersuchung hatte sie gefühlt, dass die Beinchen eines Welpen nach vorne zeigten und eine natürliche Geburt blockierten. Da die per Ultraschall gemessene Herzfrequenz der Winzlinge bereits schwächer wurde und unter 130 Schläge pro Minute fiel, war rasches Handeln notwendig.

Das OP-Team der Klinik für Geburtshilfe, Gynäkologie und Andrologie war innerhalb weniger Minuten startklar. Ein Kaiserschnitt ist häufig die einzige Option, wenn das Leben der Hündin und/oder der Welpen gefährdet ist. Komplikationen in der Trächtigkeit kommen bei allen Rassen vor, aber es gibt Prädispositionen bei kleinen und kurzköpfigen Hunden wie dem Chihuahua, der französischen Bulldogge, dem Mops oder dem Boston Terrier. Fehlgeleitete Zuchtziele wie ein verhältnismäßig großer Kopf verstärken die Probleme zusätzlich.

Bei Fiona, dem Mini-Bullterrier der Familie Jäger aus Bad Brückenau in der Rhön, verlief die Trächtigkeit problemlos. Jürgen und Yvonne Jäger sind erfahrene Züchter, die mit ihren Hunden schon seit vielen Jahren nach Gießen kommen. Sie stellen sie bereits während der Trächtigkeit mehrere Male in der Klinik vor. Die letzte Sonografie hatte gezeigt, dass in Fionas Bauch fünf Welpen heranwachsen, schildert Jürgen Jäger. Als in der Nacht ein Welpe geboren wurde und starb und es nach dem zweiten Tier nicht weiter ging, machten sie sich auf den Weg nach Gießen - sozusagen mit Blaulicht. »Wir fühlen uns hier sehr gut aufgehoben«, sagt Yvonne Jäger. Insbesondere weil sie wüssten, dass nicht nur die Mutterhündin optimal versorgt würde, sondern auch die Welpen. Bei einer natürlichen Geburt beginnt das Muttertier die Fruchthülle aufzubeißen und schleckt danach die Welpen ab, um sie zu säubern und ihre Atmung anzuregen. Bei einem Kaiserschnitt geht das nicht. Stattdessen kümmern sich die Geburtshelfer um die Kleinen und legen die Atemwege frei. Auch eine länger andauernde Beatmung ist möglich, diese war jedoch bei den »Mini-Bullis« aus der Rhön nicht nötig. »Sie haben sofort selbstständig geatmet«, sagt Tierärztin Laura Maria Woitas.

Je erfahrener die Tierärzte sind, desto schonender kann ein Kaiserschnitt auch für die Hündin gestaltet werden. Hinsichtlich der Narkose, aber auch, was den Bauchschnitt und den Erhalt der Zuchtfähigkeit angeht, indem die Gebärmutter nicht entnommen wird. Das lässt sich dann nicht vermeiden, wenn es zu starken Blutungen kommt oder die Gebärmutterwand verletzt ist. Insbesondere für Züchter, die nicht nur einen Wurf planen, spielt dies auch aus finanziellen Gründen eine Rolle, sie haben viel Geld für Ausstellungen, den Deckrüden und die Vorsorge investiert; eine Hündin, die sie nicht mehr zur Zucht einsetzen können, bedeutet einen Verlust.

Doch alle Hundebesitzer lieben ihre Tiere, die Geburt ist immer ein emotionaler Ausnahmezustand und geprägt von Vorfreude auf die Welpen einerseits und Sorge um die Mutterhündin andererseits. Jägers sind glücklich, dass sie die vierbeinige Familie so schnell wieder mit nach Hause nehmen können. Ihnen stehen acht turbulente Wochen bevor, dann ziehen die drei kleinen Rüden und ihre Schwester in ihre neuen Zuhause.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare