Am Institut für Rechtsmedizin der Justus-Liebig-Universität werden auch Corona-Tote obduziert. FOTO: SCHEPP

Was Tote über Covid verraten

Gießen(csk). Zu den meistdiskutierten Fragen des Jahres gehört die, wie viele Menschen an einer Corona-Infektion sterben und wie viele lediglich damit. Prof. Reinhard Dettmeyer hatte im gesundheitsrechtlichen Praktikerseminar der Justus-Liebig-Universität Gießen eine ziemlich klare Antwort parat: Fast alle "Corona-Toten" seien auch tatsächlich an Covid-19 gestorben. Nach derzeitigem Stand, schätzte der Leiter des Gießener Instituts für Rechtsmedizin, sei das Virus in "mindestens 95 Prozent der Fälle" todesursächlich gewesen. Um solche Zahlen weiter zu verifizieren, brauche man allerdings deutlich mehr Obduktionen.

Die relativ komplizierte Gesetzeslage war ein zentraler Punkt in Dettmeyers Vortrag über "Die Corona-Krise als Herausforderung für die Rechtsmedizin". Denn die innere Leichenschau muss grundsätzlich angeordnet oder in Auftrag gegeben werden, etwa von einem Gericht oder Hinterbliebenen. Möglich ist außerdem eine "Seuchensektion" laut Infektionsschutzgesetz - veranlasst durch das Gesundheitsamt. Indes bestehe dort oft "wenig Bereitschaft", eine entsprechende Untersuchung auf den Weg zu bringen, klagte Dettmeyer. Dabei helfe dies bei der Entwicklung wirksamerer Therapien.

Späte Todesfälle erwartet

Als Beispiel nannte der Experte den Einsatz gerinnungshemmender Medikamente. Spätestens im April hätten Obduktionen ergeben, dass Corona das Risiko für Thrombosen signifikant erhöhe. Auch Schäden an Gefäßinnenwänden blieben den Fachleuten seinerzeit nicht verborgen. "Die entzündliche Reaktion hangelt sich sozusagen an den Gefäßwänden entlang", erklärte Dettmeyer. Unter den Organen litten die Nieren und das Herz letztlich am meisten. Wie zum Beweis verwies der Wissenschaftler auf einen publizierten Fall, in dem sämtliche Corona-Abstriche bei einem Verstorbenen negativ ausgefallen waren. Bis auf einen: den am Herzen.

Scharf kritisierte Dettmeyer das anfangs zögerliche Verhalten einiger Fachinstitutionen. Beispielsweise habe das Robert-Koch-Institut noch Ende März wegen einer möglichen Ansteckungsgefahr dringend von Obduktionen oder "anderen aerosolproduzierenden Maßnahmen" in Verbindung mit der Pandemie abgeraten.

Der Berufsverband Deutscher Rechtsmediziner protestierte umgehend gegen diese Richtlinien, Mitglieder führten gleichzeitig erste Untersuchungen durch. Auch er selbst habe damals mit Unverständnis reagiert, berichtete Dettmeyer: "Infektiöse Leichen sind für uns nichts Besonderes."

Eine bekannte Verharmlosungsstrategie konnte der Mediziner in seinem Vortrag schnell abräumen. Zwischen der Influenza und Covid-19 existierten "gravierende Unterschiede", betonte er. Auch mehrere Jahre nach einer Lungenentzündung durch Corona blieben oft Schäden zurück. Künftig würden Ärzte deshalb etliche Patienten mit "Post-Corona-Syndrom" sehen. Hinzu kämen die "Spättodesfälle", das heißt jene, in denen eine andere Krankheit wegen der Schäden tödlich verlaufe. Covid-19 werde so auch selbst zu einer Vorerkrankung - und die Todesursache rechtlich zur "Gelegenheitsursache".

Unterdessen seien Vorerkrankungen, gerade des Herzens und der Gefäße, entscheidende Risikofaktoren, sobald es um die direkten Folgen einer Corona-Infektion gehe. Der "genaue Kausalzusammenhang" bleibe hier weiter zu ergründen, ebenso die Frage, was "noch unbekannte genetische Risikokonstellationen" beitragen. Eine Impfempfehlung, um die eine Zuhörerin bat, könne die Rechtsmedizin "qua ihrer fachlichen Kompetenz" eigentlich nicht aussprechen, schloss Dettmeyer. Als Privatperson sehe es aber vollkommen anders aus: "Ich bin der Erste in der Schlange, wenn geimpft wird."

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