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Dem Teufel ein Schnäppchen

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Von: Sabine Bornemann

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Bastian Sick sorgt nicht nur mit der Buchreihe »Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod« für Unterhaltung. (Foto: Till Gläser)
Bastian Sick sorgt nicht nur mit der Buchreihe »Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod« für Unterhaltung. (Foto: Till Gläser) © Till Gläser | www.tillglaeser.d

Im Supermarkt, auf Schildern, in Lokalzeitungen ? überall dort, wo Menschen und Buchstaben zusammenkommen, sucht Bastian Sick nach Stilblüten. Was er entdeckt hat, zeigt er bei »Friedberg lässt lesen«.

Bei welcher Formulierung rollen sich Ihnen buchstäblich die Zehennägel hoch?

Bastian Sick: Bei modischen Ausrufen à la »Wie geil ist das denn?« und bei nichtssagenden Phrasen wie »das wollte ich auch gerade sagen« oder »ich sag mal so«. Generell bei Floskeln, die eigentlich ausdrücken: »Ich überlege noch und mag deswegen aber nicht aufhören zu reden.« Eigentlich wollten Sie Lehrer werden. Nun sind Sie es, ohne vor Schülern zu stehen. Hätten Sie das je gedacht? Sick: Da hat das Leben eine schöne Wendung genommen. Tatsächlich wollte ich früher Lehrer werden – ich stamme aus einer Lehrerfamilie, viele Freunde meiner Eltern waren Lehrer, meine Lehrer waren Lehrer. Da blieb mir, schien es, gar nichts anderes übrig. Doch dann kam es anders – durch einen Job während meines Studiums. Sie waren Korrekturleser beim Hamburger Carlsen Verlag.

Sick: Genau. Der Carlsen Verlag ist heute vielen durch »Harry Potter« ein Begriff. Damals brachte er hauptsächlich Comics heraus. Ich durfte »Tim und Struppi«, »Prinz Eisenherz« und »Die Schlümpfe« lesen und bekam das auch noch bezahlt! Comics werden oft unterschätzt. Der Textanteil ist größer als man glaubt; viele Alben sind im Grunde Erzählungen mit Bildern. Und ich hatte dafür zu sorgen, dass diese Erzählungen möglichst fehlerfrei gedruckt wurden.

Heute geht es nicht mehr um Qualität, sondern um Profit. Darunter leidet die Sprache

Bastian Sick

Was man von den Zeitungen nicht gerade behaupten kann, oder?

Sick: Leider, ja. Besonders die Lokalpresse liefert mir regelmäßig Anschauungsmaterial für meine Kolumnen. Das war vor 30 Jahren noch anders, als man noch Korrektur-leser beschäftigte. Heute geht es eben nicht mehr um Qualität, sondern um Profit. Darunter leidet die Sprache.

Wie meinen Sie das?

Sick: Unser Land hat sich von einer Wir-Gesellschaft, wie es sie in den 70ern noch gab, zu einer Aktiengesellschaft entwickelt, in der Wirtschaftlichkeit an oberster Stelle steht. Die sprachliche Qualität hat sich dem unterzuordnen. Das Bildungssystem übrigens auch.

Viele Formulierungen aus dem Englischen haben Einzug ins Deutsche gehalten. Ausdrücke wie »das macht Sinn« (statt »das ist sinnvoll«), »einmal mehr« (statt »wieder mal«) oder auch »nicht wirklich« (statt »eigentlich nicht«). Richtig sind diese aber nicht.

Sick: Bei den Anglizismen geht es weniger um richtig oder falsch als vielmehr um lästig oder schön. Dem Nachplappern von modischen Phrasen fehlt nun mal die Anmut. Ein weiteres Beispiel ist »am Ende des Tages«, ein Ausdruck, der durch Übersetzung des englischen »at the end of the day« entstanden ist. Ich verwende »am Ende des Tages« nur, wenn ich damit auch wirklich den Abend meine. Ansonsten sage ich »letzten Endes« oder »unterm Strich«.

Glauben Sie, dass Dienste wie WhatsApp oder Twitter die Sprache verändern?

Sick: Sie verändern unsere Gewohnheiten, vor allem bei den Jüngeren, die es gar nicht mehr anders kennen und die nicht wissen, dass das Schreiben früher mal sehr viel mühsamer war, mit Schreibmaschine und Tipp-Ex. Damals war ein Fehler noch eine Schande, weshalb man häufiger im Duden nachschlug. Heute wird einfach nur noch gegoogelt, was aber oft zu falschen Ergebnissen führt.

Haben Sie ein Beispiel?

Sick: Nehmen wir die englischen Lehnwörter Baby, Hobby oder Party. Im Plural werden daraus Babys, Hobbys und Partys, nicht etwa Babies. Dass das Ypsilon zu »ie« aufgelöst wird, gibt es nur im Englischen. Wer die Pluralform aber googelt, bekommt natürlich viel mehr Ergebnisse mit »ies« angezeigt, und denkt, dass es so wohl richtig ist.

Vieles wäre zum Verzweifeln, wenn es nicht so komisch wäre

Bastian Sick

Ihr neues Buch heißt: »Dem Teufel ein Schnäppchen schlagen«. Eigentlich müsste es ja »Schnippchen schlagen« heißen.

Sick: Es ist, wie jeder meiner Buchtitel, ein Wortspiel. Viele wissen heute nicht mehr, was ein Schnippchen ist und sagen dafür etwas anderes wie Schnittchen oder Schnäppchen. Es kommt vom Schnippen mit den Fingern. Das war eine Geste des Spotts und der Verachtung. Früher wies man damit das Dienstpersonal oder die Vierbeiner zurecht. Darum gilt das Schnippen heute als unfein und sollte im Restaurant zum Herbeirufen der Servierkraft tunlichst unterbleiben.

Info

Das neue Werk

Haben Sie mal »panische Orangen« probiert? Wissen Sie, ob Paprika-Schotten wirklich aus Schottland kommen und wo der Camen-Bär zu Hause ist? Dann nichts wie ran an den Specht! Bastian Sicks »Happy Aua«-Reihe hat Kultstatus. Nun erscheint der sechste Band »Schlagen Sie dem Teufel ein Schnäppchen« – prall gefüllt mit Fundstücken aus dem Sprachalltag.

Mit dem Buch führen Sie die Leser abermals tief in den Irrgarten der deutschen Sprache. Müssten nach all den Jahren nicht alle Irrungen beseitigt sein?

Sick: Der Mensch macht nun mal Fehler. Egal ob beim Rechnen, beim Sprechen oder beim Schreiben. Vieles wäre zum Verzweifeln, wenn es nicht so komisch wäre. Das landet dann in meinen Büchern.

Sicherlich gibt es inzwischen viele Menschen, die mit der Kamera bewaffnet zum Einkaufen gehen und Ihnen beim Fehlersammeln helfen.

Sick: In der Tat bekommen ich viele Fundstücke von meinen Lesern zugeschickt. Dank ihrer Unterstützung kann ich bei meiner Arbeit aus dem Vollen schöpfen.

Kam es auch schon vor, dass sich jemand gemeldet hat, der sich in Ihren »Happy Aua«-Büchern als Urheber eines Fehlers wiedergefunden hat?

Sick: Bei einem Auftritt in Hamburg zeigte ich ein Bild von »Armins’s Bauernshof«. Da rief jemand aufregt: »Das ist mein Laden!«. Er wollte an der Beschriftung aber nichts mehr ändern. »Das lass ich so, jetzt ist es ja berühmt!«, erklärte er freudestrahlend. Alle lachten und applaudierten.

Sie kommen erstmals nach Friedberg. Mitten nach Hessen. Hier gibt es bestimmt einige hessische Ausdrucksweisen, die nicht ganz korrekt sind.

Sick: Nur wenn Sie Regionalsprache und Hochsprache mit der gleichen Elle messen. Das ist aber nicht sinnvoll. Von regionalen Unterschieden lebt die Sprache. Viele Menschen in Deutschland wachsen daher zweisprachig auf: erst mit dem Dialekt, in der Schule kommt dann die Hochsprache hinzu. In Südhessen lernen viele erst in der Schule, dass es auch ein Präteritum gibt und man statt »ich bin kumme« auch »ich kam« sagen kann.

Ihre Bücher haben Einzug in den Deutschunterricht gehalten. In vielen Schulbüchern werden Ihre Kolumnen nachgedruckt. Wieso?

Sick: Wahrscheinlich, weil meine Art zu erklären lebendig und anschaulich ist. Bei mir gibt es immer was zu lachen.

Info

»Friedberg lässt lesen« im September

Mittwoch, 6. September 20 Uhr, Ovag-Hauptverwaltung Werner Schneyder liest aus »Gespräch unter zwei Augen« Donnerstag, 14. September 20 Uhr, Ovag-Hauptverwaltung Bastian Sick liest aus seinem neuem Buch »Schlagen Sie dem Teufel ein Schnäppchen« Veranstaltungen in den kommenden Monaten unter www.ovag-gruppe.de

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