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Tanzsaal, Kino, Gasthaus

  • Sabrina Dämon
    vonSabrina Dämon
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Es gibt noch viele alte Fotos. Eines zeigt eine fröhliche Runde Stammheimer. Sie sitzen um einen Tisch und lachen in die Kamera. Aufgenommen worden ist es an einem der autofreien Sonntage in den 70ern - auf der Gießener Straße vor dem Gasthaus Geis. Es ist nur eine Momentaufnahme von unzähligen, die in den vergangenen Jahrzehnten rund um das Anwesen festgehalten worden sind.

Die Stühle stehen in Reihen, die Tische sind zur Seite geschoben. Im Saal ist es dunkel, nur die provisorische Leinwand leuchtet. »Vom Winde verweht« wird gezeigt. 1953 beginnt der große Erfolg des amerikanischen Films in Deutschland. Noch viele Jahre läuft er immer wieder in den Kinos. Auch in Stammheim. Heinz-Joachim Otto erinnert sich noch daran. Irgendwann, er war noch ein Kind, saß er im Saal in der Gießener Straße 11 und schaute mit vielen anderen den Film mit Vivien Leigh und Clark Gable in den Hauptrollen. Der Saal, in dem eigentlich Hochzeiten, Geburtstage, Jubiläen gefeiert wurden, ist regelmäßig zum Kino umfunktioniert worden. »Pro Vorstellung sind um die 200 Zuschauer gekommen.«

Die Geschichte mit dem Kino in der Gießener Straße ist nur eine von vielen, die sich dort in den vergangenen Jahrhunderten ereignet haben. Vor über 200 Jahren ist das Anwesen in den Besitz von Konrad Geis übergegangen - einem Vorfahr (»ein Großvater mit vielen ›Ur‹ davor«) von Heinz-Joachim Otto.

Über die Anfänge des Anwesens, die in der Zeit vor dem Kauf durch Geis liegen, war lange wenig bekannt. Nachforschungen des Stammheimer Arbeitskreises Dorfgeschichte haben jedoch für Klarheit gesorgt (siehe Kasten).

Ein großer Brand und eine Annonce

Ein Wappen, es ist noch heute über der Tür, gibt den Hinweis. Es ist ein Allianzwappen der Familien von Buseck und von Trillitz. Der Familie von Trillitz entstammt Magdalena Charlotte Antoinette Luise, die Frau des Adeligen Philipp Ludwig Georg Friedrich von Buseck. Sie brachte das Anwesen mit in die Ehe.

Lokalhistorikerin Christina Hofmann hat in dem Pachtvertrag entdeckt, dass Magdalena als Eigentümerin das Anwesen 1790 an Conrad Geis verpachtet hatte - der es später kaufte.

Die Geisens führen von da an den landwirtschaftlichen Betrieb. Rinder, Schweine, Pferde, Enten und Hühner. Mehrere Generationen bewirtschaften in den vergangenen 200 Jahren den Hof.

Zu der Zeit, in der Gustav Geis (1866 bis 1948) und seine Frau Elisabeth (1871 bis 1950) den Hof führen, geschieht ein Unglück. 1913 bricht im Haus des Verwalters ein Feuer aus. Es greift auf die Scheune über, von der nur ein Haufen Steine übrig bleibt. »Die nachfolgenden Generationen haben noch lange an diesem Schaden bezahlt«, erzählen Ellen und Heinz-Joachim Otto; das Ehepaar wohnt heute in dem Haus mit der Nummer 13.

Dass der Nachname der heutigen Eigentümer nicht mehr Geis, sondern Otto ist, geht auf Heinz-Joachim Ottos Eltern zurück. Der Großvater, Alfred Geis, hatte drei Töchter, Sanna, Ingeborg und Elisabeth Geis, aber keine Söhne. Es stellte sich die Frage, wer den Hof übernehmen soll. Eine der Töchter? Damals in den 1940er Jahren kam das nicht infrage. Also schaltete man eine Annonce in einer Landwirtschaftszeitung, wie Heinz-Joachim Otto erzählt: »Verwalter gesucht. Mit der späteren Möglichkeit zur Einheirat.«

Georg Otto meldet sich. Er wird Verwalter und später der Ehemann von Elisabeth Geis. Sie führen gemeinsam mit ihren Eltern den Hof und das Gasthaus Geis.

Als die Kapelle Hensel spielte

»Meine Eltern haben eine lange Schicht gehabt«, erzählt Heinz-Joachim Otto. Morgens raus, die Tiere versorgen, abends Dienst in der Gaststätte, die täglich geöffnet und Treffpunkt für die Landwirte aus dem Ort war. Sohn Heinz-Joachim hilft auch: Schon als Bub bedient er Gäste.

Woran sich sicher viele Stammheimer noch erinnern: der jährliche Tanz zur Kirmes im Saal des Gasthauses. Die Kapelle Hensel aus Friedberg spielte. »Da haben viele Ehen angefangen«, erzählen Ellen und Heinz-Joachim Otto.

1977 schließt das Gasthaus endgültig seine Türen. Heinz-Joachim Otto, der den elterlichen Betrieb übernimmt, konzentriert sich auf die Landwirtschaft - das ist mehr als genug Arbeit für eine Person.

Heute ist das Anwesen aufgeteilt. Heinz-Joachim und Ellen Otto wohnen in der Gießener Straße 13. Die Hausnummer 11 ist nicht mehr in Familienbesitz.

Die Chroniken, die Stammbäume und die alten Bilder hat Heinz-Joachim Otto jedoch alle beisammen. Sie erzählen von den großen und kleinen Geschichten, die sich über Generationen zugetragen haben. Doch einige Fragen gibt es noch. Heinz-Joachim Otto möchte daher weiterforschen. Zum Beispiel zur Herkunft der Familie Geis, die von Michelnau nach Stammheim kam. »Je älter man wird, desto mehr interessiert man sich für die Familiengeschichte.«

Ellen und Heinz-Joachim Otto leben heute in einem Teil des geschichtsträchtigen Anwesens. Sie kennen viele große und kleine Geschichten, die sich dort einst zugetragen haben.

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