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Beim "Papaya-Workshop" nähern sich Gießener Medizinstudierende dem Thema Schwangerschaftsabbruch in der Praxis an. Das Interesse an der Premiere ist groß: Nur die Hälfte der Interessierten bekam einen Platz.

Das Tabu Abtreibung

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Die Papaya ähnelt ein wenig der Gebärmutter. Deshalb üben angehende Ärztinnen und Ärzte daran den Abbruch von Schwangerschaften. Sie wollen vor allem ein Signal setzen. Das Thema werde im Studium zu wenig behandelt. Vonseiten der Gießener Justus-Liebig-Universität heißt es indes: Das soll so bleiben.

Vorsichtig schiebt die junge Frau das Röhrchen in das schmale Ende der Frucht. Langsam zieht sie am Griff der Pumpe. Schwarze Körner erscheinen. Ja, das ist etwas anderes als eine menschliche Fruchtblase. Aber "ich habe ein Gefühl dafür bekommen, worum es geht", sagt die Ärztin. 20 Interessierte - die meisten noch im Studium - nähern sich beim ersten "Papaya-Workshop" an der Justus-Liebig-Universität dem Schwangerschaftsabbruch. "Das Ziel ist, Berührungsängste abzubauen und die Diskussion zu beleben", sagt Nathan Klee.

Der Arzt leitet den Kurs mit der Allgemeinmedizinerin Kristina Hänel, bekannt durch die Kampagne gegen den Paragrafen 219a. Das Interesse ist groß: Auf die 20 Plätze kamen fast doppelt so viele Bewerbungen, berichtet Sibel Savas von den "Kritischen Mediziner*innen". Die Gruppe will mit dem Workshop darauf aufmerksam machen, dass Sexualthemen und insbesondere der Schwangerschaftsabbruch ihrer Meinung nach zu wenig im Studium vorkommen. Dank Hänels Kampagne bieten Studierende vielerorts "Papaya-Workshops" an. Die Frucht ähnelt in Form und Konsistenz der Gebärmutter, aber "sie ist natürlich nur ein sehr rudimentäres Modell", weiß Nathan Klee. Mindestens ebenso wichtig wie das Üben daran sei die Diskussion zu Beginn. Studierende fragen Hänel nicht nur nach medizinischen Details, sondern beispielsweise nach ihrer ethischen Einstellung. "Viele haben sich noch nie darüber Gedanken gemacht", sagt Klee. Er findet es in Ordnung, dass Ärzte sich weigern dürfen, den Eingriff durchzuführen. Aber Gynäkologinnen und Gynäkologen sollten, erläutert Sibel Savas, "im Notfall dazu fähig sein, zum Beispiel wenn das Leben der Frau in Gefahr ist".

Die Teilnehmer sind sich am Ende einig: Der Workshop hat viel gebracht für ihre persönliche Entscheidung, ob sie Abbrüche vornehmen würden. Die "Kritis" wollten den Workshop jedes Semester anbieten, kündigt Savas an und berichtet von vielversprechenden Kontakten mit dem Frauenklinik-Chef.

Doch auf Anfrage dieser Zeitung erklärt JLU-Sprecherin Lisa Dittrich, die Uni plane "keine Änderung bei der Lehre zum Schwangerschaftsabbruch". Sie listet Seminare auf, in denen rechtliche, ethische und psychologische Aspekte "angesprochen" werden. Die "Prinzipien des operativen, interventionellen und medikamentösen Vorgehens" würden entsprechend den Empfehlungen des "Nationalen kompetenzbasierten Lernzielkatalogs Medizin" gelehrt.

Wenig Wissen über Methoden

"Davon merken wir wenig", sagen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops unisono. Höchstens am Rande oder auf Nachfrage werde das Tabuthema angerissen. "Es herrscht viel Unwissenheit, auch zum Beispiel zur Verhütung."

Die Heimlichtuerei gehe auch zu Lasten der Patientinnen, betont Klee. Zum einen seien Informationen über Anlaufstellen rar. In Gießen ist Hänel die Einzige, die bei sozialen Gründen Abtreibungen vornimmt. Am Uniklinikum werden Schwangerschaften nur bei medizinischen Motiven - etwa bei Behinderung des Kindes - beendet. Dabei würden "Indikationen streng gestellt", so das Klinikum auf Anfrage.

Ein weiterer Nachteil für die Frauen laut Klee: Medizinerinnen und Mediziner wüssten zu wenig über das Vorgehen. Nach wie vor seien in Deutschland etwa 15 Prozent der Schwangerschaftsabbrüche Ausschabungen. Von dieser veralteten Methode rate die Weltgesundheitsorganisation ab. 65 Prozent werden per Absaugung vorgenommen. Und nur etwa 20 Prozent medikamentös - in Frankreich werde diese schonende Methode in über 80 Prozent der Fälle eingesetzt.

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