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Dr. Reinhold Merbs Leiter Gesundheitsamt

Interview

Wetterauer Amtsarzt zur Corona-Lage: „Konsequent ablöschen, sonst flammt es wieder auf“

  • David Heßler
    VonDavid Heßler
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Die Inzidenz liegt deutlich unter zehn, aktuell ist etwas Zeit zum Durchatmen. Doch wie lange? Im Interview spricht der Leiter des Wetterauer Gesundheitsamts, Dr. Reinhold Merbs, über die Delta-Variante des Coronavirus, Impfstoff-Knappheit und die Aussichten für Schüler.

Wie stark ist das Gesundheitssystem aktuell durch die Pandemie belastet?

Wir haben endlich weniger Intensivbelegungen. Die Zahl der Schwerkranken ist zurückgegangen, auch wenn wir immer wieder Patientinnen und Patienten haben, die als Verdachtsfälle in die Kliniken eingewiesen werden. In der Regel bestätigt sich der Verdacht nicht - oder wenn er sich bestätigt, nimmt die Infektion einen milden Verlauf.

Im Wetteraukreis sind fast 250 000 Erst- und Zweitimpfungen durchgeführt. Wie geht es weiter?

Nach wie vor bräuchten wir mehr Impfstoff. Die gute Nachricht: Wir haben im Bereich der höherbetagten Menschen eine gute Durchimpfung, darauf kommt es im Wesentlichen an. Wie viele Menschen in der Gesamtbevölkerung geimpft sind, ist nicht so relevant, weil die Jüngeren eben weniger ernsthaft erkranken. Es gibt im Wetteraukreis nur noch wenige Menschen, die älter als 60 Jahre sind und noch kein Impfangebot haben. Die werden in den nächsten Wochen noch geimpft. Dann sind wir eigentlich in der Situation, wo wir einer möglichen nächsten Welle einigermaßen beruhigt entgegensehen können.

Corona in der Wetterau: „Wir müssen wachsam sein“

Sorgen bereitet vielen die Delta-Variante. Was ist daran das Besondere?

Die Delta-Variante ist noch ein Stück ansteckender als die derzeit vorherrschende Virusvariante Alpha, und sie setzt sich zunehmend durch, nachdem wir in den vergangenen Wochen fast ausschließlich die britische Variante hatten. Eine ähnliche Entwicklung ist für die Delta-Variante zu erwarten. Spätestens zum Ende des Sommers wird sie die vorherrschende Variante sein. Im Wetteraukreis liegt der Anteil aktuell bei etwas unter zehn Prozent. Bei der derzeitigen Infektionsrate reicht natürlich auch schon ein kleineres Ausbruchsgeschehen, um den Anteil wesentlich zu erhöhen. Dementsprechend sind die Zahlen nicht wirklich relevant. Wir haben eine niedrige Inzidenz, insofern kann man einigermaßen beruhigt sein. Aber vor dem Hintergrund der neuen Variante müssen wir wachsam sein.

Erwarten Sie eine vierte, eine fünfte Welle?

Ich sehe im Vordringen der Delta-Variante eine große Parallelität der zweiten Welle. Ich erwarte deshalb noch eine infektiologische Welle. Bedenklich finde ich, wie sorglos viele Menschen derzeit mit der Situation umgehen. Wir genießen es alle, uns wieder im Biergarten treffen zu können, aber was man mitunter sieht, etwa in den Fußballstadien oder bei größeren Feiern, das ist schon ziemlich unvernünftig. Da sollte man an die Vernunft der Menschen appellieren. Es ist sicherlich nicht verkehrt, auch in Zeiten der allgemeinen Entspannung, die Vorsichtsmaßnahmen, die leicht durchzuhalten sind, auch weiterzuführen. Durch Maske und gründliches Händewaschen und Händedesinfektion sind viele Krankheiten, die wir sonst im Frühjahr hatten, nicht aufgetreten. Solche einfachen Maßnahmen kosten uns nicht allzu viel Mühe, aber sie haben einen großen Nutzen.

Würde der Kreis das Impfzentrum gerne auch nach Ende September weiter-betreiben - auch im Hinblick auf die wohl nötigen Auffrischungsimpfungen?

Sofern ein entsprechender Einsatzbefehl des Landes kommt, ja, ansonsten gibt es andere Möglichkeiten, die gemeinsamen Impfanstrengungen im Kreisgebiet voranzubringen, z. B. über die weiterhin konsequente Einbindung der Arztpraxen vor Ort.

Corona-Nachverfolgung in der Wetterau: „Müssen jetzt wesentlich konsequenter rangehen“

Schützen die Impfstoffe vor der Delta-Variante?

Alle Impfungen, die wir durchführen, führen zu einem milderen Verlauf bei einer Ansteckung. Die Impfungen schützen also insofern, dass die Verläufe milder werden. Die Impfung schützt aber nicht automatisch davor, dass ich mich anstecke. Wenn ich mich angesteckt habe, kann ich die Krankheit natürlich auch wieder weitertragen an die, die noch nicht geimpft sind.

Welche Konsequenzen hat das?

Das hat Konsequenzen hinsichtlich der Quarantänevorgaben. Deshalb sehe ich die neuen Vorgaben, die jetzt von Bund und Land gegeben werden, eher kritisch.

Inwiefern?

Wir können geimpfte Eltern in einem Familienhaushalt nicht in Quarantäne nehmen, wenn die Kinder positiv getestet werden. Solche Fälle hatten wir schon. Die Kinder waren positiv, die Eltern geimpft. Nach ein paar Tagen haben wir auch die Eltern noch mal getestet. Die waren ebenfalls positiv. Sie haben das Virus auf der Schleimhaut getragen, sind also ansteckungsfähig, auch wenn sie überhaupt keine Symptome vorweisen.

Was also tun?

Wenn wir solche Fälle nicht in Quarantäne nehmen können, dann können wir auch die Infektketten nicht unterbrechen. Wenn wir jetzt konsequent vorgehen würden, dann könnten wir den Brand auch tatsächlich löschen. Dafür müssen wir jetzt wesentlich konsequenter rangehen und jeden, der in den Fokus gerät, selbst infiziert zu sein oder in Kontakt gewesen zu sein, auch separieren. Das müssen wir so lange machen, bis wir das Infektionsgeschehen auf null haben. Das ist wie bei einem Feuer. Zunächst müssen sie mit ein paar Eimern Wasser rangehen, aber dann müssen sie jedes einzelne Glutnest konsequent ablöschen, sonst flammt das Feuer immer wieder auf.

Corona in der Wetterau: „Die Massenimpfung von Kindern halte ich für falsch“

Wird es weitere, vielleicht sogar noch gefährlichere Varianten geben?

So ein Virus muss, damit es in seiner eigenen Evolution weiter vorankommt, sich ständig verändern und den Gegebenheiten anpassen. Wir kennen das vom Grippevirus. Das ist jedes Jahr ein bisschen anders, es verändert sich und passt sich sozusagen an. Das wird bei Corona nicht anders sein. Vielleicht wird es dann auch irgendwann einmal eine Variante geben, die gefährlicher und durch die jetzigen Wirkstoffe nicht zu bekämpfen ist.

Das klingt pessimistisch...

Andererseits sind wir doch auf einem guten Weg. Wir haben mit mehreren Mutanten zu tun und sehen, dass unsere Impfungen wirken. Die Verläufe abmildern, das ist doch schon einmal ein Erfolg. Wenn wir künftig mit Varianten konfrontiert sein sollten, die mit einem anderen Impfstoff besser zu behandeln sind, dann wird auch die Herstellung von Impfstoffen aufgrund der neuen Verfahren, die sich jetzt bewährt haben, schneller vorangehen. Da bin ich ziemlich zuversichtlich.

Gehen Sie davon aus, dass wir uns jetzt jedes Jahr impfen lassen müssen?

Derzeit spricht vieles dafür, dass es so kommt. Dann wird es neue Varianten des Impfstoffs geben, der dann die neuen Varianten des Virus bekämpft.

Das Impfen von Kindern ist aktuell in der Diskussion. Was sagen Sie als Notfallmediziner dazu?

Wir haben Kinder, auch Kinder unter zwölf Jahren, schon mitgeimpft, aber immer bezogen auf das Individuum als Einzelfallentscheidung. Diese Kinder waren krank und hatten besondere Risiken. Die haben von einer Impfung profitiert. Eine Impfung ist eine medizinische Maßnahme, da muss Nutzen und Risiko gegeneinander abgewogen werden. Die Massenimpfung von Kindern halte ich für falsch, nicht aber die sauber indizierte Impfung von Menschen, die ein persönliches Risiko und einen Vorteil von der Impfung haben.

Wie bereitet sich der Wetteraukreis als Schulträger auf den Herbst vor? Bleibt es bei der Devise: Viel Lüften hilft viel?

Hierzu haben wir am 19. Februar 2021 eine ausführliche Pressemitteilung* herausgegeben, die wesentliche Aktivitäten des Landkreises darstellt. Ob weitere Maßnahmen notwendig sind, muss unter Berücksichtigung der pandemischen Entwicklung und in Abstimmung mit dem Land entschieden werden.

*Anmerkung der Redaktion

In der genannten Pressemitteilung »Corona: Schutzmaßnahmen an Schulen« heißt es unter anderem: Regelmäßiges Lüften stellt neben Händewaschen und dem Tragen von Masken weiterhin eine der effektivsten Maßnahmen zum Reduzieren der Ansteckungsgefahr in geschlossenen Räumen dar. Viele Schulen haben die Möglichkeit genutzt, ihre Unterrichtsräume mit CO2-Ampeln auszustatten, die auch nach dem Ende der Pandemie noch genutzt werden können, um sicherzugehen, dass in den Klassenräumen ausreichend gelüftet wird. Alle Unterrichtsräume, in denen kein ausreichender Luftaustausch stattfindet, werden - sofern möglich - baulich ertüchtigt. In den Unterrichtsräumen, die nicht ausreichend gelüftet werden können und für die bauliche Maßnahmen nicht möglich sind, kommen Luftreinigungsgeräte zum Einsatz, die ebenfalls aus dem Sondervermögen »Hessens gute Zukunft sichern« des Landes finanziert werden.

Ist die Fallbehandlung mittlerweile digitalisiert, oder wird jeder Vorgang immer noch lediglich als Papierakte angelegt? Nutzen Sie die Software Sormas?

Unsere Fälle werden elektronisch erfasst und verarbeitet. An Sormas sind wir ebenfalls angebunden.

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