Amtsgericht

Schwerer Fehler beim Rangieren in Gießen: Prozess wegen fahrlässiger Tötung

Auf dem Hof einer Gießener Firma wird im Sommer 2020 ein 30 Jahre alter Mann von einem Sprinter erfasst und verstirbt. Nun wurde dem Fahrer wegen fahrlässiger Tötung der Prozess gemacht.

Manchmal reichen Sekunden, die das Leben für immer verändern. Sekunden, in denen eine Unachtsamkeit folgenschwer sein kann. Am 17. Juni 2020 will ein damals 26 Jahre alter Kurierfahrer bei einem Gießener Pharmaunternehmen Ware abholen. Ein damals 30 Jahre alter Angestellter will helfen - und wird von dem Sprinter angefahren. Dabei erleidet er schwere Verletzungen, an denen er noch am selben Tag verstirbt. Am gestrigen Mittwoch musste sich der Kurierfahrer vor dem Amtsgericht Gießen wegen fahrlässiger Tötung verantworten.

Amtsgericht Gießen: Fünf Jahre Haft oder Geldstrafe

Bei einer fahrlässigen Tötung liegt der Strafrahmen zwischen fünf Jahren Haft und einer Geldstrafe. Es muss sich derjenige verantworten, der betrunken mit Tempo 200 auf der Autobahn das Leben einer Familie auslöscht. Aber auch der, der auf der Landstraße nicht das Fernlicht angeschaltet hat und einen auf der Straße liegenden Menschen übersieht. Oberstaatsanwalt Frank Späth findet in seinem Plädoyer die richtigen Worte, als er sagt: »Der Begriff des tragischen Unglücksfalls ist mir hier zu platt.« Fälle wie dieser seien eine Herausforderung für das Strafrecht. »Es geht um einen unbescholtenen Bürger, der fahrlässig gehandelt hat« - aber kein Verbrecher sei. Auch der Anwalt des Angeklagten, Henner Maaß, gibt zu, dass er lieber vor dem Landgericht Fälle verhandele, in denen die Angeklagten vorsätzlich gehandelt haben. »Da ist man hinterher nicht so ratlos.«

Was am 17. Juni 2020 auf dem Gelände des Pharmaunternehmens geschehen ist, lässt sich größtenteils rekonstruieren. An jenem Tag, erzählen der Kurierfahrer und Zeugen übereinstimmend, habe die Firma eine Großgeräte-Lieferung entgegengenommen. Auf dem Gelände ist viel los; Arbeiter wuseln hin und her. Gegen 14.40 Uhr steuert der Kurierfahrer das Firmengelände an. Er rangiert den Sprinter, um rückwärts Richtung der Laderampe von Tor 1 zu fahren. Beim Zurücksetzen läuft der damals 30 Jahre alte Angestellte des Pharmaunternehmens neben dem Auto her und weist den Fahrer ein.

Wie üblich hält der Kurierfahrer kurz vorher an und geht durch das Fahrzeug zu den Hintertüren, um diese zu öffnen. Anschließend will er seine Fahrt exakt bis vor die Laderampe fortsetzen. »Während ich im Laderaum war, habe ich von draußen einen Schrei gehört und ein leichtes Auftreffen auf ein Hindernis gespürt«, erzählt er. Er sei wieder in die Fahrerkabine geeilt, sei ein Stück nach vorne gefahren - und habe auf dem Boden vor der Laderampe einen nach Luft schnappenden Mann gesehen - den Einweiser.

Ein 45 Jahre alter Lagerist ist Augenzeuge des Unfalls. Er erzählt, sein von ihm geschätzter und hilfsbereiter Kollege habe wohl wegen des Trubels auf dem Gelände die Übergabe der für das Kurierfahrzeug gedachten Ware beschleunigen und diese dem Fahrer direkt übergeben wollen. »Ich sagte ihm, er soll von der Laderampe weggehen, weil das Auto gleich rückwärts fahren wird. Er sagte aber, wir würden das schon schaffen.« Der Lagerist erzählt mit Tränen in den Augen, wie er dann den langsam zurückrollenden Sprinter wahrgenommen und nur noch geschrieen habe. Dem Arbeitskollegen sei nicht einmal Zeit geblieben, sich zum auf ihn zukommenden Fahrzeug umzudrehen. »Dann hat das Auto ihn zusammengedrückt.« Die Rechtsmedizin gibt als Todesursache einen akuten Blutverlust bei zweifacher Beschädigung der Herzkammer infolge eines Brustkorbtraumas an.

Amtsgericht Gießen: Verzicht auf Rechtsmittel

Warum sich der Sprinter in Bewegung gesetzt hat, kann der Kurierfahrer nicht erklären - weder der Polizei vor Ort, noch dem Gericht unter dem Vorsitz von Richter Christoph Keller. Oberstaatsanwalt Späth erklärt sich den Umstand damit, dass der Angeklagte den Motor habe laufenlassen und gleichzeitig die Handbremse nicht (ausreichend) angezogen sowie bei dem Automatikfahrzeug die Parktaste nicht eingestellt habe. So sei das Auto auf leicht abschüssiger Strecke ins Rollen geraten. Diese Einschätzung wird im Gutachten des Unfallsachverständigen geteilt.

Auch deshalb sieht Richter Keller den Tatbestand der fahrlässigen Tötung als erfüllt an. Bei der Frage der zu verhängenden Strafe sind sich Staatsanwaltschaft, die den Vater vertretende Nebenklage, Rechtsanwalt Maaß und das Gericht einig: Eine Freiheitsstrafe soll es nicht sein. Das Gericht verwarnt den Angeklagten, der nun in Dresden lebt und dort seine Doktorarbeit in Materialwissenschaften schreibt. Stattdessen muss er 3000 Euro an den Elternverein für leukämie- und krebskranke Kinder in Gießen zahlen.

Weil alle Parteien auf Rechtsmittel verzichten, ist das Urteil rechtskräftig. Nach der Urteilsbegründung verlässt der Vater des Verstorbenen zügig den Gerichtsaal. Der um Kontrolle ringende Angeklagte wirkt das erste Mal erleichtert. Aber nur ein wenig. Kurz zuvor hat Oberstaatsanwalt Späth auch hier den richtigen Ton getroffen: »Für die Beteiligten hatte der Unfall die schlimmsten Folgen. Sanktionen werden das Leid aller Opfer nicht mildern. Denn die Schmerzen bleiben.«

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