Ein schreckliches Bild bietet sich einer Spaziergängerin, die an der Usa mehrere tote Igel findet.
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Ein schreckliches Bild bietet sich einer Spaziergängerin, die an der Usa mehrere tote Igel findet.

Bild des Schreckens

Wetterau: Tierquäler schlagen wieder zu - „Was hier abgeht, sprengt jeden Rahmen“

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  • Christoph Agel
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  • Jürgen Wagner
    Jürgen Wagner
  • Annette Hausmanns

Ein grausiger Fund in Ober-Mörlen versetzt Tierfreunde in Schockstarre: Fünf tote Igel, verpackt in Plastiktüten. Dann kommen weitere acht tote Igel hinzu, die in der Nähe des Schlosses in der Usa trieben. Nun wurden 13 Tiere in Friedberg angekokelt.

Update, 25.09.20, 16.46 Uhr: Die insgesamt 13 toten Igel auf den Friedhof-Parkplatz und in der Usa in Ober-Mörlen bleiben weiter ein Rätsel. Wer hat den Tieren das angetan? Wie die Wetterauer Polizei mitteilt, wird derzeit gegen Unbekannt ermittelt. »Mehrere Kadaver befinden sich zur Untersuchung bei einem Veterinäramt. Die Boxen werden hinsichtlich möglicher Spuren untersucht.« Laut Polizeisprecher Tobias Kremp ist mit einem Ergebnis der Untersuchung der toten Igel in rund vier Wochen zu rechnen. 

Bei Igel Jemma erkennt man die verkokelte linke Vorderpfote.

Wie nun herauskam, gibt es auch Fälle von Tierquälerei in der Nähe der Friedberger Henry-Benrath-Schule. Konkret gehe es um 13 Igel, die angekokelt worden seien, sagt Kremp. Diese Vorfälle hätten sich im Zeitraum 22. August bis 20. September ereignet, Jutta Knierim-Haustein, Vorsitzende des Vereins »Igelmama«, spricht sogar vom ersten Fall im Juni. »Was hier abgeht, sprengt jeden Rahmen.« 

Die Tiere seien an Kopf und Po angekokelt worden. »Bei zweien war Benzingeruch drunter«, sagt Knieriem-Haustein. Fast alle Tiere hätten die Quälerei überlebt, ein Igel sei bereits ausgewildert worden. Ein anderer hat es aber leider nicht geschafft. Er war angezündet worden, ist letztendlich an inneren Verletzungen gestorben. Die Igel-Expertin vermutet, weil mit ihm »Fußball gespielt« wurde. Wahrscheinlich sind auch vier Igel-Babys verendet, denn bei einem malträtierten Igel-Weibchen wurden vier Zitzen entdeckt, an denen kleine Igel gesäugt hatten. Doch von den Tierchen fehlt jede Spur. Die Igel-Freundin vermutet, dass das Nest der Igel-Mutter an gezündet worden ist. »Sie kam raus, die Babys nicht.« Eine andere Igel-Dame hockt traumatisiert in der Igel-Pflegestation, ist völlig apathisch, seit drei Tagen frisst sie wenigstens was. 

Tierquäler in der Wetterau: Ähnliche Fälle in der Vergangenheit

Neben angesengten Stacheln und weiteren verkohlten Stellen an den Körpern gibt es auch im Kot Hinweise auf die Tierquälerei: Darin befand sich verbranntes Gras. »Wie kommt das in den Igel rein? Also freiwillig frisst er es nicht«, sagt Knieriem-Haustein.  Sie führt die schlimmen Vorfälle auf Feiern am Wochenende nahe der Benrath-Schule zurück, bei denen auch Feuer gemacht würden. Ob zwischen den Friedberger und den Ober-Mörler Quälereien ein Zusammenhang besteht, kann die Polizei derzeit nicht sagen. Auffällig ist die zeitliche Nähe schon. In der jüngeren Vergangenheit hat es allerdings einige ähnlich gelagerte Fälle in Friedberg gegeben. Knieriem-Haustein erinnert daran, dass im vergangenen Jahr nahe der Kinderfarm Jimbala Tauben, Katzen und Igel gequält worden seien. In Usa-Nähe habe jemand Igel getreten und geschlagen. »Es kann immer mal ein Igel abstürzen, aber in Serie stürzen sie nicht ab«, sagt die Expertin und schließt damit eine solche Ursache für die Verletzungen aus. Vor zwei Jahren seien auf dem Friedhof in der Friedberger Kernstadt Igel, Turmfalke, Feldhasen, Tauben und Kätzchen gequält worden.

Zu den jüngsten Fällen in Ober-Mörlen und Friedberg bittet die Polizei um Hinweise unter den Telefonnummern 0 60 33/7 04 30 oder 0 60 31/60 10. Der Verein »Igelmama« freut sich über Spenden auf folgendes Konto: IBAN: DE07 5139 0000 0066 5111 03, BIC: VBMHDE5F (Volksbank Mittelhessen eG), Kontoinhaber: IGELMAMA e.V.​

Erneut schrecklicher Fund in der Wetterau: „So etwas habe ich noch nicht erlebt“

Update, 22.09.20, 15.30 Uhr: Mecki und seine Freunde« hieß früher eine Zeichentrickserie über einen pfiffigen Igel, der allerhand Abenteuer erlebt. Heute müsste man wohl eine Folge »Mecki und seine Feinde« drehen. Auch wenn nicht klar ist, was manche Leute offenbar gegen die stachligen Tierchen haben. Schon wieder wurden in Ober-Mörlen tote Igel gefunden. »Igelvadder« Otto Luzius, der sofort verständigt wurde, ist schockiert. Seit elf Jahren kümmert er sich ehrenamtlich um kranke oder mutterlose Igel, hat schon so manches Leid gesehen. »Aber so etwas habe ich noch nicht erlebt.«

Der Tag habe eigentlich sehr gut begonnen, berichtet Luzius. Am Morgen versuchte er, eines seiner Zöglinge, ein 71 Gramm großes Igelbaby aus einem Fünferwurf, zu füttern. Es klappte. Der Igel stürzte sich hungrig auf den Napf mit Katzenfutter. Dann ging das Telefon und der Tag war gar nicht mehr schön für den Bad Nauheimer »Igelvadder«.

Hinterbeinchen eines Igels mit Geschenkband zusammengebunden

Es war ein Bild des Schreckens: Acht tote Igel wurden am Dienstagmorgen in der Usa in Höhe der Ober-Mörler Schlossmauer gefunden. Sie lagen am Ufer, waren teils abgetrieben, ein Tier lag in einem Plastikkasten mit Deckel, erzählt Luzius. Drei der Tiere seien ausgewachsene Igel gewesen, zwischen 1,6 und 1,8 Kilo schwer, zwei Weibchen und ein Männchen. »Ganz brutal war, dass einem der mittelgroßen Igel, der wohl rund 800 bis 900 Gramm schwer war, die Hinterbeinchen mit Geschenkband aus Kunststoff zusammengebunden wurden.« Wer macht so etwas? Luzius kann sich keinen Reim darauf machen. Unklar ist auch, ob es einen Zusammenhang mit den in der letzten Woche aufgefundenen toten Igeln gibt.

Einem der Tiere wurden die Hinterbeine zusammengebunden.

Diese Igel wurden, wie berichtet, auf dem Parkplatz des Ober-Mörler Friedhofs gefunden, ein Stück weit weg vom aktuellen Fundort. Außerdem steckten die fünf toten Igel vom Friedhof in Plastikbeuteln, die wiederum in einer großen Plastiktüte und in einem Eimer lagen. »Ob die dort drin gestorben sind oder tot reingestopft wurde, wissen wir nicht«, sagt Luzius.

Wurden die Tiere gezielt gejagt?

Im neuerlich Fall war eine Spaziergängerin mit Hund auf die toten Igel gestoßen und hatte die Gemeindeverwaltung verständigt. Der Hund blieb auf dem Weg entlang der Schlossmauer stehen, witterte etwas, zog seine Halterin runter zum Flussbett. Dort lagen die Tiere dann, rochen stark, waren schon teils verwest. »Das muss in den letzten Tagen geschehen sein«, sagt der Igel-Experte. Ein großer schwarzer Plastikkübel lag in der Nähe, aus diesem seien die Igel wohl herausgekrochen. Einige kamen in die Strömung, wurden rund 20 Meter weit abgetrieben. »Es könnte sein, dass weitere tote Igel dort gefunden werden.« Wurden die Tiere gezielt gejagt?

Den Grund für diese schreckliche Tat kann sich Luzius nicht erklären. »Igel machen doch nichts!« Er hat schon oft erlebt, dass sich Leute gestört fühlen durch Igel. Aber da gehe es um ein oder vielleicht zwei Exemplare. »So viele Tiere, wie hier gefunden wurden, zeigt, dass gezielt nach ihnen gesucht wurde.« Vielleicht in den Kleingärten in der Nähe oder in dem kleinen, angrenzenden Park. Für eine gezielte Suche nach den Tieren spricht auch, dass einem der Igel die Hinterbeine zusammengebunden wurden. Möglich sei aber auch, dass irgendjemand die Igel pflegen wollte und dies schiefgegangen sei, mutmaßt Luzius. »In unserer Auffangstation sterben auch Tiere, das kommt vor. Aber gleich so viele in relativ gutem Zustand? Und dann die acht weiteren Tiere?« Das passt nicht zusammen, ist der Igel-Experte ratlos.

Zwei Mitarbeiter des Ordnungsamtes von Ober-Mörlen waren vor Ort. Sie wollten eine Anzeige bei der Polizei erstatten und die toten Tiere dort abgeben, damit in Gießen in der Veterinärmedizin der Uniklinik die Todesursache untersucht wird.

Schrecklicher Fund in der Wetterau: „Was ist hier passiert?!“

Erstmeldung, 21.09.20, 10.59 Uhr: Auf ihren regelmäßigen Touren durch die Ober-Mörler Gemarkung hat Cornelia Klinger schon viel erlebt, seit sie im Gemeindeauftrag nicht nur auf dem Häckselplatz, sondern auch in Feld und Flur für Ordnung sorgt. Der Fund vom vergangenen Dienstag sprengt aber alle ethischen Grenzen. Auf dem Parkplatz nahe dem Friedhof stößt sie auf einen Eimer und eine Plastiktüte, der strenge Geruch lässt Böses ahnen. Sie findet fünf stattliche Igel, alle tot und in Plastiktüten gepackt, aber nicht offensichtlich verletzt. Blutspuren kann Klinger nicht zweifelsfrei deuten. »Die Igel waren ausgewachsen und machten einen wohlgenährten Eindruck«, berichtet sie. Sie habe die Tiere vorsichtig ausgepackt und dann im Erdreich begraben.

Nach der Entdeckung der fünf toten und in Plastiktüten eingepackten Igel auf dem Parkplatz am Friedhof werden die Tiere näher unter die Lupe genommen.

»Was ist hier passiert?«, fragt sich auch »Igelvadder« Otto Luzius aus Bad Nauheim, mit dem Klinger sogleich Kontakt aufgenommen hat. Wollte hier jemand helfen, und die Hilfe ist schief gegangen? Oder handelt es sich möglicherweise um einen Igelhasser, der die ausgewachsenen Tiere getötet hat? Denkbar ist beides, die Ursache aber vermutlich nicht zu klären.

Gefahr durch Schnecken

»Igel stehen unter Artenschutz«, unterstreicht Luzius. Niemand dürfe einen Igel aus der Natur nehmen, geschweige denn töten. Wer einen hilfsbedürftigen Igel finde, möge Kontakt mit einem igelkundigen Tierarzt aufnehmen, mit einer Igelstation oder auch mit dem »Igelvadder«. Er könne auf jeden Fall beraten oder auch betroffene Igel aufnehmen, sagt Luzius und berichtet von zahllosen kranken oder unterernährten Igeln, denen er schon hat helfen können. »Aber nicht alle kommen durch«, räumt er ein. Die verstorbenen Igel würden auf einem kleinen Waldfriedhof begraben oder zur Entsorgung nach Gießen gebracht.

Die vergangenen drei trockenen Jahre machten den Igeln schwer zu schaffen, weiß der Experte. Ebenso eine immer aufgeräumtere Natur. Die Nahrung für die stacheligen Tiere werde knapp, am Boden gebe es immer weniger Insekten. Besonders im Spätsommer und im Herbst, wenn die Igel unterwegs seien, um sich erst zu paaren und dann Fettreserven für die Wintermonate anzufressen, werde es eng. In ihrer Verzweiflung setzten Igel auch Schnecken auf den Speiseplan - ein fataler Fehler, brächten die Schnecken doch Parasiten und Tod mit. Abgemagerte Tiere erkrankten schneller, Fliegen merkten das und legten auf die schwachen Igel Eier ab, Maden schlüpften und fräßen die Igel regelrecht auf.

Rat vom Experten, Spenden für Igel

»Igel haben gute Nasen«, erzählt Otto Luzius von Igelstraßen, auf denen dann zwischen Dämmerung und Morgengrauen zahlreiche Tiere auf ihren hohen Beinchen unterwegs seien. Stutzig machen sollten Igel, die abgemagert aussehen oder tagsüber umherlaufen. Wer bei der Nahrungsaufnahme helfen möchte, könne unter schützenden Kisten Katzenfutter bereitstellen oder ungewürztes Rührei. »Das Eiweiß spendet sofort Energie.« Frisches Wasser sei immer gefragt. »Auf keinen Fall Milch«, warnt der Igel-Freund. »Igel sind Laktose-intolerant und bekämen Durchfall.« Auch Obst, Gemüse, Nüsse, Sonnenblumenkerne oder Getreide seien tabu. »Deshalb bitte kein spezielles Igel-Trockenfutter füttern«, sagt Luzius. Das mache zwar satt, sei für den Igel aber nicht verdaulich, und er verhungere auf die Dauer. »Besser hochwertiges Katzenfutter ohne Sauce und Zucker.« Sogar für Menschen, deren Fußmatte vorm Haus ausgerechnet an einer Igelstraße liegt und regelmäßig mit Häufchen verschmutzt wird, weiß der »Igelvadder« Rat: »Matte wegnehmen oder gegen eine neue tauschen.« Dann sei die Duftmarke weg und in der Folge auch der schnüffelnde Igel. Umgekehrt könne man Igeln für den Winterschlaf einen Platz in Form von Reisig- oder Blätterhaufen anbieten.

Wer Rat braucht, kann sich mit Otto Luzius am Igel-Nottelefon unter der Nummer 01 76/54 87 29 47 in Verbindung setzen oder eine E-Mail an igelvadder@gmx.de schreiben. Und: Igelhilfe kostet Geld, jeder Euro hilft. Das Spendenkonto von Otto Luzius unter dem Stichwort »Igelhilfe« erreicht man bei der Volksbank Mittelhessen, IBAN DE72 5139 0000 0090 1465 05.

Bis zu 50 000 Euro Strafe

Der Igel genießt den gesetzlichen Schutz seiner Art und steht unter dem Zugriffsverbot, was bedeutet, dass das Säugetier nicht gefangen, verletzt oder gar getötet werden darf. Jedes Bundesland legt dafür eigene Bußgelder in mindestens vierstelliger Höhe fest. In Hessen beträgt das Bußgeld bis zu 50 000 Euro für das Fangen, Verletzen, Töten von Igeln sowie für die Beschädigung oder Zerstörung der Fortpflanzungs- oder Ruhestätten. Das Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) bestimmt jedoch Ausnahmen. Die Vorschriften erlauben, hilfsbedürftige Igel sachgemäß aufzuziehen beziehungsweise gesund zu pflegen. Ziel jeder Igelhilfe muss es sein, die Tiere so bald wie möglich wieder gesund in die Freiheit zu entlassen (vergleiche Paragraf 43 Absatz 6 des Bundesnaturschutzgesetzes). hau

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