Janine Dauterich an ihrem Arbeitsplatz. Die Ostheimerin arbeitet als Editorin in Berlin. Ihre Aufgabe ist es, Filme zu schneiden. FOTO: PRIVAT

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Der Schnitt muss passen

Janine Dauterich aus Ostheim hat ihre Filmleidenschaft an der Karl-Rehbein-Schule in Hanau entdeckt. Ihre Arbeit ist nun mit dem Deutschen Kamerapreis 2020 gewürdigt worden. Den Preis hat sie für den Schnitt des Dokumentarfilms »Beethovens Neunte - Symphonie für die Welt« gewonnen. Heute kommt sie nach Nidderau, um sich ins Goldene Buch der Stadt einzutragen.

E ine Frau geht eine Straße entlang - in völliger Stille. Und als sie auf ihren Freund trifft, sind plötzlich alle Umgebungsgeräusche wieder da. Es sind harte Tonschnitte in Filmen wie »Eine Frau ist eine Frau« von Jean-Luc Godard, die es der Nidderauerin Janine Dauterich angetan haben. »Geht es Ihnen nicht auch oft so«, fragt sie, »dass Sie beim Gehen oder Fahren über etwas nachdenken und das Gehirn filtert alles andere weg?«

Technische Kniffe, wie diese, die es erlauben, in den Kopf einer Figur zu schauen, zu erleben, was sie durchmacht, findet sie besonders spannend. Und mit diesen Kniffen kennt sie sich besonders gut aus.

Dauterich arbeitet als freiberufliche Editorin und hat vor Kurzem den Deutschen Kamerapreis gewonnen - für den Schnitt des Dokumentarfilms »Beethovens Neunte - Symphonie für die Welt«. Dafür hat sie über fünf Monate hinweg 200 bis 400 Stunden Rohmaterial gesichtet, das ihr Regisseur Christian Berger mitgebracht hat. Der ist um die Welt gereist, um anlässlich des 250. Geburtstags des Komponisten Ludwig van Beethoven zu zeigen, wie beliebt dessen 9. Symphonie ist, die nicht nur als »Ode an die Freude« und Europa-Hymne bekannt ist, sondern auch unterschiedlich interpretiert wird.

Ihre Begeisterung für den Film entdeckte Janine Dauterich bereits in der fünften Klasse. In der Film-AG ihres Deutschlehrers Hans-Dieter Becker an der Karl-Rehbein-Schule. Im Unterricht hatte Becker der Klasse »Casablanca« Einstellung für Einstellung gezeigt. »Damals hat er bei jedem Schnitt auf ›Pause‹ gedrückt, und wir haben lange über den Film gesprochen«, erinnert sie sich.

Bilder im Film ideal anordnen

Dann durften sie in Gruppen kleine Kurzfilme drehen. »Mir hat das so viel Spaß gemacht, dass ich bis zum Abi in der Film-AG geblieben bin.« Damals hatte sie mit dem Beruf der Regisseurin geliebäugelt. Doch durch ein Praktikum bei einem regionalen Fernsehsender in Aschaffenburg hat sich das Interesse verschoben, hier hat sie bei Dreharbeiten die Tonangel gehalten, war beim Aufzeichnen einer Sendung in der Studioregie dabei und saß mit im Schnitt. »Und beim Schnitt bin ich dann hängen geblieben«, sagt sie.

Die Regisseure sitzen im Schnitt oft neben ihr, und sie überlegen gemeinsam, wie das Drehmaterial angeordnet werden kann. Oft sitzt sie jedoch auch alleine bis tief in die Nacht am PC, ordnet einzelne Szenen an, arrangiert diese neu und überlegt, wie die erzielte Wirkung am besten zur Geltung kommt. »Damit nehme ich auch viel Einfluss auf den Film und habe einige Freiheiten«, sagt sie. »Es gibt gerade bei Dokumentarfilmen unendlich viele Möglichkeiten die Szenen und Bilder zu arrangieren. Es ist unglaublich spannend, was dabei entstehen kann.« Bis am Ende alles stimmt, hängt sie sich voll rein.

Dabei investiert die 41-Jährige oft auch Wochenenden und Feiertage in die Arbeit. Und obwohl sie so viel mit dem Bewegtbildmaterial arbeitet, geht sie gern mit ihren Freunden ins Kino. Das sei immer ein willkommener Ausgleich und die beste Inspirationsquelle für die eigene A rbeit.

Neben Dokumentarfilmen schneidet sie auch Kunst-, Musik-, Tanz-, Spielfilme und Fernsehbeiträge. Das Handwerk hat sie sich zunächst über Praktika und die Arbeit bei einer Postproduktionsfirma für Werbefilme angeeignet. »Mir war aber immer klar, dass ich mein Wissen mit einem Studium theoretisch unterfüttern wollte«, sagt Dauterich. Daher absolvierte sie das Montage-Studium an der Hochschule für Film und Fernsehen »Konrad Wolf« in Potsdam-Babelsberg. Seit einigen Jahren gibt sie ihr Wissen auch international als Gastdozentin an Hochschulen in Workshops an Studenten weiter. So hat sie beispielsweise schon an der University of Gastronomic Science in Pollenzo/Italien, der Norwegian Film School in Lillehammer und der Fachhochschule in Potsdam unterrichtet.

Für ihr Studium ist Dauterich nach Berlin gezogen, wo sie auch heute noch wohnt. Nach Ostheim kommt sie dennoch immer wieder gerne zurück, um Freunde und die Familie zu besuchen. Dauterich ist hier mit ihren fünf Geschwistern aufgewachsen.

»Meine Eltern kommen sehr gerne zu Filmpremieren und genießen es, dabei zu sein«, erzählt sie. Als Jugendliche ist Dauterich mit ihren Eltern zu den Premieren ihrer Tante Katharine Mehrling gegangen, die sich als Musical-Star einen Namen gemacht hat. Die große Bühne hat Dauterich, die als Kind Ballett getanzt hat, selbst nicht gereizt. Das Ballett, aber auch die Musikkneipe der Großeltern, die »Tenne« in Ostheim, haben in ihr die Begeisterung für Musik und Tanz geweckt. Das Schöne am Film sei wie bei der Musik die Gemeinschaftsleistung. »Ich finde es spannend, mich intensiv mit den Themen zu beschäftigen und bekomme interessante Einblicke in das Leben vieler Menschen. Das wird nie langweilig.«

Nächstes Jahr wird Janine Dauterich als Jury-Mitglied bei dem Hanauer Jugendfilmfestival »Jung und abgedreht« dabei sein. Heute steht aber erstmal ein anderes Ereignis in ihrer alten Heimat bevor: Dann trägt sie sich ins Gol dene Buch der Stadt Nidderau ein.

Janine Dauterich gehört in diesem Jahr zu den Preisträgern des Deutschen Kamerapreises. Den Film »Beethovens Neunte - Symphonie für die Welt« lobte die Jury für den Schnitt. Der eineinhalbstündige Dokumentarfilm zum 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven ist in der Arte-Mediathek zu finden. pv

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