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Zum Team gehören neben Gerd Waas (l.) unter anderem auch (v. l.) sein Nachfolger Nils Tolksdorf, Manuel Mehling und Robin Stoppel.

Ruhestand

Schluss mit Schaffen: Reichelsheims Bauhofleiter geht in Rente

  • Dagmar Bertram
    VonDagmar Bertram
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Am 1. September 1985 war sein erster Arbeitstag bei der Stadt Reichelsheim. Als Waldarbeiter wurde Gerd Waas angestellt. Nun, 36 Jahre später, geht er als Bauhofleiter in den Ruhestand.

Als Gerd Waas im Herbst 2010 stellvertretender Bauhofleiter der Stadt Reichelsheim wurde und zwei Jahre später dessen Leiter, war er der einzige, der das »kurios« fand. Alle anderen waren sich einig: Wer, wenn nicht er? Nun heißt es Abschied nehmen. Statt Rasen, Rohre und Radlader ist jetzt Ruhestand angesagt.

Sein Team besteht aus zehn Mitarbeitern und ist für die vielfältigsten Aufgaben im ganzen Stadtgebiet verantwortlich. Wasserwirtschaft, Landschaftspflege, Werkstatt und alles andere wie Straßen- und Gebäudeunterhaltung sind die vier Oberbegriffe. Konkret fallen darunter auch: Geräte auf den Spielplätzen kontrollieren, Gräber für Beerdigungen ausheben, Schilder aufstellen, Winterdienst übernehmen und Geräte warten.

Zwar sind im Team mehrere Berufsgruppen wie Dachdecker, Maurer, Weißbinder und Tiefbauer vertreten. Aber grundsätzlich gilt: »Wir rotieren wie Bayern München«, sagt Gerd Waas und lacht.

Mehr Zeit für die Bienen und die Jagd

Aufgewachsen in Dauernheim, hat Waas zunächst auf dem landwirtschaftlichen Hof seiner Eltern mitgearbeitet. Es folgten fünf Jahre in der Frachtannahme der Frankfurter Flughafen AG und ein »Reinfall« bei der Deutschen Bundesbahn, wie er sagt, bis er 1985 bei der Stadt Reichelsheim anfing.

In Blofeld lebte Waas zu diesem Zeitpunkt schon sieben Jahre. Im Nachbarort seiner Heimatgemeinde gründete er mit seiner Frau Karin eine Familie. Neben der Tochter und dem Sohn gehört inzwischen auch ein Enkelsohn dazu.

Als Waldarbeiter hieß es in den 80er Jahren: Holzfällen im Akkord. Das Grundgehalt wurde je nach geschafften Festmetern aufgestockt. Nach dem Orkan Wiebke, der vom 28. Februar auf den 1. März 1990 über Deutschland wütete, wurde ein fixer Monatslohn eingeführt - zu hoch war die Unfallgefahr für die Männer.

Neben seiner täglichen Arbeit im Wald bildete Waas sich weiter und schloss im Sommer 1994 die Ausbildung zum Forstwirt ab. Als sich die Holzwirtschaft allmählich änderte und es weniger Einschlag gab, wurde er zunächst zeitweise für spezielle Aufgaben im Bauhof eingesetzt. »Erst 14 Tage, später sechs Wochen, dann ein halbes Jahr«, erinnert sich Waas. Schließlich arbeitete er durchgehend dort.

»Ich bin immer gern auf den Bauhof gekommen«, erzählt Waas - nicht erst, seit er Führungsverantwortung übernommen hat. »Ich habe morgens immer auf- und nach der Arbeit wieder abgeschlossen, das ging gar nicht anders.«

Die Beförderung zum Vize-Bauhofleiter kam überraschend - zumindest für ihn. »Das war kurios«, sagt Waas, der sein Fachwissen womöglich als unzureichend einschätzte. Die Verantwortlichen in der Stadtverwaltung waren allerdings der Meinung: Es kommt auf die menschlichen Qualitäten an, auf die Fähigkeit, Menschen zu führen und zu begeistern - und das kann der 64-Jährige.

Holzfällen im Akkord

Was er ebenso gut kann: ausgleichen, vermitteln, und das auf ruhige, angenehme Art. Das ist als Chef des Bauhofs nicht nur bei der eigenen Mannschaft gefragt, sondern vor allem auch im Umgang mit der Politik und der Bevölkerung: Hier wackelt ein Kanaldeckel, dort liegt Müll, der Strauch wächst zu weit auf den Gehweg - solche Beschwerden landen erst einmal bei Waas. Und weil er seinen Job gut macht, bekommt außer ihm und seinen Mitarbeitern kaum jemand davon mit. Wäre das anders, würden sich die Beschwerden in der Verwaltung häufen. Tun sie aber nicht. Keinesfalls will Waas das Lob jedoch nur für sich annehmen: »Meine Kollegen haben es mir leicht gemacht«, betont der 64-Jährige.

Manchmal muss er Beleidigungen von Fremden ertragen, selten wird er von Bekannten auf dem Sportplatz auf Probleme angesprochen. »Aber das stört mich nicht.«

Ob er all das vermissen wird? Bestimmt, »aber ich bin ja nicht aus der Welt, ich werde mich schon mal aufs Rad setzen und die Kollegen besuchen«. Was den Abschied einfacher macht: Seine Frau Karin geht zeitgleich in Rente. Mit ihrem Wohnwagen wollen sie Urlaub in Deutschland machen, den Sohn in Flensburg besuchen, vielleicht auch mal an die Donau fahren. Fernreisen wie früher nach Südafrika oder Nepal müssen es nicht mehr sein.

Und dann hat Gerd Waas noch seine Bienen. Zu denen war er einst zufällig gekommen, weil er zurückgelassene Imkerkästen im Wald gefunden hatte - mit einem intakten Bienenvolk darin. Überhaupt der Wald: Dort wird er auch im Ruhestand anzutreffen sein, denn seit eineinhalb Jahren hat er die Jagdpacht im Reichelsheimer Wald übernommen. Was sonst noch ansteht, wird sich zeigen. »Ich bin nicht verplant.«

Nils Tolksdorf wird Nachfolger

Wenn Gerd Waas am kommenden Dienstag in den Ruhestand geht, steht sein Nachfolger bereits fest: Nils Tolksdorf wird diese Aufgabe übernehmen. »Er macht jetzt schon alles prima selbstständig«, lobt Waas während der Einarbeitungszeit. »Aber wenn Fragen auftauchen, kann er mich natürlich anrufen.« An einen anderen Umgangston wird sich das Team vermutlich nicht gewöhnen müssen: »Nils ist menschlich ähnlich wie ich«, sagt Waas. Die Kollegen sehen das auch so: »Ihr beiden, Ihr seid wie siamesische Zwillinge.«

»Ich bin immer gern auf den Bauhof gekommen«, sagt der 64-Jährige. »Ich habe morgens immer auf- und nach der Arbeit wieder abgeschlossen.«
Nächste Woche wird den Lkw jemand anders fahren: Bauhofleiter Gerd Waas geht in Rente.

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