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Schinkenbrot auf Buchpapier

  • VonPetra Ihm-Fahle
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Wer ein Buch herausbringen will, träumt insgeheim oft vom Bestseller. Dass das Büchermachen vor allem ein Lebensgefühl ist, will Beatrix van Ooyen vor und bei der Ernst-Ludwig-Buchmesse in Bad Nauheim vermitteln. Zu Beginn stehen Kurse: »Biografien schreiben« mit Autorin Uli Aechtner, und Buchbinden mit Alan Twitchell. Sie wissen, wie man ein ganzes Leben erzählt.

Liegt Kaffeeduft in der Luft und klirrt Kuchengeschirr, kann dies für Schriftsteller inspirierend sein. Beatrix van Ooyen weiß das: Daher hat sie ins Café Müller am Aliceplatz in Bad Nauheim eingeladen, um ein neues Projekt im Vorfeld der Ernst-Ludwig-Buchmesse zu präsentieren. Diese ist für Samstag, 4. April, und Sonntag, 5. April 2020, im Max-Planck-Institut terminiert. Mit ihr am Tisch sitzen Autorin Uli Aechtner aus Bad Vilbel-Dortelweil und Künstler Alan Twitchell aus Niddatal-Assenheim. Aechtner gibt bald einen Biografien-Workshop im Café Müller, Twitchell wird bei der Messe in zwei Kursen die Kunst des Buchbindens vermitteln.

»Die Idee der nächsten Ernst-Ludwig-Buchmesse ist es, die Wertschätzung für das Buch und das Schreiben zu steigern«, sagt van Ooyen. »Die Absatzzahlen gehen zurück, auf der anderen Seite besteht ein hohes Bedürfnis, sich mitzuteilen. Das sieht man in den sozialen Medien - dies ist aber sehr flüchtig.« In Familien komme es immer wieder vor, dass Geschichten ausgetauscht werden und plötzlich jemand sagt: »Schreib doch mal ein Buch.« Manchmal laute die Antwort: »Ich habe schon angefangen, aber es liegt seit 30 Jahren in der Schublade.«

Über die Truthahnlinie

An dieser Stelle greift das Projekt, mit dem Ziel, ein eigenes Buch herzustellen. »Die wenigsten Menschen haben eine Vorstellung davon, welche Teilschritte nötig sind«, sagt van Ooyen. Schreiben, Korrigieren, Lektorieren, Illustrieren, Layouten, Drucken und Binden gehören dazu. »Den Aufwand kann jeder selbst bestimmen. In jedem Fall ist ein selbst gemachtes Buch ein individuelles Geschenk.« Für den Beginn des roten Fadens konnte van Ooyen Profi-Autorin Uli Aechtner gewinnen, die schon Biografie-Workshops geleitet hat. Weitere Kontakte will die Bad Nauheimerin unverbindlich vermitteln, falls jemand seinen Text veröffentlichen möchte.

»Anders als beim Krimi oder Roman, wo es vielen darum geht, ein erfolgreiches Buch zu verfassen, wollen die Menschen beim Biografien-Schreiben ihre Erinnerungen weitergeben«, sagt Aechtner. Die Frage sei: »Wie erzähle ich ein ganzes Leben?« Zu lernen, nicht am Detail festzuhängen, sei dabei bedeutsam. »Man muss überlegen, was wichtig ist und worauf ich den Schwerpunkt lege.« Ein weiterer Punkt ist die Struktur. Beispiel sei der Film »Hannah und ihre Schwestern«, in dem Woody Allen eine Familiengeschichte ausschließlich über das Stilmittel Thanksgiving-Feste erzählt. »Es geht immer über die Truthahnlinie«, lacht Aechtner. Natürlich lasse sich eine Biografie auch anhand von Schinkenbroten schildern. ›Mit wem aß ich dieses Schinkenbrot? Was erlebte ich nach jenem Schinkenbrot?‹«, regt die Autorin an. Werde es zu persönlich, könne sie Tipps zur Verschleierung geben. Und auch den Leistungsdruck, unbedingt vielfach gelesen zu werden, will sie nehmen. Mit dem Ort des Workshops, dem Café Müller, wollen van Ooyen und Aechtner eine Tradition aufgreifen. Denn auch Sartre, Beauvoir und viele andere Dichter schrieben gern im Café - mit der Hand. An dieser Stelle kommt Dramaturg Alan Twitchell ins Spiel, der bei der Ernst-Ludwig-Buchmesse Kurse im Buchbinden anbietet. Autoren können dort unter seiner Anleitung ihre Geschichte binden. »So wie es ein anderes Schreiben mit der Hand als auf dem PC ist, ist es ein Unterschied, ob man ein Buch oder auf dem E-Book-Reader liest«, sagt Twitchell. Ein selbst gebundenes Werk sei etwas Kostbares. »Der Kurs ist niederschwellig, im Grunde ist es ein einfaches Verfahren. Man braucht Papier, Nadel und Faden, und los geht es«, sagt Twitchell. Wer einen Text mitbringt, kann sich gemeinsam mit ihm anschauen, welche Form von Heft oder Buch entstehen soll. Und selbst, wenn das Manuskript 1000 Seiten umfasst: »Ich kann Grundlagen vermitteln, dass die Person es bei der Buchmesse lernt und das Buch zu Hause weiterbinden kann.«

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