Dieses US-amerikanische 

Plakat warnte unter anderem vor Ausspucken.
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Dieses US-amerikanische Plakat warnte unter anderem vor Ausspucken.

Schauergeschichten und Verschwörungstheorien

  • vonGerhard Kollmer
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Wetteraukreis. Unkenntnis der wahren Ursachen, Angst, Panik und andere massenpsychologische Folgen der Pandemie-Krise führen zur Entstehung von Schauergeschichten und Verschwörungstheorien, die nicht selten von der Boulevardpresse angeheizt werden. So auch bei der »Spanischen Grippe«.

In Ländern wie England, Frankreich, Italien, Russland, USA - den Kriegsgegnern des Deutschen Reichs und der Donaumonarchie - kursieren Gerüchte, die vom Bayer-Konzern hergestellten und weltweit vertriebenen Aspirintabletten seien vergiftet worden.

Andere sehen die von unbestatteten Leichenbergen auf den Schlachtfeldern in Flandern und Nordfrankreich aufsteigenden (angeblich) giftigen Dünste als Ursache der tödlichen Seuche an. Fromme Christen, vor allem Angehörige US-amerikanischer Freikirchen, betrachten die »Spanische Grippe« als Strafe Gottes. Viele Menschen glauben an die Wiederkehr der - noch nicht völlig ausgerotteten - Pest.

Die Gesundheitsbehörden der betroffenen Länder sind auf die Katastrophe kaum vorbereitet und reagieren, als die erste Schockstarre gewichen ist.

Soldaten in Gefahr

Die Losung heißt - wie bei der momentanen Corona-Pandemie - »social distancing«: Massenveranstaltungen werden verboten, über öffentliche Gebäude Quarantänen verhängt, Isolierstationen in Kliniken eingerichtet. Schulen, Theater, Märkte und Kirchen bleiben geschlossen. Das öffentliche Leben kommt mehr und mehr zum Stillstand. Der Gebrauch von Gesichtsmasken und Desinfektionsmitteln wird gesetzlich vorgeschrieben, ist jedoch wenig wirksam. Spucken auf der Straße wird unter Strafe gestellt. Dank rigorosem Vorgehen der Behörden gelingt es in der Fünf-Millionen-Metropole New York, die Zahl der Neuinfektionen massiv zu verringern.

Im Unterschied zur gegenwärtigen Corona-Epidemie fallen der »Spanischen Grippe« überdurchschnittlich viele Männer im Alter zwischen 20 und 40 Jahren zum Opfer. Manche Medizinhistoriker gehen davon aus, dass diese Altersgruppe fast die Hälfte aller Pandemie-Toten stellt.

Zwei Ursachen sind für dieses Phänomen verantwortlich: Millionen Soldaten in diesem Alter kehren unterernährt, verwundet und von diversen Vorerkrankungen geschwächt von den europäischen Kriegsschauplätzen zurück. Ein idealer Nährboden für das Killervirus.

Da aber auch in nicht am Krieg beteiligten Ländern besonders viele Männer dieser Altersgruppe zu den Seuchenopfern zählen, bieten heutige Medizinwissenschaftler folgende Erklärung an: Das effiziente Immunsystem gesunder Männer im »besten Alter« versucht, das Virus mit einer Überreaktion abzuwehren, die stattdessen jedoch zur Zerstörung des Lungengewebes führt. Dass das tödliche Virus von 1918 von einem mutierten Vogelgrippevirus auf den Menschen übersprang, gilt heutigen Forschern als sicher. Wildenten und Gänse sind seine Hauptüberträger.

Im Februar 1919 kommt es in einigen Ländern, darunter auch Deutschland, jedoch zu einer dritten Pandemiewelle. Sie fordert glücklicherweise nur noch wenige Menschenleben und gilt als »Nachepidemie«. Es bleibt ein schwer deutbares Phänomen, dass die »Spanische Grippe« kaum Eingang ins kollektive Gedächtnis der Menschheit gefunden hat. So gibt es zum Beispiel weltweit kein einziges literarisches Werk von Bedeutung, das die Seuche zum Hauptthema hat. Gerhard Kollmer

FOTO: HULTON/CORBIS/DUKAS/GK/DPA

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