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Rutschbahn des Heiligen Geistes

  • Jürgen Wagner
    VonJürgen Wagner
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Beim Abschied kommen stets Erinnerungen hoch: Der schöne große Garten! Die Wellen, auf denen die Kinder kletterten! Und das undichte Dach! Einmal fielen die Regentropfen während des Gottesdienstes direkt in die Bibel. Es gab viel zu erzählen beim Abschied der evangelischen Kirchengemeinde Friedberg vom Gemeindezentrum West.

Auf dem Altar im Gemeindesaal lag die Bibel aufgeschlagen, Psalm 84: »Freude am Haus Gottes«. Eine passende Stelle für den Abschied vom Gemeindezentrum West. Während hier drinnen noch die letzten Kisten, Stühle, Steckenpferde und jede Menge Bastelmaterial auf den Abtransport warten, versammeln sich draußen im Garten die Mitglieder der Kantorei. Die Bauarbeiter haben die lärmende Betonsäge ausgeschaltet, unter der Leitung von Kantor Ulrich Seeger erklingt ein vierstimmiger Kanon: »Ausgang und Eingang, / Anfang und Ende / liegen bei Dir, Herr, / füll Du uns die Hände.«

Das Gemeindezentrum West mit angeschlossenem Kindergarten und Wohnungen in den Obergeschossen war tatsächlich eine Art Füllhorn. Und das Glück, das in diesem mythologischen Symbol steckt, zeigte sich in der Begegnung all derer, die hier zu Konfi-Treffen zusammenkamen, sich in Gremien austauschten, Choräle einübten, Gottesdienste feierten oder im Garten ein Fest feierten. Ein jährlicher Höhepunkt war die Kinder-Sing-Bibel-Woche (KiSiBiWo), hier wurden Geburtstage und Hochzeiten gefeiert. Pfarrerin Claudia Ginkel und Elenor Fritzsch vom Kirchenvorstand erinnerten in Ansprachen an alle diese Begegnungen.

Das »Wellenhaus« und der »Wellen-Kindergarten« waren schnell in aller Munde, als das Gemeindezentrum 1980 eingeweiht wurde. Mitte der 1960er Jahre war das Baugebiet Friedberg-West entstanden. Die evangelische Kirche zeigte Präsenz, ging dorthin, wo sich junge Familien ansiedelten, wo Kita-Plätze benötigt werden und sich ein Gemeindeleben entwickeln kann.

Kaum fertig, schon dringt Wasser ein

Doch schon bald begann der Ärger. 1986, gerade einmal sechs Jahre nach Fertigstellung, musste das Gebäude erstmals grundsaniert werden. 2001 war dies abermals der Fall. Das Problem: Wasser drang ins Gebäude ein. Pfarrer Mathias Fritsch erinnerte sich an einen Gottesdienst an einem Novembermorgen. »Es regnete in Strömen, das Wasser tropfte durch die Decke direkt in die Bibel.«

Spaßig, aber wohl auch nervig war der Umgang mit den Eimern, die immer dorthin geschoben werden mussten, wo es am meisten tropfte. Ende der 1990er Jahre glaubte der Kirchenvorstand, zumindest für den Gemeindesaal eine Lösung gefunden zu haben: Eine Überdachung sollte das Flachdach überspannen. Da aber habe der Architekt, Prof. Johannes Peter Hölzinger, mit Klage gedroht, da es sich um ein Kunstwerk handele. Es regnete weiter rein.

Gottesdienste beginnen, wenn die Glocke geschlagen hat. Es gab und gibt aber keine Glocken im Gemeindezentrum West. Organistin Ilse Etzel sagte, das sei kein Problem gewesen: »Der Gottesdienst begann, wenn die Frau von Pfarrer Hinkel da war.« Kurios sei auch eine Großfamilie aus einem Problemviertel gewesen, bei der er Taufen vornahm, erzählte Fritsch. Wer getauft werden sollte, wurde von der »Matriarchin« der Familie bestimmt. Beim Gottesdienst habe ein großes Durcheinander geherrscht, zwei Familienmitglieder hätten gar gefragt, ob sie während der Taufe rauchen dürften.

Das Wellenhaus ist verkauft, in der Kita entstehen Wohnungen, der Gemeindesaal wird von einer rumänisch-orthodoxen Gemeinde genutzt. Für die Kirchengemeinde ist diese Nutzung ein Glücksfall. Blieb am Ende nur die Frage, ob die Wellenform des Gebäudes tatsächlich die Taunusberge spiegelt. Das ist richtig, aber nur die halbe Wahrheit. Ursprünglich war ein Gebäude mit kubischen, also würfelförmigen Elementen geplant, und außerdem, wusste ein Gemeindemitglied zu berichten, handele es sich bei den Wellen um »die Rutschbahn des Heiligen Geistes«. Die besinnliche Abschiedsfeier endete mit Chorgesang und Sekt.

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